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Mittwoch, 22. März 2017

Unfrankierte Postkarten: Thomas

Lieber Thomas,

in der Grundschule war ich kindlich verliebt in dich. Wir waren der selbe Jahrgang - in der Parallelklasse; du hattest jedoch nicht den selben Standpunkt beziehungsweise die gleichen Sichtweisen wie ich.
Manchmal konnte man die Spitzen deiner blau-lila-grünen Schultern durch deine viel zu großen Shirts sehen. Wahrscheinlich Leihgaben deiner älteren Brüder oder anderen Verwandten. Nicht, dass dies hier zu irgendwas beitragen würde.

Ich erinnere mich an einen Freitag, an dem du nur in der Ecke sahst und ins Leere stiertest. Dein Arm war in eine schwarze Schlinge gewickelt: Das Resultat von tramplenden Elefanten. Du hast die ganze Zeit geweint, Träne um Träne, für Stunden am Stück.
Die anderen Kinder lachten und spielten, haben es nicht verstanden. Auf die grämende Frage nach dem 'warum' antwortete die Lehrerin mit "Sein Vater ist ein böser Mann". Dies war der Teil, den ich nicht verstand. Mein Vater war kein böser Mann, sagte man mir, mein Vater war besessen von einem bösen Dämonen namens Alkohol. Für mich war es wie eine Dose voller Süßigkeiten, die jemand ganz oben in den Schrank gestellt hat. Aber weder Vergleiche noch semi-Verständnis halfen dir, Thomas, das weiß ich genau. Sehr genau. 
Wir sind oft den Schulweg gemeinsam gelaufen. Oft habe ich mich viel zu übertrieben aufgeführt, weil ich dachte, es würde dich aufmuntern - irgendwie. Wahrscheinlich tat es das nie, aber trotzdem danke für dein Lächeln.

Als er auf- und heranwuchs konnte man die Veränderung deines naiven Charakters deutlich vermerken. Das Provozieren von Respekspersonen, die Schulhofkämpfe, das Begrabschen der Mädchen zwischen ihren Schenkeln und dem Einladen auf verfrühten Sex... Mir machtest du nie so ein Angebot. Obwohl ich "wisse wie es geht" und es dir "zeigen könne", sagte ich wortwörtlich zu dir. Wir waren nicht älter als 13. Das Angebot hast du nicht angenommen. Auch dafür möchte ich mich bedanken, obwohl ich nicht eitel genug bin, um zu glauben, dass es an mir lag. Oder gerade an mir, weil ich nicht gerade die einladenste Erscheinung hatte.

Später wurde das Krankenhaus sein zu Hause. Seine Mutter seufzte immer nur vor Sorge. Mehr tat sie nie.
Noch heute liebt und hasst er sie. Dafür, dass dieser Mann seine Kindheit töten durfte, so viele Chancen und Hoffnungen zerstören durfte, die Zuversicht auf eine Zukunft ruinieren durfte. Ich kann ihr nichts-sagendes Seufzen in meinen Ohren schallen hören. Obligatorisch gesehen, bin ich weder auf ethische noch soziale Ebene "verpflichtet" sie zu lieben. Wie man sich vielleicht denken kann, tue ich das auch nicht.  

Als du zum Mann wurdest, konnte ich nicht mithalten. Offen gestanden erträumte ich mir, dass du besser werden würdest als dein Vater. Aber selbsterfüllende Prophezeiungen kann man kaum noch zählen. Das umschreibt Vertrautheit in seiner hässlichsten Form.
Das letzte Mal als wir miteinander sprachen ist nun sechs Jahre her. Es war ein extrem leeres, erdrückendes Gefühl dich so zu sehen. Volltrunken wie jede Nacht. Dein Kopf sich muss vor lauter Lachen gedreht haben. Wie jemand der jeden und alles liebt nur nicht sich selbst. Aber so ist es ja so gut wie immer.

Also sitz' gerade, sei gehorsam und was auch immer passiert: Schreie niemals!
Du kennst das Spiel, mein alter Weggefährte. Ich habe Hoffnung für dich, aber glaube mir selbst viel zu oft nicht mehr.

Liebe Grüße
Emaschi

Mittwoch, 15. März 2017

Spätmenschlich oder gar nicht

Deine Lügen sind so viel schöner als die Wahrheiten, die du versuchst, zu verbreiten. Jednefalls leichter zu ertragen. Nur scheinen deine Anstrengungen stets einen Tick zu nobel (im Gegensatz zu herzlich) und diese Art von Güte hält kein Interesse für mich.
Warum sollte ich auch mitspielen und vorgeben, mich zu sorgen? Dies sind keine Momente von Brutalität oder abgrundtiefer Abscheu. In unseren Augen existiert kein Leuchten mehr. Ist das nicht furchtbar traurig?

Lieber blutig als in einem unaussprechbaren Weiß eingehüllt, so sehe ich dich bevorzugt. Denn weder vor nochh für dich brauche ich mich als einen besseren Menschen maskieren. Es gibt Zeiten, beängstigende und ehrfurchtgebietende, in denen ich einfach alles hinwerfen möchte. Niemals zurück blicken und stur den Kriegspfad für Wilde entlang schreiten, hinein in unbemannte Dunkelheit.
Nur der Gedanke an dich lässt mich inne halten, zögern und wanken wie ein Schiff auf hoher See. Obgleich ich nicht an deine Schuld glaube, bin ich auch von keiner Unschuld überzeugt - du bist verloren, weil du darauf bestehst, eine Fassade aufrecht zu erhalten, welche dich allein mit Menschlichkeit definiert. Aufgesetzt und unprofessionell bearbeitet.

