Montag, 25. Juni 2018

Verschonung

Magnetismus - die Stirn zu den Knien,
in der Mitte von fötal und natal
ist dies eine fatale Position.
Der Rücken biegt sich in der
Fibonacci Folge;
zerbricht einzelne Wirbel,
reißt am Rückenmark,
offenbart all meine Neurosen.

[Nur nicht auf einer ungeraden Zahl enden.
Ich muss sie sonst reinigen
wie immer schmutzige Finger.]

Diese Gewundenheit dieser
glorreich verkommenden Knochen
liest sich
wie Insinuation.
Ich bin kein Gürteltier.
Weder Arme noch Beine haben
Rüstung oder Panzer.
Kein Schutz gegen Angriffe
(von innen; Zweifel, diese Angst.),
hab nur entzündete Fingergelenke,
die eine Parlamentärflagge wehen lassen.
Semaphor der Verletztlichkeit,
Vergesslichkeit und Zimmerpflanzen.

[Gieß' mich!
1-2-3-4 Mal!
Wasch' mich!
1-2-3-4-5-6 Mal! Noch bis 8,
nicht ein mal mehr.]




Ausgeliefert,
meine Schwachstelle freigelegt,
erkennbar aus der Ferne.

Mittwoch, 20. Juni 2018

Schaufeln

Vielleicht wollten die Menschen, die in den Gräbern, die sie selbst ausgehoben haben, gestorben sind, nur ihre Knochen atmen lassen.

Dienstag, 19. Juni 2018

Dezentral

I.
Doch
nun IST die Zeit zu Schreien.

II.
Als wir uns trafen, schüttelten wir uns nicht die Hände.
So schüttelten wir auch Gott niemals die Hände,
welches ein Fehler gewesen sein könnte.
Denn schau' doch hinauf zum Himmel!
Sieh hin und staune!
(Schäfchenwolken am Horizont.)

III.
Wenn man Fragezeichen faltet,
kann man sich an ihnen erhängen.
Aufhängen, wenn man nicht so dramatisch klingen möchte.
Was wäre, wenn...?
Was wäre, wenn...?

Nur ein paar Worte
an einem einsamen Ort,
für all die Menschen in meinem Leben
ohne Platz.

IV.
Mindestens 90% der Leute,
die ich kenne
beziehungsweise zu kennen scheine,
wären glücklich damit,
ihr Leben schlafwandelnd zu verbringen.
Kein Gefühl. 

V.
Du sahst die blauen Flecken
wie der Daumen, der Haut
tektonisch verschiebt.
Subduktion des Seins;
Spannungslinien Katastrophe.

Hier gibt es keine Diamanten
oder wertvolle Steine,
hier gibt es nur Blut,
welches die Jahre vor sich hin zählt.

VI.
Kannst du es fühlen?
Oder ist dies lediglich
das Beben
meines eigenen Herzens?

VII.
Auf Wiedersehen.

an die Gärten, die wir wuchsen ließen,
gepflückt haben.
An die Gärten, die wir kannten,
und entwurzelt haben.

Freitag, 1. Juni 2018

Zweifel

I.
Im Bett liegend,
schwer und untauglich:
Der Körper fühlt sich an
wie das Knirschen alter Dielen.
In Dunkelheit werden
federleichte Fußtritte zu
Druckpunkten.

II.
Meinen Stiften und Pinseln
musste ich versprechen, dass
ich keine Versprechen mehr mache.
Denn wer nicht liebt,
hält auch nichts ein.
Wer nicht lebt,
hat nichts zu verlieren.

III.
Dies sind die einzigen Schultern,
auf die dieser Kopf
zu perfekt
passt.
Nach all dieser Zeit,
gemeinsam einsam, 
die Dringlichkeit nach etwas zu suchen,
was direkt an dem Ort sitzt,
an dem es immer gewesen ist.
Das nennt man nicht Verlust.
Überfürsorglichkeit, vielleicht.

IV.
Nach dem Tod meines besten Freundes
hatte ich nichts,
was ich noch hätte berühren können.
Physisch, meine ich.
Möglicherweise wäre es
weniger problematisch gewesen,
wenn ich meine Finger über Fotos
hätte streichen können;
wenn ich meine Tränen in einem Shirt von ihm
abtrocknen hätte können.

Jahre sind vergangen.
Ich bin unsichtbar und
kann nichts umgreifen.

V.
Gerne wüsste ich um Sinnlichkeit,
doch suche ich nach Sinn und
nie nach den Sinnen.
Als ich seine Hände auf meinen Brüsten spürte,
sanft und so ungleich den seinen,
fraßen sich zögerlich Unsicherheiten
durch meine Knochen.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Also machte ich das,
was ich bei ihm auch gezwungen war zu tun,
und wollte verdrängen,
dass sich seine Zärtlichkeit
fast gleich anfühlt
wie Verrohung.

