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Montag, 28. Mai 2012

Es hört sich vielleicht seltsam an diese Worte von mir zu hören. Aber gerade fühle ich mich ... richtig gut. Irgendwie glücklich!?
Das verwirrt mich selber.

Ich bin richtig gut drauf heute. =)

Mein Bruder meint, dass ich (früher oder später, versteht sich) einen Hund bekomme, wenn ich genügend Geld zusammengespart habe und wir gemeinsam umgezogen sind.  Er sagt, er möchte nicht, dass ich alleine wohne - wegen meiner "psychischen Labilität" - ein Zitat, wohlbemerkt.
Im Gegenzug möchte er nur, dass ich eine Therapie mache und wenn möglich 20 Stunden in der Woche arbeiten gehe. Da wäre der Hund nicht zu lange allein und ich könnte mich noch genug darum kümmern.

Da ich mal bei einem Tierarzt gearbeitet habe, bekomme ich die Impfungen nach Hause mit und kann hohe Rechnungen sicher auch in Raten zahlen.

Seitdem mein Bruder und ich das ausgemacht haben, könnte ich diese Frau hier sein:


Und zur Feier das Tages ein wenig Vibration:


 =)


Freitag, 25. Mai 2012

Um sich lebendig zu fühlen

Genau die Art von Schönheit, die ein Jahrhundert niederbricht.

Die Attraktivität eines blutigen Lächelns, welches sich an den Kanten deines Dichters Mundes hinunterschlängelt. Du hältst zerschlagenden Träume zusammen, inmitten von vernarbten Handflächen und verbrannter Haut.
Mich erinnert es an Vögel mit gebrochenen Flügeln, allein mit Isolierband zusammengebunden. Verneinend, dass sie nicht fliegen können, nur noch mit ihren spitzen Schnäbeln das Fleisch auf deinen Knochen abhacken können. Verneinend verneind.
Trotzdem wiederholst du stetig weiter: Nur noch einmal mehr, einen weiteren Atemzug, einmal noch.

Vier Sekunden eines Zusammenbruchs verspiegelt in der Schattierung des Sonnenuntergangs: Nackte Füße tanzen in der Asche.
Unwissend belächle ich deine Schwäche. Lache, weil du am Rauch erstickst, im Wein ertrinkst und die Wahrheit nur an den Frakturen deiner Finger erkennst. Ha-Ha-Ha. Ich hoffe, du kannst es hören. Deutlich hören. Jeden einzelnen Atemzug, den ich nehme, soll in deinen Ohren schallen.

Wie soll ich den Klang deiner Stimme erkennen, wenn mir deine Schönheit schon den Verstand raubt?

In dieser nicht-existierenden Flamme rollst du hin und her. Löschen kannst du sie nicht. Doch denkst du weiter: Eine Runde mehr, einmal weiter, einmal noch.
Die blauen Flecken auf deinem geschundenen Herz passen perfekt, passen perfekt zu den Windungen auf meiner Granitfaust. Nur die rot-gefärbten Fetzen vor meinen Füßen bilden das Puzzle deines Daseins. Und ich sehne mich danach zwischen deinen Zähnen eine strahlend weiße Schleife zu binden, wie die Nerven, die einst deinen Verstand zusammengehalten haben.

Es ist meine Schuld, dass der Teppich mit deinem Blut vollgesogen ist. Es ist meine Schuld, dass nur ein Wort sich dur deine Hülle schneidet und mit jedem weiteren Zentimeter den Tropfen Alkohol in offene Wunden injiziert.
Deine Schreie nähren diesen Hass in mir. Hättest du mich nicht verlassen, würde ich dich noch abstoßend lieben.
Nur weil du schön bist, so wunderschön, viel zu schön für eine abartige Kreatur wie mich.

Entschuldigungen perlen meiner Zunge hinab, bedeuten gar nichts, weil die Wurzel selbst im Dunkeln gedeiht. All das Bereuen ist sinnlos wenn des Himmels Beben kein Erzittern in meiner Seele auslösen kann.
Über deinem Kopf brennt die Sonne heiß, so hell, dass sie nur wie ein greller Stein am Himmel steht. Es ist die Bestimmung unserer verborgenen Zugehörigkeit, dass du und ich nie unter der selben Sonne stehen werden. Du bist die Flamme, ich die hintere Seite des Mondes.

Ich denke nicht, ich weiß nicht, und ich höre nicht auf. Ich sollte, sollte, sollte.

Realität ist so leicht verformt. Auch ohne Worte manipuliere ich den Standpunkt deiner Gedanken und Taten. Du kannst mich nur hassen. Doch fühle ich die Strafe der Hölle, die in deinen Augen glitzert, nicht.
Ich kann nicht die Sonne sein, wenn ich nur eine Kerze bin.
Du stirbt, damit ich mich lebendig fühle.
Nichts gibt es, um dieses Schicksal zu verhindern. Nur einmal noch möchtest du den Druck meiner Hände an deiner Kehle spüren. Einmal noch möchtest du sehen wie sich das Messer tief zwischen deine Rippen bohrt. Nur einmal noch möchtest du das Opfer sein und die Person die gegenüber am Meisten hassen.

Hasse mich. Verachte mich.
Jedoch vergiss nicht, dass ich die Person im Spiegel bin.

Montag, 21. Mai 2012

Aktuell

Herz und Kopf schreien pausenlos das Gleiche: "Aufgeben"
Wer bin ich um mich ihren Willen zu widersetzen?

Gerade ist einfach Alles einsam und leer. Als würde ich gar nicht mehr leben. Mir lediglich zusehen.
Artig schlucke ich meine Tabletten und fühle mich genauso wie zu vor.
Bei der Klinik haben sie derzeit noch keinen Platz für mich. (Meine Freundin behauptet, dass man daran sieht, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als mir. Dass es Leute gibt, die dringender Hilfe benötigen als ich. Dann sollen sie mich doch sterben lassen. Wenn ich weg bin, brauch sich absolut Niemand mehr um mich zu kümmern. Warum dann noch das ewige Hin und Her? Helft denen, die es so nötig haben, und lasst mich in Ruhe.)

Die Krankenkasse ärgert sich, dass ich so lange zu Hause bin. Weiterhin soll mich der Arzt nicht mehr krank schreiben, damit ich Arbeitslosengeld beziehen kann.
Klar, mache ich. Prinzipiell ist es auch egal, von wem ich angepasstes Gehalt bekomme, welches zum Leben sowieso nicht reicht.

Fuck it.
Ich geh wieder ins Bett und starre die Decke an. Mein Schwein hatte in den letzten Tagen ziemlich viel zu sagen. Sonst bin ich ziemlich auf mich allein gestellt.
Mein Bruder arbeitet sehr viel, wahrscheinlich braucht er genauso Ruhe von mir. Sollte er zu Hause sein, zieht er sich hirnlose Splatter-Movies rein und steckt seinen Kopf in Online-Spiele. Unsere Familie hat so viel gemeinsam.

