Dienstag, 4. September 2018

Nichts an dir ist besonders

[Triggerwarnung für das Thema Bulimie]

Wenn du genug Haare unter der Dusche verlierst, mache dir eben eine Decke daraus. Jetzt stell' dich nicht so an; sei vorsichtig und stehe langsam auf, sonst trifft Wange den kalten Badezimmerboden. Warnzeichen kann man bemerken und zur Kenntnis nehmen. Also wenn du dir am Morgen den Mund ausspülst und du etwas Blut spuckst, was ist schon dabei? Es hatte ja ein ganz helles Rot, das heißt, das Blut kommt nicht aus dem Darm oder dem Magen. Ganz ruhig bleiben.

Du hast es nicht verdient, dass es dir besser geht. Eine kaputte Porzellanpuppe kann man reparieren, aber keiner ist verantwortlich für das Erbrochene an ihren Fingern. Wer kann schon etwas lieben mit so einem geschwollenen Gesicht?
Nichts an dir ist besonders. Vielleicht findest du zwischen Gaumen und Zunge irgendwann etwas... mehr. Mehr als Magensäure jedenfalls - so wie Gold, oder Antworten, oder eine Sekunde Stille; einen Hauch Wille, der sich nach mehr anfühlt als einem Todeswunsches.
Momentan tropft da nichts als Bedauern aus deinem Mund. Die Reflektion der schwarzen Punkte vor deinen Augen ist ein Abbild von dem Gefühl zu fliegen, oder zu sterben. Keiner kommt je auch die Idee, dass die Toilette der beste Freunde sein kann... bis sie es ist. Umarme sie noch fester. Klammere dich an sie.

Sprich mit Niemanden darüber. Was sollen die Leute auch denken? Immerhin lebst du in einer Gesellschaft aus Trollen und Hatern, jeder urteilt über dich. Sei lieber vorsichtig in der Art wie du sprichst, damit deine Zähne nicht aussehen als würdest du sie fletschen. Versteck dein Gesicht, deinen Körper - du bist zu fett.
Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut? Ich frage dich nicht, ob du gesund sein willst. Ich frage dich, ob du angepasst sein willst! Nur das macht dich glücklich! Erleichtere dich von diesem Druck. Es nimmt dir den Schmerz.
Zurück kannst du sowieso nicht mehr.

Oh Gott, du musst dich schuldig genug fühlen, niemals genug zu sein.
Oh Gott, es muss dich belasten, dass es so schwer fällt dich zu lieben.
Bedingungslos ist nie etwas.

Sonntag, 26. August 2018

Vergiftend

Und ich fülle die zum Gebet gefalteten Hände mit Sand,
leere mich von Wünschen und Dieben.
Explodierende Sinne wie Kirchenlichter.
Ein Seufzen, denn Sorge ist der schwarze Vogel,
der Müllreste vom Bürgersteig sammelt.
Ein Krächzen, denn Kummer ist der blutende Stift,
der keinen Platz mehr auf weißem Papier findet.
Ein Stöhnen, denn Pein sind die morschen Knochen,
die uns nicht mehr tragen können.

Die Schwerkraft zwingt uns zum Betteln.
Und mit Schwerkraft meine ich Göttlichkeit.
In dieser Grube aus Unrat sind wir geschlechtslos;
Fantasieromane und Lebensmittelrechnungen.
Hier schmeiße ich meine Lieben genau da hin,
wo sie hin gehört.
Keiner wird mehr so nach einnehmender Körperlichkeit
trachten
wie er.
Auch wenn das heißt, es gibt nichts an mir zu lieben.
Auch wenn das heißt, dass die morbide Sprache meiner
verschlafenden Zunge mich nur näher an mein Ende rückt.
Flüsternde Anekdoten wie wirkungslose Antidoten.
Ich kaue auf den Nägeln bis ich Finger erreiche.
Diese Hände sind nicht sicher.
Ebenso wenig wie dieses Herz,
eine Perle im schwarzen Sand.
Gestohlene Momente,
verloren in Verfluchtkeit.
Am anderen Ende kann ich das Lachen eines Kindes hören,
verhallend, fast schon verhöhnend.