Ich hasse mich dafür,
dass ich mir wünschte, es würde schnell vorüber sein,
darum stöhnte ich einfach lauter,
ritt ihn etwas schneller
und litt vehement verstellter.

VI.
Es tut mir leid.
Aber ich kenne den Unterschied
zwischen Liebe machen und
Benutzt-werden nicht.

Samstag, 21. April 2018

Einst vertrautes Herz

Jeder von uns hat seine lähmenden Momente. Versteckt in den Schatten unter unseren Augen, die oft inmitten der Nacht untergehen. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Befürchte, dass ich alles bereits erwähnt, auf allem bereits rumgekaut und meine Worte bereits verbraucht habe. Wahrscheinlich liegt es an mir, denn ich habe vergessen zu atmen.
Aus diesem Grund lasse ich Menschen nur ungern an mich heran, wenn überhaupt; womöglich habe ich auch vergessen, wie man vertraut. Auch wenn es schneit, lasse ich das Fenster weit geöffnet, damit mein Herz sich erwärmen kann. So entgeht man auch jeglicher Konversation.

Es liegt nicht daran, dass ich zwigend unhöflich sein möchte. Nur weiß ich nicht, ob ich mehr zu bieten haben als halb-geformte Meinungen basierend auf Geister der Vergangenheit. Woher weiß ich, dass dies genug ist, eine Verbindung mit jemandem ein zu gehen?
Mehr als eine Maske zu tragen - es ist Bühnenkunst und Zauberei: Das, was man sieht, ist nichts weiter als eine Simulation. Fingiert und fiktiv wie Offenheit, so sehr angepasst, dass niemand erst auf die Frage kommt, was sich unter all dieser Arglosigkeit befindet. Unkompliziertes Chaos, natürlich nicht eingesetzt in böswilliger Absicht, nur auf die Minute genau konzipiert; vergänglich.
Manch einer verwechselt es mit Schüchternheit oder stoischer Scheuhheit. Platz für großes Geschehen gibt es dort nicht. Also brodeln Gefühle und Trauma so weit unten, dass sie selten jemand sehen wird. Abgesehen von Angst und Wut und all die schlechten Entscheidungen, die damit einhergehen, versteht sich von selbst.
Würde es dich gruseln in ein so blankes Gesicht zu blicken, dass du nichts als eine Reflektion erkennen kannst? Wie eine Projektion auf weißem Leinentuch. Ab und an befürchte ich, dass die Person hinter diesem Gesicht dünn wird, ausradiert wird. Und irgendwann nur Puzzle-Teile anderer Charaktere übrig bleiben. Mehr nicht. Nur das.


"Geht es dir gut?", fragt jemand, und die harten Kanten zerfallen gleich - ich lächle schnell und unverfroren, wie ein Messer.
"Natürlich!", antworte ich mit einem geübten Strahlen, welches nicht so verdammt überzeugend wirken sollte. Schon bei solch einer verkannten Frage beginnt mein Gehirn das Kreiseln: Wie geht es mir jetzt? Wie ging es mir heute vor 5 Jahren? Vor 10 Jahren? Vor 20 Jahren? Wie wird es mir heute in 5 Jahren gehen? Und ich denke an Löcher, ganz plötzlich, an Dunkelheit, damals wie heute; denke daran wie es ist, benutzt und missbraucht zu werden - an das Verlassen und Zurückgelassen werden, und es macht mich wahnsinnig. Das ist bescheuert. Es ist dumm, aber mein Kopf weiß nicht, wie er aufhören soll, das Befürchtete zu erwarten.

"Niemand lässt Sie mehr zurück. Sie sind nicht mehr gefangen; nicht physisch. Wir lassen Sie nicht in der Dunkelheit zurück!", sagt mein Therapeut; blickt mich eindringlich durch seine runden Brillengläser hindurch an. Studiert und genau so überzeugend wie andere Lügen. Ich nicke. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Später im Bett gebe ich mein Bestes, mich nicht schuldig zu fühlen - was selbstverständlich nur mäßig gelingt. Sorge und Mitleid wäre zu viel der Ehre, zumal irreführend und regressiv. Das Problem mit dem Vertrauen steht groß mit Leuchtreklame über mir geschrieben. Das Blinken und Flackern hält mich wach. Wach genug, um mir Horrorszenarien aus zu malen, für die ich nur meine Erinnerung brauche, nicht meine Fantasie.
Ein flüchtiges Schimmern mit dem Gesicht meiner Mutter fährt mir durch den Sinn. Der bekannte Koffer in den Händen, und der selbe abwertende, zermalmenden Ausdruck: Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht und - was soll ich sagen? - diese kenne ich zur Genüge.
Schlaf umgeht mich diese Nacht vollkommen. Nur die Angst bleibt, wie eh und je; ist es falsch zu fürchten, dass diese herabziehende Routine irgendwann einmal in Lieblosigkeit endet?