Die Arbeitskraft, die meinen alten Job übernommen hat, hat sich für ein paar Wochen krank schreiben lassen. "Burn-Out", behauptet mein alter Chef. Ich kann darüber nur lachen. Kein Arzt schreibt einem nach dem ersten Termin mit einem Burn-Out wochenlang krank.
Zuerst kommt doch immer das chronische Erschöpfungssyndrom - Untersuchungen, Blutentnahme, Gespräche folgen erst danach. Aber vielleicht hat sie das auch schon alles durch. Wäre ich nicht so unsensibel und kalt, würde ich jetzt wohl einen kleinen Funken Mitleid mit ihr haben.

Statt dessen fresse ich jetzt brav meine dritte Dosis Risperidon, um keinen weiterhin Psychosen zu unterliegen. 3mg über den Tag verteilt. Dazu noch 200mg Sulpirid und 100mg Sertralin.
(Gerade frage ich mich, warum ich das Teufelszeug noch einnehme. Ich bin doch nicht wichtig genug für eine stationäre Aufnahme in der Klinik. Da kann ich doch ruhig wieder in Halluzinationen und Schmerzensschreie abtauchen.)

Eine andere Ex-Kollegin klagt auch über Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Warum sagen die das eigentlich mir?
Bin ich jetzt Gelehrter nachdem ich selbst ein paar Diagnosen aufgedrückt bekommen habe? 

So bitter wie dieser Text jetzt wohl klingt, bin ich eigentlich gar nicht. 
Es macht mir nur so viel Freude im Selbstmitleid und Ironie zu baden. Was für ein einzigartiges Gefühl.

Cheers.

Freitag, 18. Mai 2012

Bitte... Kann mir jemand sagen, dass ich nicht einsam auf diesem Planeten bin?
Einsamkeit macht kaputt. Einzelteile verstreut auf dem Boden.
Eigentlich möchte ich nur einen Teil meiner Seele in dem Scherbenhaufen wiederfinden.

Irgendjemand, der genauso leidet wie ich? Jemand, der versteht?

Donnerstag, 17. Mai 2012

Fremdform der Katergedanken

Karussel der Worte.
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Sogar der Regen schleudert sich direkt auf dich
bis du nur noch für das Ende lebst,
Bist das Wasser voller Suizidgedanken,
möchte die einzelnen Tropfen in meinen Händen
einsammeln:
Ein kleiner Teich Herzschmerz und
Abgrundstiefe

________________

it has been a year
since you have made me cry
but sometimes,
always being second
eats at your bones

high expectations
and low standards
lead me nowhere

________________

 Manchmal spiele ich mir selbst vor kaltblütig und herzlos zu sein, nur um ein paar Stunden zu schlafen. Nur ein wenig Ruhe von Schuld, Scham und Gewissensbissen.
Schon allein um eine Möglichkeit zu finden, wache ich tagelang. Gedankenkreisen und schlaflos drückt der Körper auf die Matratze.

Manchmal glaube ich, zu kaltblütig und herzlos zu sein, deshalb kann ich des Nachts nicht schlafen. Wie könnte ein normaler Mensch auch seine Augen schließen, wenn Geister neben ihm zur Ruhe treten?

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Niemals Glück in Menschen finden,
ist ein selbsterlernter Schutz,
sich niemals an Vertrauen binden,
sonst stirbt dein Herz im Schmutz.

Doch der einzig wahre Grund,
warum Stille an dem Herzen klebt,
ist dein schreiend-lauter Mund,
der vor Zorn und Hass erbebt.

Wäre ich ein wenig Besser,
könntest du mir vielleicht vergeben,
bis dahin trage ich ein Messer:
Wenn auch nur der Reue wegen.

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Staub wird von Sonnenlicht gefangen,
verwegen vom Fenster getrieben.
Sie haben einst hier gelacht.

Mit kühler Brise fluten sie wie Geister
freifliegende Kühnheit heran.
Plötzlich war es still.

Der Verfall der stärksten Struktur,
Zeit biegt, schindet; formt Risse überall.

Damals als sie glaubten,
es wäre keine Liebe mehr da;

Zerstörung eines Schneckenhauses.
Knack.
Niemand hat den Tod gehört.

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Ja, sowas geht mir durch den Kopf, wenn ich Kopfschmerzen und zitternde Hände habe.
Feiertage sind zum Feiern da.

Dienstag, 15. Mai 2012

Spinnenaugen - Teil II

 Den ersten Teil findet ihr genau hier!

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Frau Müller fand mich sitzend unter den Kräuselmyrten. Hinten im Hof, neben der schweren Holztür des alten Bauernhauses.

“Was haben sie dir angetan?”, flüsterte sie mit verzückend süßer Stimme. Hätte ich fliehen wollen, wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen.
Doch handelte es sich selten um vergebene Chancen oder Nachsicht mit vorüber gezogenen Gelegenheiten.
Meine Stimmbänder versagten mir. Eh und je, das gleiche Spiel. Ließe ich nur eine Sekunde meinen zitternden Körper los, fiele er in kleine Stücke.

Als sich Frau Müller zu mir hervor lehnte, erschrak ich innerlich. Solch eine Nähe war mir stets mehr als unangenehm, mehr als unwillkommen.
Die Haut, die ihr Gesicht wie Seile umschlang, war dürr und ausgezehrt. Venen traten hervor, bei genauerem Hinsehen konnte man wohl die Formen ihrer Lungenflügel erkennen.
Nein, ich wollte es nicht sehen. War beruhigt, gesegnet mit Erleichterung, dass sie noch immer ihre Sonnenbrille trug.

Die Atemluft blieb in meiner Kehle stecken. Dieses furchtbare Gefühl auswegloser Hilflosigkeit brannte in mir, ihrer Präsenz stand ich schutzlos gegenüber. Ausgeliefert.

Allmählich begann es wieder Sommer zu werden. Die einfallslosen Vorgärten der Damen erblühten grün. Blumen zitterten im hemmungslosen Wind der Vorstadt.
Als würde das Wasser in den Vogelbädern Feuer spucken.
Doch schaute ich mein Ebenbild im Spiegel entgegen, sah ich nur den späten Herbst.

“Was hast du dort in deinem Schoß?”, wollte Frau Müller wissen.

Verstreut glitzerten die Scherben aus Glas auf meinen Schenkeln.
In diesem Moment durchschaute sie mich. Durchschaute sie meine wahre Identität. Keine Nummer konnte mich mehr bewahren, nicht vor ihr, nicht vor meinen Schicksal.
Zwischen meinen Zähnen zog sie die letzte Pusteblume hervor.