Was auch immer dieses Leben bedeutet,
was ich so sehr führe wie es mich,
meine Augen sehen nicht mehr als
deinen dünnen Hals:
Als wärst du schon gewürgt worden,
blau und lila .
Wieder ertönt ein Seufzen von meinen Lippen,
denn ich befürchte, dass nichts jemals mehr so
schmecken kann wie die Nacht, in der ich
blutend, weinend, sterbend
auf dem Badezimmerboden lag.
Da nützt einem auch das Spreizen von Armen und Beinen nichts.
Weder im Namen der Bedürfnis,
noch der Notwendigkeit.

Ich fürchte mich vor dem Gedanken,
dass ich genug Blut in meinem Körper
übrig habe -
für ein Leben voller Schande.

Donnerstag, 2. August 2018

Vergewaltiger haben Namen

Und wenn du denkst, es gibt kein diesbezüglich wichtiges Thema mehr, welches du nicht längst durchgekaut hättest, präsentiert dein Gehirn Fragen, die es gar nicht wert sind beantwortet zu werden.
Zumal Antworten immer dazu aufrufen, sich im Kreise zu drehen, richtig?

+ ~ +

Ist Fremdsein manchmal die bessere Option als den Peiniger beim Namen nennen zu können?
Das unbekannte Abartige, das Monster aus der Tiefe anstelle von Mutter, Großvater, Tobias, Anna....
Die Fragen nach dem Warum und Weshalb werden auf beiden Seiten selten beantwortet. Und wenn, beruhigt dieses Wissen nicht das Schamgefühl.
Auf der anderen Seite löst Gesichtslosigkeit möglicherweise eine Paranoia aus, die aus "der/die Böse" "das Böse" macht.

Es macht keinen Sinn sich damit auseinander zu setzen, sage ich mir.

Mein Vergewaltiger hat einen Namen. Er hat ein Gesicht, einen Geruch, eine familiäre Nähe.
Ich hasse alles daran.
Ich hasse, dass ich ohne Begleitung die Wohnung nicht verlassen kann, weil mich irgendeine Gangart, eine Gestik, eine Brille, ein Deo,... an ihn, den ich mit Namen nennen kann, erinnert.
Ich hasse, dass sich die Angst, die sich seit meiner Kindheit in meinen Kopf manifestiert hat, mich daran abhält, ein Leben zu führen, welches mich nicht an den Klang seiner Stimme erinnert.
Ich hasse, dass ich mir selbst wie ein Lügner vorkomme, weil ich - gute Miene zum bösen Spiel -, nicht aussprechen kann, was mich quält, weil weitere Namen nie sehen oder gar verstehen wollten. Alles war für sie nur Drama, der Ruf nach Aufmerksamkeit, alles war für sie Schauspiel - wo soll Vertrauen herkommen?

Vor ein paar Tagen habe ich auf der Brücke gestanden, von der ich mich vor sechs Jahren stürzen wollte. Es sollte nicht so sein. Wahrscheinlich schlug mein Herz nur schwer vom Gewicht der unsichtbaren Beweise. Denn auf eine poetische Art und Weise habe ich mich getötet; schon vorher, damals mit den Tabletten, die mir gerade mal Magenschmerzen bereitet haben. Der Rest geschieht in meinem Kopf. Hier kann ich mir vorstellen, dass ich mit einem Ziegelstein auf ihm einschlage, so laut "NEIN! NEIN! NEIN" schreie, dass unsere Köpfe zu zerspringen drohen. In der Vorstellungskraft kann ich beißen und kratzen und schubsen und wütend sein, mich wehren. Manchmal kann ich sogar weinen, denn hier kann ich spüren, dass es auch andere Wege für und um Sex gibt.
Es ist nämlich schmerzlich furchtbar, dass ich diesen lieben Mann mich nicht anfassen lassen kann ohne mich zu schämen. Dass ich ihn mich nicht anschauen lassen kann ohne zu vergleichen. Dass ich kaum in dieser bestimmten Position sein kann ohne daran erinnert zu werden, dass dies die Position war, in der ich lernen musste, dass Er (den ich bei Namen nennen könnte, aber nicht kann) ein Vergewaltiger ist. Der Schmerz ist wieder real und nah, greifbar förmlich, obwohl da gar kein Schmerz sein sollte.

Es macht wirklich keinen Sinn, sich damit auseinander zu setzen.