Was ist denn auch Menschlichkeit für uns? Ein Staubkorn; der Schmutz an deinen Fingern, den du wie zerknirschende Reue den Abfluss herunter spülen kannst. Wir alle sind gequälte Seelen, komme ja nicht auf die Idee diese Farce gegen mich verwenden zu wollen. Ich entschuldige mich nicht. Einen anderen Weg wird es für uns nicht geben: Wir müssen uns der Situation gewachsen zeigen. Umarmer den Hunger, welcher deine Seele konsumiert. Zitter nicht vor ihnen, aber lasse sie ihnen ruhig lediglich deinen Bodensatz. Diese Gräslichkeit beschreibt nicht Misanthropie, sondern nur den Moment der Grausamkeit, der entsteht, wenn Nihilismus, Geisteskrankheit und ein gebrochenes Herz einen Packt schließen.

Mittwoch, 8. März 2017

Traute Einsamkeit

Mein Leben hat nicht die selbe Aufgabe wie die Liebe auf Bukowskis Schrottplatz, aber auch ich bin voll von Zungen-verbrennender Angst und belangloser Entschuldigungen; immer untergeordnet engherzig, immer biedermännisch unbedeutend.
Für ein Herz ist kein Platz zwischen Urin-befleckten Teppichen und Insekten-infizierten Kühlschränken: Ach, dieser bitter-süße Geschmack alt-bewährter Einsamkeit betäubt mir jegliche Sinne.

Dienstag, 7. März 2017

Verleugnung und hässlichere Folgen

Heute Nacht trinke ich auf dich! Hoch das Glas und würge all das herunter, was du hinterlassen hast.
Ich bin inzwischen überraschend gut darin, den Würgereiz zu ignorieren, um auf das Surren im Kopf zu warten. Weiße Baumwoll-Schlaflieder für die mit schwachem Herzen.
Innerlich töte es mich, dass wir nur eine Kollektion an Vignetten sind - immer nur die Skizzierung von Blütenfingern und blutenden Sonnenuntergangslächeln. Irgendwo am Straßenrand hinterlegt wie eine Erinnerung, die vor lauter Vernachlässigung elektrostatisch wurde.

Diesen Sommer werde ich ein Rebell. Der Martyrer in einem Kinderspiel. Ein Landstreicher mit nichts außer Kartons voll von toter Poesie, welche die einzige Heimat wurde, ist und sein wird.
Ich vermisse die Tage, an denen Persönlichkeitsstörungen nicht elegant und schmückend waren. Denn nun bin ich 3,74 Therapeutun durch kenne keine greifbare geistige Gesundheit und kein Bewusstsein mehr.
Ich möchte nur, dass du an mich denkst wie ich an dich denke. Nein, falsch, ich möchte, dass du weniger melodramatisch bist. Vom Mond gesprungen, in Worte gefallen - an den spitzen Kanten von Z und K aufgespießt.
Erst nachdem du weg warst, konnte ich Zuneigung spüren. Eigentlich ist das immer so, denn davor bin ich zu sehr damit beschäftigt, Leute weg zu stoßen und zu verleumdnen. Ein Portrait mit viel Mitternachtsblau und nüchterndem Grau, du der Sonne entgegen.

Jeder Planet, auf dem wir landeten, war bereits tot - das zum Brechen der Geschichte. Vertrau mir, ich wünsche mir auch, das Leben wäre ein Ohne-One-Nicht-Stand, weil es so schwer ist, jemanden in die Augen zu sehen, den man benutzt hat. Aus dem fremden Bett rollend, realisierst du, dass du plötzlich nur noch weniger Zeit hast. Du weißt, dass du dies füchtest. Somit auch irgendwie mich fürchtest.
Oder vielleicht bin auch nur ich so.
Prinzipiell sollte ich dich nicht vermissen. Denn du bist immer auf mir zusammengefallen wie ein Kartenhaus aus liebeskranken Briefen; geschrieben von Jugendlichen, die ausschließlich davon träumen, sich von zu Hause los zu reißen. Es war semi-melancholisch, doch hundert Prozent herzbrechend, denn mir ist bewusst, dass wir beide durch unser Leben stürzen - unser Gewicht beschwert von den Wünschen, die dieses niemals brachte.
Für uns gegenseitig sind wir der Anker der falschen Art. 'Versuche nicht zu sinken während ich mich mit 100 Tonnen an deine Füße kette'.

Gott, ich vermisse die Leere von vorher. Bevor ich dir von einigen meiner Ängsten erzählte und du mir mit einem folterndem Lächeln befahlst, auf zu wachen. Wir können nicht lieben, nicht wahr? Das Herz ist zu trocken - die Leber nur nicht.
Zu gerne hätte ich dir ein Gedicht gewidmet, aber ich weiß, dass es so nicht sein soll. Bitte verzeih, mein verlogener Narzisst.