Die drauffolgende Nacht war geplagt von Vorwürfen und dunklen Illusionen. Ich träumte, dass ein schwarzes Pferd mich in sein Maul schauen ließ und ich darin Nebel fand. Bunter Nebel wie geheimnisvolle Galaxien.
Seine Nüstern wirkten bedrohlich und verhängnisvoll.

Ich bin aus meinem Bett gefallen. Mein Mann merkte nichts.

Das Blut von Claudia ging mir nicht mehr aus dem Schädel. Es schien unmenschlich, übermenschlich, so wie nur frisches Blut sein kann, welches aus einer frischen Wunde läuft.
Unbeschreiblich diese simple Geste der Befreiung wenn Rot die Leere bemalt. Zeichnet Schmerz so bittersüß in Verzweiflung und Wut.

Vielleicht ist Natürlichkeit so befremdlich, dass es Niemand begreifen mag.

Wie die Kinder in Frau Müllers Hühnerstall. Die kleinen Geister mit den Narben aus Stacheldraht.
Ihre Schreie werden mich ewig verfolgen, dachte ich, presste meine Hand gegen den Zaun und sah die Augen verfluchter Unschuld.

Am Morgen darauf sprach ich mit meinem Mann. Bevor er zur Arbeit fuhr, mit seinen angepassten Stück Massenware der Mobilität.
Warum Menschen nie an einem Ort ruhen können, fragte ich mich zu dem Zeitpunkt sehr oft. Schloss ich meine Augen, sah ich leuchtend helle Sterne; die immer an gleicher Stelle warteten.
Vielleicht konnte ich hier nicht zu Hause sein, weil Sterne in der Vorstadt eher wie Keramikteller wirken.

Sie sagten, ich sei nicht tot. Doch warum fühlte ich mich nie lebendig?

“Ich gehöre hier wirklich nicht her!”, waren die einzigen Worte, die ich an diesem Morgen zu ihm sprach. Noch verstehe ich nicht, warum er lachte. Es klang größenwahnsinnig und hohl, dieses Lachen. Klang wie das monotone Räuspern eines Lehrers, wenn er mit den Schülern nicht zufrieden ist.
Nicht wissend was ich tun sollte, legte ich ungewollt ein Lächeln auf meine Lippen. Diese Lächeln, dass es mir immer schwerer machte, mir zu glauben. Denn sind Sätze wie “Ich gehöre hier nicht her” erst einmal ausgesprochen, kriechen sie immer wieder aufs Neue in deine Gedanken, sprudeln wie Mineralwasser aus der Flasche.
So war es auch. Hundert kleine Lügen, die ein Lächeln möglich machten.

Eines Tages werde ich zwischen den Fließen und Scheiben ersticken. Es wird ein langer Prozess, mit unerträglichem Leid.
Mein Mann wird Wurstbrot mit viel zu viel Butter zum Frühstück essen während die Blüten auf meinem Rücken in Vergänglichkeit verblühen.

Nachdem er zur Arbeit aufgebrochen war, rannte ich in unser Zimmer und zog eins seiner Hemden aus den Schrank. Das Dunkelblaue mit dem bizarren Schnitt.
War er außer Haus, trug ich immer seine Hemden. Wurde die Sehnsucht zu stark, drückte ich den Stoff an meine Nase und sog seinen Geruch in meine Nase. Dieses Ritual beschütze mich. Oder zu Mindest sagte ich mir das, denn die Wände bebten trotzdem und der Boden zuckte trotzdem.

Mit meinen Fingern glitt ich die Knöpfe hinab, zählte sie einzeln und versank in der Reflektion des Spiegels.

Um den erdrückenden Wänden zu entkommen, ging ich Richtung Straße. Zahlen versteckten sich in den Blumenbeeten der Nachbarn. Wie auch sie wären auch Glas: Würden nicht nur zerfließen, sondern zwischen meinen Finger zerspringen. - gleich dem Tortenboden von Claudia.
Unumstößlich außer Kontrolle, ohne Struktur gab es kein Zurück.

Während meine Augen den grauen Asphalt hinunter glitten, erspähten sie ein Auto mit tiefschwarz getönten Scheiben vor Frau Müllers Haus.
Mit den Ästen meiner Hände drückte ich das Hemd meines Mannes nur noch mehr an meinem Körper. Der Wind flüsterte von Nestern, die beim Sturm aus den Wipfeln fallen. Ein Klang im Einklang.

Atmete - ein. Und aus. Ein. Aus.

Seit diesem Tag waren die Kinder verschwunden.

Mein Mann belustigte sich meiner Ängste - passierte ja nicht selten. Konnte er nie nachvollziehen, was es bedeutet ein Baum mit vertrockneten Wurzeln zu sein, eingehüllt in Pestiziden und des Witwers Asche.
“Du solltest dich mal ausruhen, richtig ausruhen!”, sagte er zu mir. Kein Wort wagte ich mehr zu sprechen. Alles gesagt, was ich sagen wollte; nichts gesagt, was verstanden werden konnte.

Unterschiede gab es nicht: Die Wahrheit lastete auf meiner Zunge auf Ewigkeit.
Also sprach ich nie darüber. Ließ Zeit auf eigene Wege verstreichen.

Irgendwann stierte ich hinüber zu Frau Müllers Hühnerstall. Suchte durch silbernen Drähten, die meine Sicht behinderten.
Ich konnte mich nicht rühren. Auch wenn ihre Geister unverändert am selben Platz verweilten, waren sie fort.

Wie ein schleichendes Raubtier näherte sich die abgemagerte Nachbarsfrau, erschrocken blickte ich in die Reflexion ihrer Sonnenbrille.
“Kleine Eule”, flüsterte sie und für einen Augenblick erinnerte mich ihre Stimme an die einer Mutter. Wie Milch mit Honig, eine warme Flüssigkeit die sanft einer heiseren Kehle hinab glitt.
“Du suchst nicht nur an falscher Stelle. Du suchst auch noch nach dem Falschen. Auch ich weiß wie es ist, wenn man denkt, es gibt kein Entkommen. Es ist schwer, ich weiß. Doch mache doch mal Urlaub auf dem Land. Bei dem schönen Wetter stehen die Blumenwiesen sicher in voller Blüte.”

Sprudelnd trat Wut in mein Herz. Gepaart mit Verzweiflung.
Warum redete jeder mit mir als würde ich nicht existieren?

“Dort gehöre ich auch nicht hin.”
Ich wusste wovon ich sprach. Als Kind lebte ich auf einem Bauernhof, auf dem es so leise war, dass ich dachte, es würde mich umbringen. Zu viele ungeordneten Reihenfolgen, die ich schlichtweg nicht reparieren konnte. Stille machte mich wertlos, Unbehagen: Einer von Vielen, der kein Teil vom Ganzen ist.