Vergewaltiger haben Namen.
Für die andere Seite ist es belanglos, ob man ihn kennt oder nicht.
Oder doch nicht?
Ich bin mir nicht sicher. Kann nur gestehen, dass ich einen Namen für sein Gesicht habe, aber nicht weiß, was ich bin. Betiteln fällt leicht - so schnell ist ein Etikett gefunden für jeden Umstand, den man sich ausdenken kann.
Aber was bin ich, wenn seine Hände im Schlaf durch meine Haare fahren, während seine Brust sich gegen meine drückt und der Boden unter mit offen liegt?

Donnerstag, 26. Juli 2018

(Ich) Lass' mich nicht los

In diesem Negativ existierend,
ruht ein Abbild von dir.
Stehend unter einer Straßenlaterne;
lass' den Nebel umringen,
was dein Atem nicht erreichen kann.
Während sich meine Augen schließen,
flackert deine dunkle Silhouette über mein Gesicht.

Du starrst mich an
mit einer Präzision und Künstlichkeit
wie roter Schnee auf grauem Asphalt.
Zu gerne würde ich dir erlauben,
einen Schritt näher zu kommen,
doch diese Herzgefäße sind angekratzt;
verkalkt. 

Die leere Luft, die dich umgibt,
greife ich mit Strohfingern,
drücke fest.
Dies könnte der Marsch zur Zuflucht sein,
oder auch Rückzug.

Freitag, 1. Juni 2018

Zweifel

I.
Im Bett liegend,
schwer und untauglich:
Der Körper fühlt sich an
wie das Knirschen alter Dielen.
In Dunkelheit werden
federleichte Fußtritte zu
Druckpunkten.

II.
Meinen Stiften und Pinseln
musste ich versprechen, dass
ich keine Versprechen mehr mache.
Denn wer nicht liebt,
hält auch nichts ein.
Wer nicht lebt,
hat nichts zu verlieren.

III.
Dies sind die einzigen Schultern,
auf die dieser Kopf
zu perfekt
passt.
Nach all dieser Zeit,
gemeinsam einsam, 
die Dringlichkeit nach etwas zu suchen,
was direkt an dem Ort sitzt,
an dem es immer gewesen ist.
Das nennt man nicht Verlust.
Überfürsorglichkeit, vielleicht.

IV.
Nach dem Tod meines besten Freundes
hatte ich nichts,
was ich noch hätte berühren können.
Physisch, meine ich.
Möglicherweise wäre es
weniger problematisch gewesen,
wenn ich meine Finger über Fotos
hätte streichen können;
wenn ich meine Tränen in einem Shirt von ihm
abtrocknen hätte können.

Jahre sind vergangen.
Ich bin unsichtbar und
kann nichts umgreifen.

V.
Gerne wüsste ich um Sinnlichkeit,
doch suche ich nach Sinn und
nie nach den Sinnen.
Als ich seine Hände auf meinen Brüsten spürte,
sanft und so ungleich den seinen,
fraßen sich zögerlich Unsicherheiten
durch meine Knochen.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Also machte ich das,
was ich bei ihm auch gezwungen war zu tun,
und wollte verdrängen,
dass sich seine Zärtlichkeit
fast gleich anfühlt
wie Verrohung.

Ich hasse mich dafür,
dass ich mir wünschte, es würde schnell vorüber sein,
darum stöhnte ich einfach lauter,
ritt ihn etwas schneller
und litt vehement verstellter.

VI.
Es tut mir leid.
Aber ich kenne den Unterschied
zwischen Liebe machen und
Benutzt-werden nicht.

Samstag, 21. April 2018

Einst vertrautes Herz

Jeder von uns hat seine lähmenden Momente. Versteckt in den Schatten unter unseren Augen, die oft inmitten der Nacht untergehen. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Befürchte, dass ich alles bereits erwähnt, auf allem bereits rumgekaut und meine Worte bereits verbraucht habe. Wahrscheinlich liegt es an mir, denn ich habe vergessen zu atmen.
Aus diesem Grund lasse ich Menschen nur ungern an mich heran, wenn überhaupt; womöglich habe ich auch vergessen, wie man vertraut. Auch wenn es schneit, lasse ich das Fenster weit geöffnet, damit mein Herz sich erwärmen kann. So entgeht man auch jeglicher Konversation.