Ich bin müde. Jedoch nicht nur von Schlaflosigkeit. Ausgezerrt von Absolutionen, an die ich nicht glaube. Gehetzt von einer Form unausgleichender Gerechtigkeit, die markanter ist als alles, was Menschen tun können und abscheulicher als alles, was Menschen erschaffen können. Obwohl ich nicht an Gott glaube, glaube ich an zweite Chancen. Und daran, dass niemand niemals in irgendwas vollkommen sein kann und wird.
Nur leider wirft diese Einstellungen mehr Fragen auf als sie Erklärungen liefert. So sind wir als Schöpfung der Evolution eben: Perfekt unvollkommen. Vollkommen imperfekt. In irgendwas muss ich ja glauben - und ich glaube daran, dass Schrecken und Wunder als Konsequenz für unsere Taten nicht weit auseinander liegen.
"Und wie weit hat dich diese Einstellung gebracht?", fragt ein zynisches Wispern aus der dunkelsten Ecke meines Kopfes. Kurz, doch intensiv durchfährt mein Herz ein stechender Schmerz.
"Einmal habe ich gebetet", flüstere ich ganz leise. "Selbst in diesem Moment habe ich nicht daran geglaubt; was vielleicht das Problem war, doch ich dachte dieses Leid wird nie vergehen. Ich war schwach und verzweifelt, verspürte jegliche Form von Not... und in dieser Urform des Selbsthasses konnte ich nur noch beten."
Erinnerungen durchfluten mich wie Gespenster, die ich niemals rief. Vor meinem geistigen Auge erscheint mein Vater - leere Flasche, voller Zorn. Da sind Schreie und das Verfluchen meiner Existenz: Mein jüngeres Ich eingesperrt im Kinderzimmer, geziert von dem ein oder anderen blauen Fleck, den plötzlich keiner mehr erklären kann.
Schmerz. Ich will wollte sterben. 
Sind das Tränen? Ich weiß es nicht. Das ist Ekel, Scham und Schande. Weitere Erinnerungen prallen auf mich ein. Plötzlich wechseln die Bilder von meinem Vater zu ihm. Da ist er, weil er immer überall ist. Omnipotent wie ein Fluch, wie ein ewiger Todeswunsch - über mir bewegt er sich, schwitzt und stöhnt; und ich habe Angst. Angst!! Solche Angst! Starr und erschrocken, benutzt - gerade verteilt er sein Ejakulat auf meinen fetten Oberschenkeln - und in diesem Moment absoluter Verzweiflung bete ich "Gott - bitte lass mich sterben!"

"Was ist dann passiert?", fragt die Stimme unschuldig, als würde sie die Antwort nicht schon kennen.

"Ich bin nicht gestorben.", krächze ich trocken hervor. "Und jetzt bin ich eine arbeitslose Verschwendung von Sauerstoff mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung und so viel Angst und Panik, dass ich mich ohne Tabletten nicht wie ein gewöhnlich funktionierender Menschen verhalten kann... also sag' du mir, was passiert ist."
Möglicherweise hätte ich zu Judas Thaddäus beten soll, den Heiligen für auswegslose Situationen, denn mehr als auswegslos war meine Situation auch nie.

Der Rest erübrigt sich in einem Akt des Verschwindens, der so unbeschreiblich gut ist, weil er bis ins kleinste Detail geübt wurde. Angewidert von der Reflektion im Spiegel wende ich mich ab - mehr von mir selbst als vor allem anderen. Während die Intrusionen beißender und aufdringlicher werden, wächst und wächst und wächst die Angst in mir. Versiegt sind ernst zu nehmende Tränen, in Sorge sinkt der Kopf schwer in meine Hände. Ich frage mich, ob es jemand versteht? Ob jemand das Gefühl kennt, immer dann in die Augen eines Menschen zu schauen, wenn ihr Herz in tausend Stücke bricht? Die Frage ist schlimmstenfalls verunsichernd. Die Antwort bestenfalls entmutigend.
"Manchmal", so spreche ich der Dunkelheit entgegen. Denn es ist ja keiner hier. Niemand außer die Dämonen der Erinnerung. "Manchmal... fühlt es sich so an als wäre dies das Einzige, was ich je in ihnen sehen werde. Immer genau den Moment, in dem sie brechen - Wiederholung. Bis dies alles ist, was ich mit mir trage, für sie und mich; ihr Herzschmerz und ihre Verletzungen."
Ein Wimpernschlag wie ein Aufschrei in der Nacht: Wenn ich beten könnte, würde ich nicht mehr sagen "Gott, bitte lass mich sterben". Ich würde sagen "Gott, bitte lass mich endlich leben."
Denn ich bin mehr als bereit, etwas anderes zu sehen, zu fühlen, zu erleben, zu verstehen. Einmal nur möchte ich in jemandens Augen schauen und erkennen, dass er Liebe spürt, die er nicht ausnutzt und beschmutzen will.