Jemand wie ich gehörte nicht in die Welt der Mensch. Auf dem Land war es unnatürlich surreal und laut. Meist auch leise.
In der Stadt starb man an Rauchwolken und neo-dramatischen, schweigenden Schreihälsen.
In einer Kleinstadt war es…. Wie hier. Übertragbares Misstrauen der Nachbarschaft. Auch du könntest der Nächste sein.

Manchmal fragte ich mich, ob es nicht einfach menschlich wäre, mich nicht zu verstehen. Wahr haben wollte ich dies natürlich nie.
Konnten sie verstehen, warum man sich am Schrank festklammert, weil der Boden unter den Füßen zu beben beginnt? Warum man plötzlich aufhört zu essen, weil die Erdbeeren zu giftigen Erbsen mit Sprengsatz werden? Warum man aufhört sich an zu ziehen, weil man im Spiegel die Reflexion von Flügeln sieht?
Warum man eins, zwei, drei, vier zählt, weil die Küche zu einer stählernen Jagdfalle wurde und der Bär vom Schatten des Jägers durch den Wald von Sofa und Wandschrank jagt? Fünf. Sechs. Sieben. Acht.

Und immer sagte ich “OK”. Doch war es  nie ein OK in Einverständnis oder Erkenntnis. Jedes Mal war es ein “OK” im Angesicht der Niederlage.

Letztendlich jedoch - hatten sie wohl Recht. Mehr als das sogar.
Ich verließ die Nachbarschaft mit all ihren Lichtern und geordneten Vorschriften, mit dem Auto auf den Weg zur Dunkelheit, die Zähne fletschend und wild auf mich wartete. Straßen schlängelten sich auf meinen Weg. Links, Rechts, Kreuzung - einfach immer weiter der Nase nach.
Wo kommt in einem so überbevölkerten Land so viel Platz her? Im Vergleich schien selber der Himmel begrenzt.

Selten folgten meine Gedanke den Weg ins “Zurück”, das Gesicht meines Ehemannes, der mein Verschwinden mit sorgendem Verdruss hinnehmen wird. Der Drang jedoch war groß. Das Rufen des Lenkrades, das Summen der Motoren.
Es war der richtige Weg, obwohl ich der Strecke nicht bewusst war. Prinzipiell war es auch egal: Alpen mit Zugspitze und Biberkopf, See mit Steilküsten und Salzwiesen. Unwichtig wie die Zeit.

Nummern verrieten mir den Weg. Die Anzahl der schattigen Bäume, der aufgeblendeten Tieraugen im Wald, Hinweise auf Schildern. 284 km, perfekt. Gerade zahlen waren mir stets am Freundlichsten.
284km nach Nirgendwo. Wind von Ost - kalt und herzlos. Verfolgungswahn von Süd - paranoid und unbändig. Wunschdenken von West - umzingelt und grenzenlos. Tränen von Nord - tiefgreifend und erholsam.
In der Mitte wurde ich zerrissen. Inmitten übernatürlicher Natur, die nur in meinem Körper allein Existenz gefunden hat.

Nach einer Weile blinkte ein rotes Licht auf Anzeige, doch ich wusste nicht, was ich machen sollte, deshalb ignorierte ich es. Blind vor Euphorie trat ich auf das Gaspedal bis der Wagen zu beben anfing und starb. Wäre es nicht allein aus Entsetzen entstanden, hätte ich genug Wut aufbringen können, um den vorbeifahrenden Autos hinterher zu brüllen.
Mit den Wunsch davon zu schweben stieg ich aus dem Auto, folgte per Fuß dem nächsten Schild - Auf zum nächsten Schild. Das Nächste. Und wieder das Nächste.

“Hey”, rief eine frühreife Teenager-Stimme. “Was geht denn bei dir ab?”

Es war eine Blondine, die an den richtigen Stellen ein paar Polster gelagert hat. Jedoch schrecklich grelle Klamotten trug.
Das Teufelchen auf meiner Schulter wisperte bösartige Vorwarnungen ins Ohr. Sah sie doch aus wie eine Prostituierte. Keine von diesen aufgetakelten, überschminkten Prostituierten. Eine der Hübscheren, natürlich Hübscheren, für die man knapp 500 Euro mehr Zahlen musste.

“Brauchst du jemanden, der dich nach Hause fährt?”, versuchte sie erneut. Das Engelchen auf meiner Schulter bemerkte wie sanft und gütig ihr Lächeln war.
Sie eigentlich nur aussah wie sie aussah und die Wölfe auch sie in Stücke reißen würden. Gleichgültig, wie neon-pink ihre Lippen auch waren.

“Ich wollte nur ein paar Blumen sehen”, antwortete ich der jungen Frau.
“Die haben doch welch im Aldi. Rosen und so gelbe Blumen. Magst du die nicht?”

Gestanden, ich mochte immer schwarze Rosen. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass eine schwarze Rose ein Totenbringer sei.
Ich lebe noch. Nur die Rose nicht. Das Prinzip ist veraltet.

“Bitte bringe mich nicht nach Hause. Danke.”, waren meine letzten Worte an diesem Abend. Verdutzt starrte sie mir hinterher, rauchte nur still an ihrer Zigarette weiter.
So ging ich einfach weiter. Bis die Füße in Schmerz verbrannten, dich Haut an meinen Füßen von den Sohlen pellte.

Immer wieder sah ich die Geister-Kinder aus Frau Müllers Garten vor mir. Mit vernarbten Händen wiesen sie mir die Richtung. In ihren Augen der Hass einer Nation, Blut und Dreck auf den Wangen.
Ich wollte weinen. Wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal weinen konnte? So weinen konnte wie es ein Baum kann. Vom Wind in den Schlaf gewogen, entkräftet von den Pilzen und Unkraut; Fremdkörper.

Umgeben von Industrie und grauen Mauern erstreckte sich ein Beet mit hunderten Vergissmeinnicht. Verängstigt und  zitternd glühten sie im Nichts, geächtet, gespottet. Das konnte ich fühlen.
Meine Beine schlotterten. Wie an dem Tag, an dem ich Claudias Glas-Tortenhalter auf den Boden geworfen habe. Geblutet habe ich nicht. Dieses Mal auch nicht.
Ich war nie die Person, die blutete.

Rühmlich sank ich mit meinem Kopf zur Erde, legte mein Haar auf den glitschigen Boden der Gesellschaft. So tief er nur ging presste ich meine Nase zwischen die Blüten und Blätter.
Still lauschte ich, wartend auf einen Herzschlag. Zeichen des Lebens.
Blieb - wie eh und je - enttäuscht.