Es liegt nicht daran, dass ich zwigend unhöflich sein möchte. Nur weiß ich nicht, ob ich mehr zu bieten habe als halb-geformte Meinungen basierend auf Geister der Vergangenheit. Woher weiß ich, dass dies genug ist, eine Verbindung mit jemandem ein zu gehen?
Mehr als eine Maske zu tragen - es ist Bühnenkunst und Zauberei: Das, was man sieht, ist nichts weiter als eine Simulation. Fingiert und fiktiv wie Offenheit, so sehr angepasst, dass niemand erst auf die Frage kommt, was sich unter all dieser Arglosigkeit befindet. Unkompliziertes Chaos, natürlich nicht eingesetzt in böswilliger Absicht, nur auf die Minute genau konzipiert; vergänglich.
Manch einer verwechselt es mit Schüchternheit oder stoischer Scheuhheit. Platz für großes Geschehen gibt es dort nicht. Also brodeln Gefühle und Trauma so weit unten, dass sie selten jemand sehen wird. Abgesehen von Angst und Wut und all die schlechten Entscheidungen, die damit einhergehen, versteht sich von selbst.

Würde es dich gruseln in ein so blankes Gesicht zu blicken, dass du nichts als eine Reflektion erkennen kannst? Wie eine Projektion auf weißem Leinentuch. Ab und an befürchte ich, dass die Person hinter diesem Gesicht dünn wird, ausradiert wird. Und irgendwann nur Puzzle-Teile anderer Charaktere übrig bleiben. Mehr nicht. Nur das.


"Geht es dir gut?", fragt jemand, und die harten Kanten zerfallen gleich - ich lächle schnell und unverfroren, wie ein Messer.
"Natürlich!", antworte ich mit einem geübten Strahlen, welches nicht so verdammt überzeugend wirken sollte. Schon bei solch einer verkannten Frage beginnt mein Gehirn das Kreiseln: Wie geht es mir jetzt? Wie ging es mir heute vor 5 Jahren? Vor 10 Jahren? Vor 20 Jahren? Wie wird es mir heute in 5 Jahren gehen? Und ich denke an Löcher, ganz plötzlich, an Dunkelheit, damals wie heute; denke daran wie es ist, benutzt und missbraucht zu werden - an das Verlassen und Zurückgelassen werden, und es macht mich wahnsinnig. Das ist bescheuert. Es ist dumm, aber mein Kopf weiß nicht, wie er aufhören soll, das Befürchtete zu erwarten.

"Niemand lässt Sie mehr zurück. Sie sind nicht mehr gefangen; nicht physisch. Wir lassen Sie nicht in der Dunkelheit zurück!", sagt mein Therapeut; blickt mich eindringlich durch seine runden Brillengläser hindurch an. Studiert und genau so überzeugend wie andere Lügen. Ich nicke. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Später im Bett gebe ich mein Bestes, mich nicht schuldig zu fühlen - was selbstverständlich nur mäßig gelingt. Sorge und Mitleid wäre zu viel der Ehre, zumal irreführend und regressiv. Das Problem mit dem Vertrauen steht groß mit Leuchtreklame über mir geschrieben. Das Blinken und Flackern hält mich wach. Wach genug, um mir Horrorszenarien aus zu malen, für die ich nur meine Erinnerung brauche, nicht meine Fantasie.
Ein flüchtiges Schimmern mit dem Gesicht meiner Mutter fährt mir durch den Sinn. Der bekannte Koffer in den Händen, und der selbe abwertende, zermalmenden Ausdruck: Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht und - was soll ich sagen? - diese kenne ich zur Genüge.
Schlaf umgeht mich diese Nacht vollkommen. Nur die Angst bleibt, wie eh und je; ist es falsch zu fürchten, dass diese herabziehende Routine irgendwann einmal in Lieblosigkeit endet?

Ich bin müde. Jedoch nicht nur von Schlaflosigkeit. Ausgezerrt von Absolutionen, an die ich nicht glaube. Gehetzt von einer Form unausgleichender Gerechtigkeit, die markanter ist als alles, was Menschen tun können und abscheulicher als alles, was Menschen erschaffen können. Obwohl ich nicht an Gott glaube, glaube ich an zweite Chancen. Und daran, dass niemand niemals in irgendwas vollkommen sein kann und wird.
Nur leider wirft diese Einstellungen mehr Fragen auf als sie Erklärungen liefert. So sind wir als Schöpfung der Evolution eben: Perfekt unvollkommen. Vollkommen imperfekt. In irgendwas muss ich ja glauben - und ich glaube daran, dass Schrecken und Wunder als Konsequenz für unsere Taten nicht weit auseinander liegen.
"Und wie weit hat dich diese Einstellung gebracht?", fragt ein zynisches Wispern aus der dunkelsten Ecke meines Kopfes. Kurz, doch intensiv durchfährt mein Herz ein stechender Schmerz.
"Einmal habe ich gebetet", flüstere ich ganz leise. "Selbst in diesem Moment habe ich nicht daran geglaubt; was vielleicht das Problem war, doch ich dachte dieses Leid wird nie vergehen. Ich war schwach und verzweifelt, verspürte jegliche Form von Not... und in dieser Urform des Selbsthasses konnte ich nur noch beten."
Erinnerungen durchfluten mich wie Gespenster, die ich niemals rief. Vor meinem geistigen Auge erscheint mein Vater - leere Flasche, voller Zorn. Da sind Schreie und das Verfluchen meiner Existenz: Mein jüngeres Ich eingesperrt im Kinderzimmer, geziert von dem ein oder anderen blauen Fleck, den plötzlich keiner mehr erklären kann.
Schmerz. Ich will wollte sterben. 
Sind das Tränen? Ich weiß es nicht. Das ist Ekel, Scham und Schande. Weitere Erinnerungen prallen auf mich ein. Plötzlich wechseln die Bilder von meinem Vater zu ihm. Da ist er, weil er immer überall ist. Omnipotent wie ein Fluch, wie ein ewiger Todeswunsch - über mir bewegt er sich, schwitzt und stöhnt; und ich habe Angst. Angst!! Solche Angst! Starr und erschrocken, benutzt - gerade verteilt er sein Ejakulat auf meinen fetten Oberschenkeln - und in diesem Moment absoluter Verzweiflung bete ich "Gott - bitte lass mich sterben!"

"Was ist dann passiert?", fragt die Stimme unschuldig, als würde sie die Antwort nicht schon kennen.

"Ich bin nicht gestorben.", krächze ich trocken hervor. "Und jetzt bin ich eine arbeitslose Verschwendung von Sauerstoff mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung und so viel Angst und Panik, dass ich mich ohne Tabletten nicht wie ein gewöhnlich funktionierender Menschen verhalten kann... also sag' du mir, was passiert ist."
Möglicherweise hätte ich zu Judas Thaddäus beten soll, den Heiligen für auswegslose Situationen, denn mehr als auswegslos war meine Situation auch nie.

Der Rest erübrigt sich in einem Akt des Verschwindens, der so unbeschreiblich gut ist, weil er bis ins kleinste Detail geübt wurde. Angewidert von der Reflektion im Spiegel wende ich mich ab - mehr von mir selbst als vor allem anderen. Während die Intrusionen beißender und aufdringlicher werden, wächst und wächst und wächst die Angst in mir. Versiegt sind ernst zu nehmende Tränen, in Sorge sinkt der Kopf schwer in meine Hände. Ich frage mich, ob es jemand versteht? Ob jemand das Gefühl kennt, immer dann in die Augen eines Menschen zu schauen, wenn ihr Herz in tausend Stücke bricht? Die Frage ist schlimmstenfalls verunsichernd. Die Antwort bestenfalls entmutigend.
"Manchmal", so spreche ich der Dunkelheit entgegen. Denn es ist ja keiner hier. Niemand außer die Dämonen der Erinnerung. "Manchmal... fühlt es sich so an als wäre dies das Einzige, was ich je in ihnen sehen werde. Immer genau den Moment, in dem sie brechen - Wiederholung. Bis dies alles ist, was ich mit mir trage, für sie und mich; ihr Herzschmerz und ihre Verletzungen."
Ein Wimpernschlag wie ein Aufschrei in der Nacht: Wenn ich beten könnte, würde ich nicht mehr sagen "Gott, bitte lass mich sterben". Ich würde sagen "Gott, bitte lass mich endlich leben."
Denn ich bin mehr als bereit, etwas anderes zu sehen, zu fühlen, zu erleben, zu verstehen. Einmal nur möchte ich in jemandens Augen schauen und erkennen, dass er Liebe spürt, die er nicht ausnutzt und beschmutzen will.