Hier gehörte ich auch nicht hin.

Ich schloss meine Augen, fühlte mein Herz noch mehr welken.
Anscheinend haben sie Recht. Jemand wie ich ist wohl nie zu Hause.
Deshalb kehrte ich zurück zur geordneten Nachbarschaft mit 1, 2, 3, 4, 5, 6 Garagen. Dort angekommen öffnete ich die Fenster, ließ die Käfer wieder in meinen Körper krabbeln und träumte.
Egal, wo auch immer ich bin. Es geht nur ums Träumen.

Die Zukunft schluckend und fürchtend, blickte ich in den Himmel.

Und die Kinder. Ich musste immer an die Kinder denken.
Die bei der Nachbarin mit den Spinnenaugen.

Mantra

Genug von zweite Klasse Poesie und Schreib-mehr-als-nur-ein-unbedeutendes-Wort,
Genug von ehrlichen Entschuldigen und Sauerstoffunterversorgungs-Beleidigungen;
Diese Buchstaben sind wie Pferde:
Berechen sie sich ein Bein, lasst ihr sie schlafen.

Schriftstücke sind auch nur Menschen. Schriftstücke sind auch nur Menschen. Schriftstücke sind auch nur Menschen.

Flüstert nur von leblosen Gedanken und 10-Pfund-Päckchen-für-Brieftauben,
Flüstert nur von missverstandenen Fehlverhalten und dem Bürgersteig-der-eure-Namen-nicht-behalten-wird;
Dichter sind wie Hunde:
Holt ein Stöckchen auf euer Wort. 

Schriftstücke sind auch nur Menschen. Schriftstücke sind auch nur Menschen. Schriftstücke sind auch nur Menschen.


Verdammt. Ich möchte wissen, was mit meinem Kopf nicht stimmt.


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Wenn ich nur nie gesehen hätte,
was ich sah,
nur niemals erlebt,
was geschah.

Doch braucht es nur Pillen,
wie Wolken, die den Himmel verdecken,
im Austausch für Frieden
die Wahrheit verstecken.

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Der Nachbar hat mich gebeten auf seinen Hund aufzupassen. Welch ein schönes Gefühl absolute Hingabe zu fühlen, während der Fellball von mir gekrault wurde. Sogar die Stimmen hat er absorbiert. Klar, ich hatte versprochen ihn nicht ins Bett zu nehmen, aber seine Wärme hielt alles Andere fern.
Sein Name ist Marti, drehte sich aber bei jeden gegebenen Namen zu mir um. Nachde ich ihm erzählte, ich würde ihn nicht mehr hergeben, kuschelte er sich an mein Bein.
Daraufhin nannte ich ihn "Mr. Stockholm-Syndrom" und er hächelte nur liebevoll zurück.

Und in einem eiskalten Herz wuchs eine Saat des Vertrauens.
Nachher holt mein Nachbar Marti wieder ab. 

Montag, 14. Mai 2012

R.E.M.

Ein Traum, der von meinen Lidern tropft,
schlaftrunken meinen Schultern hinab kriecht;
auf dem Fenstersims verdunstet,
hier kannst du es schmecken, zu distant
zu wässrig

Deine Lippen sind in Wünschen getränkt
Und du schluckst sie zusammen mit Vertrauen,
"Bald", verrrät der Zucker in deinen Händen,
Nur für einen Augenblick zögerst du,
denn du siehst dich selbst vor verschlossenen Türen.
Drücken oder Ziehen
zu unentschieden jeweils zu versuchen.

Am abendlichen Horizont zieht ein Sturm auf,
bereits vollkommen durchnässt
sehnst du dich nach mehr Reinheit,
einer puren Form deiner Hoffnung.
"Versprochen", flüstert das Salz in deinen Händen;
die Lüge im Streuverfahren
Trägt kein Wort das Lebens Bedeutung

Illusionär verschwimmt dein Verlangen vor den Augen.
Kannst nie erlernen,
was dein Unterbewusstsein dir des Nachts niederlegt.
Auferlegt: Sklave deiner Vorstellungskraft.

"Schlaf gut", spricht der Pfeffer in deinen Händen
Hast wohl keine Ahnung
Keinen Funken
Was dies alles bedeuten soll

Samstag, 12. Mai 2012

Du

Wenn du nicht bei mir bist, zwinge ich mich dazu, ein Lied zu hören. Ich hasse die Stille, die du so schamlos schudlos hinterlässt. Oft frage ich mich, warum die Luft, die dich umgibt, anders ist als die meinige. Wie die Luft, die man atmet, wenn man lange Zeit nicht an einem bestimmten Ort war. Die Bergluft für Fische. Oder Seeluft für Bergziegen.
Ich kenne diesen Geruch, deine Essenzen - obgleich du mir derartig fremd erscheinst.

In manchen Momenten ist es schier vergessen, das Gleichgewicht der menschlichen Unbekümmertheit. Das Prinzip ist simpel: Wer spät ins Bett geht, ist morgens müde. Wie oft schon wäre ich gerne im Dunkeln der Nacht verschwunden. Der Gedanke an eine Frage hielt mich davon ab: Würdest du dich an meine Augen erinnern so wie ich täglich deine vor mir sehe?

Wie widersprüchlich einfach gestrickt mein Kopf doch ist. Ich schwöre, dich scon lange vergessen zu haben; dich im Schatten der Welt zurückgelassen zu haben, doch verwende deine Maße in der Präsens. 
"Nie wird jemand wie du sein", nuschel ich vor mich hin. Glaube mir jedes Wort. Absolut Niemand. Liebe verbindet uns keineswegs. Wir sind wie zwei Menschen auf einen alten, verblichenden Foto. (Vielleicht nicht mal das. Das alte Leid im Xeroxverfahren.)

Diese Zeilen sind eine Entschuldigung für das Fehlen der Beine, die dich nie vom Weggehen hinderten. Schlechte Repetitionen verganener Geschichten sind ein Schalldämpfer. Das Ein und Alles, welches die Stille gefangen hält. Naja, und die Wunderwelt der Medizin.

Womöglich warst du meine Droge. Ich presse die Nadel an meine Venen; zieh' den Stauschlauch ein wenig fester. In mir drin kannst du mich nicht verlassen. Du bist das Blut, welches ich vom Fliehen hindere: Ins Leintuch eingelegt.

Wo wird das mit uns nur enden?

Freitag, 11. Mai 2012

Dauermüde

Einige von euch werden es wohl genauso gut kennen wie ich: Dauermüdigkeit.
Vollkommen erschöpft und kraftlos schleppe ich mich durch den Tag. Die heutigen Stunden habe ich fast ausschließlich im Bett verbracht. Obwohl ich zwischenzeitlich immer wieder aus meiner Traumwelt erwacht bin, bewegte ich mich selten.

Erneut von Depressionen überrollt: 16 Stunden Schlaf (nun ja, mehr oder weniger) und ich falle fast im Stehen wieder um. Dabei habe ich sogar meine verschriebenen Medikamente eingenommen.
Das ist kein Leben mehr. Ich mache absolut gar nicht, krümme keinen Finger.

Wollte in der Klinik anrufen: Zu müde.
Wollte das Bad wischen: Zu müde.
Wollte die Küche sauber machen: Zu müde.
Selbst zum Malen war ich zu fertig. Oder zum Kaffee trinken. Oder zum Essen.

Umfallen.
Mit Wehmut und Reue.
Gute Nacht. Hiermit beende ich den Tag.

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Bis Sonntag könnt ihr mir übrigens noch eure Beiträge schicken. Bisher haben schon drei Leute teilgenommen.
Vielen Dank! =)

Donnerstag, 10. Mai 2012

Verodnung für Krankenhausbehandlung


Ab den 21.5. scheint unter Umständen ein Platz für mich frei zu sein.
Nein, ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll. Eigentlich hab ich nur Angst.

Selbst meine Diagnosen sind widersprüchlich.
Auf den Zettel für die Krankenkasse stehen auch noch andere oben.
Sehr merkwürdig.

Ich denke nur daran, nicht vorher an meinen kreisenden Gedanken zu ersticken.
Das ist das Ziel: Einfach atmen.

Dienstag, 8. Mai 2012

Kennt jemand das Gefühl so vollkommen versklavt von einer Erinnerung zu sein, dass man weder sprechen noch schweigen kann?
Es lässt mich einfach nicht in Ruhe. Das ist wohl die Steigerung von willenlosem Ausgeliefertsein. Ich möchte reden, doch nicht davon erzählen.

So dunkel in mir. So eisig.
Mein Geheimnis, von dem nur mein Schwein weiß.

Woher kommen die Tränen? Dieser Schmerz in der Brust?
Ich will das nicht mehr.... kann nicht mehr.... kann nicht mehr wollen....

Unser Werk - Nummer 2

Schon seit geraumer Zeit habe ich einen zweiten Teil angekündigt und erst durch einen Hinweis bin ich wieder auf dieses Thema gekommen.
Ich hoffe, diesmal machen mindestens genauso viele Leute mit wie das letzte Mal. Das würde mich sehr freuen.


Es läuft folgendermaßen ab:
  • auf der Unterseite "Unser Werk - Nummer 2" habe ich ein Bild gepostet, welches euch zu einer eigenen kleinen Arbeit inspieren soll (es ist wirklich egal, was ihr daraus macht: Ihr könnt ein weiteres Bild malen, einen Text dazu schreiben, ein Lied singen... - alles, was ihr möchtet!)
  • bis Sonntag, dem 13.5.2012 um 20.00 Uhr sendet ihr mir eure Beiträge an diese Mailadresse 
  • bitte gebt in eurer Mail euren Blog an, damit ich euch zurückverlinken kann (wollt ihr nicht genannt werden, schreibt einfach, dass ihr anonym bleiben wollt.)
  • Danach stelle ich eure Werke zum Bild auf diesem Blog auf unbestimmte Zeit online
Für euer Interesse bedanke ich mich schon jetzt und freue mich auf eure Werke. =)

Montag, 7. Mai 2012

Werbung

Werde gleich mal ein wenig Schamlosigkeit beweisen und für mich selbst werben. (Rein im übertragenden Sinne.)

Bei Facebook wurde ich heute zum ersten Mal Admin. Klingt vielleicht nicht besonders, aber für mich ist es ein hervorragendes Gefühl.
Es handelt sich um eine Fanseite für Kreatives (zukünftig auch mit Bastel-/Zeichenanleitungen.), die ich euch hier gerne vorstellen möchte.

Klick!

Wenn Interesse vorliegt, werdet doch auch Fan und fügt mich eurer Freundesliste hinzu. (Müsst ihr natürlich nicht!)  Mich freut wirklich jeder Leser (Beobachter, wie auch immer) und jedes Gefällt mir.


Im schlimmsten Fall

Seit dem Vorfall mit meiner Cousine geht es mir stetig mies. Einige Gedanken lasse mich nicht los und kreisen fortwährend in meinem Kopf umher. Es ist ein seltsamer Kopfschmerz, der verursacht, dass ich Fantasie und Erinnerung nicht auseinander halten kann.
Ist es nicht seltsam? Bilder zu sehen, die man glaubt zu kennen, sie aber nicht einordnen kann. Manchmal auch viel zu oft schon gesehen habe und sie nicht verbannen kann.

Was stimmt eigentlich mit mir nicht?
Diese Frage stelle ich mir schon seit meiner Kindheit. Ohne Übertreibung würde ich behaupten, dass dies schon im Kindergarten angefangen hat. Damals natürlich noch mit Naivität und Unwissen.
Doch gleichgültig welches Alter oder welche Lebenssituation, für mich war ich selber nie richtig. Unwürdig ein Teil des Ganzen zu sein, dabei wollte ich immer nur einen Platz zum Bestehen. Einen Stuhl zum Bleiben.

So gerne würde ich mich frei-schreiben, oder frei-malen, doch ängstigt mich der Gedanke in meiner eigenen Kotze zu schwimmen. Diese Schwäche hasse ich. Immer wieder sage ich mir "Tu es einfach", doch drehe mich immer wieder um.
Mein ganzes Verhalten ist lächerlich. Ich könnte Situationen benennen, die ich selbst jahrelang verdrängt habe und noch immer wissentlich unterdrücke... und doch... was ist, wenn sich nichts ändern wird? Wenn die Chance vergeht?


Meine Cousine geht es besser. Sie ist noch immer in der Jugendpsychatrie, anscheinend aber nicht mehr in einer geschlossenen Abteilung. Ursprünglich wollte ich mit ihr Kontakt aufnehmen, habe es dann aber gelassen. In diesem Moment fühlte ich mich zu sehr mit ihrem Emotionstief verbunden.
Im schlimmsten Fall hätte ich ihren Erstwunsch nur noch mehr Begründung und Tiefe gegeben.

Warum versuche ich eigentlich immer für alles den passenden Ausdruck zu finden?  Nur um für einen Moment nicht diesen bitteren Geschmack auf der Zunge zu kosten, nur um für einen Moment nicht in Verrücktheit zu versinken. Mittlerweile kann ich es wieder gut verstehen: Diese übermächtige Eingebung sterben zu wollen.
Gedanken, mehr nicht, Träume, die nicht sein sollen.

Es gibt einige Dinge, über die ich mit noch Niemanden geredet habe. Nicht einmal mit meiner besten Freundin, die wahrscheinlich das Meiste über mich weiß; mehr als jede andere Person.
So lange verschwiegen, so lange vergessen und verdrängt: Alte Geschichten machen doch nur depressiver. Tränen wühlen nur noch mehr auf. Wer möchte schon sein Inneres wie ein Kartendeck offen lecken und zusehen wie das Spiel verloren geht?

An meinen Beinen kleben mehrere Schatten. Und ich dachte, diese Phasen wären vorbei.
Mir ist schlecht. Wieso passiert das mit mir?
Möchte nur vergessen... nicht mehr denken... mich nicht im Kreise drehen...

So wenig wie derzeit habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Wirklich alles an meinem Körper schmerzt. Kopf, Rücken, Augen, Hände, Beine,...
Ich möchte ja, aber ich schlafe nicht ein. Das Denken hält mich ab, das Nicht-Denken-Wollen treibt es an. Meistens wache ich in Mitten eines Traumes auf. Nicht zwingend Alpträume, nur ein Durcheinander von Bildern und Personen.

Wieder im Leim ertrunken. Das hatten wir alles schon.
Auf einem Wal durch das Meer geschwommen, verfolgt von Harpunen. Habe Kreise an die Wand gemalt und habe mich an den Ecken gestochen. Bahnhöfe mit kranken Fröschen. Ringe und Toilettenpapier. Lehrstehende Häuser und schlangen-fressende Clowns. Auch Menschen, so viele Menschen ohne Gesicht. Hände, die Schmerzen zufügen. Kalte Matratzen. Kindsheitserinnerungen. Beim Erbrechen Blut gespuckt.

Hält mein verdammtes Hirn denn nie die Klappe?
Wunderwelt Medizin hilft dabei auch nicht. Hat nur mein vertrautes Schwein vertrieben. Vielen Dank auch, Risperidon.

Ja, ich weiß genau, wie sich meine Cousine gefühlt haben muss. Nur weiß sie noch nicht, dass es durchaus noch schwärzer werden kann.
Im schlimmsten Fall hört es nie auf.

Bin ich noch immer im "Damals" gefangen?

Freitag, 4. Mai 2012

Unverständlich

Unfassbar. Ich kann es kaum glauben, was heute passiert ist.
Mein alter Arbeitgeber hat angerufen und gefragt, ob ich zurück kommen möchte.
"Man finde Niemanden, der so gewissenhaft an die Arbeit geht wie Sie", sagte die Sekretärin des Chefs. Obwohl ich mir die größte Mühe gab zu antworten, ich müsse noch darüber nachdenken, fühlte ich bereits während das Telefonats Wut in mir aufsteigen.
Woher genau sie kam, weiß ich gar nicht. Mich ärgerte es einfach.

Seit meiner Kündigung im Januar haben bereits zwei Stellen wieder freiwillig den Betrieb verlassen. Die Erste "hielt den Druck nicht stand" und die Zweite "war überarbeitet und hat etwas Besseres gefunden".
Gut, und da man anscheinend keinen besseren Deppen fand, der die Arbeit macht, ruft man wieder mich an.
Wie typisch.

Noch mehr verärgert mich aber, dass ich tatsächlich darüber nachdenke, das Angebot an zu nehmen.
Das verstehe ich selber nicht. Als ich die Kündigung in den Händen hielt, ist eine Welt für mich zusammen gebrochen, einen Tag danach musste ich in die Geschlossene.
Habe die ganze Zeit getrauert und dem Ganzen nachgeweint (Ja, Ja - die gute alte Anpassungsstörung) und auf einmal rufen die mich aus heiterem Himmel an und sagen, ich kann doch wieder kommen.
Soll ich mich vollkommen verarscht oder geehrt fühlen?

So eine Scheiße. Ich hasse das.
Da steigert sich der Druck sofort und der Gedanke an den Ausgleich folgt zugleich....

Donnerstag, 3. Mai 2012

Trilaterale Wahl

An bitteren Pillen ersticken
Mit Empfindungen experimentieren;
allein inmitten einem behüteten Verstandes.
Von Subjekten lernen
mit Jedem und Allem
Beides zeitlos relevant:
Dem Umstand entsprechend


Von extremen Emotionen fort treten
um Möglichkeiten der Wahl zu beseitigen;
Zu tun was man will
oder an Empathie verleben
Beides zeitlos relevant:
Dem Umstand entsprechend.

In überspannten Gedanken verflossen
Alt wird meist durch Neu erneuert,
doch Neu ist meist nur Inspiration von Alt
Beides Zeitlos relevant:
Dem Umstand ensprechend



__________________________________


Wie alte Dosen,
deren in Unbedacht die Etiketten abgerissen worden sind
Nacktes Blech vergorener Tomatensuppe
oder eingeweckter Kirschen:
Aufgabe und Zweck
in Anonymität verloren

Ich selbst
genau so
unsichtbar

Geöffnet und geleert
Rollend durch dunkle Kassen,
Entwürdigt und auf mich herabgesehen,
mit überteurten Schuhen getreten.

Meines Gleichen
im Super-Sonderangebot


________________________________


All die Herzen, die du wünscht
zu brechen
wenn die Welt den Kontakt zum Verstand verliert
Stets der perfekte Fremde

Der Traum
wie sich ein Parasit in salzigem Wasser
auflöst

Das gleiche Schütteln,
das gleiche Zittern:
Du solltest dich schämen.

So müde
von abgestorbener Haut
in der Kleidung
Fremder

_______________________________

War ein langer Tag auf der Deponie.
Warum werde ich nie zu müde um nach alten Knochen zu hungern?
Wo bin ich mein ganzes Leben lang gewesen?

Dienstag, 1. Mai 2012

Kurze Info

Da die Mehrzahl meiner Leser den Blog so beibehalten möchte wie er ist, werde ich wohl keinen weiteren Blog eröffnen. Allerdings wünsche ich mir selbst ein wenig mehr Übersicht, welche ich mit Hilfe der Labels erreichen möchte.
In den nächsten Tage wird es also ein paar Umbauarbeiten geben, wenn folglich Einträge fehlen sollten (oder gar kein Zugriff auf diesen Blog erfolgen kann) wundert euch bitte nicht.

Wenn ich mich dazu durchringen kann, werde ich alte Texte auch mal durchlesen und Fehler korrigieren. Ich weiß, diese sind oft zu finden.

Eine Übersicht der Labels - um aufkommende Missverständnisse zu vermeiden:

  • Buch der Erinnerung     -     Szenarien meiner Erinnerungen, die es gewagt haben aus meinem Kopf zu schleichen
  • Diät     -     Wird demnächst gelöscht, da ich derzeit nicht die Kraft habe nur an Diäten zu denken. Essstörungsmaterial wird im Label Fressverhalten gepostet. 
  • Druckausgleich     -     Womöglich triggender Inhalt (hauptsächlich Selbstverletzung, aber unter Umständen auch "Rant"-Posts.)
  • Fressverhalten     -     Themen, die sich um meine Essstörung drehen
  • Gedankenfestzen     -     Dinge, die mich beschäftigen und ich nicht anders zu teilen weiß. Gesprächsfetzen und Erlebnisse, die ich mit euch teilen möchte, werden dort untergeordnet.
  • Gekünstelt     -     Wie man sich denken kann, werden hier ausschließlich gemalte Bilder gepostet. (Übrigens ist dieses Label euer Favourit. Einträge aus dieser Kategorie werden mit Vorliebe angesehen und kommentiert.)
  • Medikamententester     -      Erfahrungen mit Medikamenten, Ärzten, aber auch "Trip"-gleiche Erlebnisse und Gerede über Überdosierung und Tablettenabhängigkeit.
  • Unterkunft für kaputte Seelen     -      Alles über Klinikaufenthalte
  • Vergessener Rest     -     Wenn ich ein Thema nirgends einzuordnen weiß, wird es hier gelagert werden. (Unter Anderem Gewinnspieler)
  • Wortgefecht     -     Diese Texte sind Fiktion. Kurzgeschichten und Gedichte werden hier ihren Platz finden. Nicht jeder Eintrag in dieser Kategorie muss unbedingt über meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse handeln. (Sollte dies aber überwiegend der Fall sein, wird wohl ein Doppellabel angebracht sein.)

Hoffentlich klärt das eventuelle Fragen! 

Spinnenaugen - Teil I

Verwilderte Kinder, Waisen der Gesellschaft - mit meinen eigenen Augen habe ich sie gesehen. Sie hatten Stacheldraht in ihren Mündern.
Gestern Abend waren sie eingesperrt, in Frau Müllers Hühnerstall, neben dem Schuppen in ihrem Garten. Oft waren sie schon da. In der Hoffnung auch sie würden wie die Legehennen ein paar Brotkrumen abbekommen.

Manchmal bissen die Kinder in die Umzäunung. Ich habe es gesehen. Dabei haben sie sich Fleischwunden in ihren Gesichter zugefügt bis Blut hinunter floss.

Immer wenn ich sie wieder sehe, kann ich nicht mehr schlafen. Und ich frage mich, seit wann sie mich nun verfolgen.



Mein Ehemann sagte mir, ich sei nicht so wie die anderen Frauen. Meine Eingeweide bestünden nicht aus Muskeln und Gedärm, sondern aus Asche und Wiesensaat.
Denn ich habe keinen Vater, keine Mutter. Wurde geboren aus den Wurzeln eines Baumes, und nur der Wind allein ließ meine Lungen erblühen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum des Nachts Käfer in meine Haaren krochen.

Nur wenn das Fenster geöffnet war, schloss ich meine Augen. Nur so konnten die finsteren Träume entfliehen, nur so wurden sie hinfort getragen.

“Mit den Ungeziefer in deinem Haar kann ich dich nicht küssen”, hauchte mir mein Mann ins Ohr als er eine Motte, eine Zikade und ein Engerling aus ihnen pflückte.
Immer, wenn er mir so nah stand, dachte ich, dass es dieses Land war, welches mich in ein Monster verwandelte. An diesem Ort, an dem nur der Gewinn den Preis bestimmte.
Und ich verlor den Geist der Zeit, ging die gleiche Anzahl an Schritten vorwärts und zurück, doch - wenn mathematisch auch unmöglich - stand ich nie an gleicher Stelle.

Es war ja doch nur in meinem Kopf.

“Das sind Kinder in Frau Müllers Garten. Sie müssen dort eingesperrt sein”, sagte ich mit leiser, aufgeregter Stimme.
Nur ein paar fragwürdige Blicke wurden zwischen mit und meinem Mann ausgetauscht. Hätte er mich Ernst genommen, hätte er in diesem Moment heroisch seine Flinte aus den Keller geholt, gesagt “Schatz, wir werden sie retten” und wird hätten sie befreit.
Statt dessen belächelte er mich nur, wie es vor ihm schon so viele Menschen getan haben.

“Warum sollte Frau Müller so etwas tun?”

Er küsste mich und ich wollte nur, dass er noch eines weiß: “Ich glaube, ich gehöre hier nicht her.”

Ich verstand nicht, warum er lachte. Aus seiner Brust heraus, dieses körper-übergreifende Lachen, wenn sein Adams Apfel hoch und runter springt und er aussah wie ein Serienmörder als wie ein Mensch.
Menschen lachten meist nur, wenn sie nicht verstanden oder logen. Oder logen, weil sie nie verstanden.

Wir Zwei lebten in einem ruhigen Vorort, mit kleinen aneinander gereihten Häuschen, die mit Blumen dekoriert waren. Arrangiert in peinlich gepflegten Reihen. In der Mitte jedes Hofes stand ein kleiner Baum, immer nur ein Baum in der genauen Mitte, geometrisch war die Gegend perfekt.
In dieser akkuraten Präzision konnte ich mir nur schwer und absolut falsch fühlen. Denn ich - in meiner gesamten Haltung meines Daseins - war nicht feintechnisch, nicht haargenau gegliedert, passte nie in Maßarbeit.
Irgendwann würde die Nachbarschaft sich zu einer Schlange verwandeln, mit abgemessener Musterung auf dem Rücken und mich bei lebendigem Leib verschlingen.

Für meinen Mann allerdings bedeuteten Nummern Sicherheit.. Sechzehn Schritte vom Bett zum Badezimmer und das Wasser wäre warm. Wäre es nur fünfzehn, wäre es viel zu kalt; bei siebzehn würde man sich die Zehen verbrennen.
Immer nur exakt zehn Mal streichelte er mir über den Rücken bevor wir uns in unser Bett legten, war es ein einziges Mal mehr, würden Alpträume folgen. Würde er seine Hand nur still auf meinen Körper legen, hätte ich diese Nacht nicht geschlafen.

Auch die Länge der Küsse zählte er, das wusste ich aus Urinstinkt.

Dieser Ort war ungewöhnlich, die Häuser waren ungewöhnlich, die Menschen waren ungewöhnlich. Nie habe ich die anderen Ehemänner gesehen, nur die teuren deutschen Autos, die in der Einfahrt standen - natürlich poliert, mit vielen Extras.
Die Frauen allerdings sah ich jeden Tag.

Claudia mit den ausgeleierten grünen Pullover und geschwollenen Augen.
Wenn sie nach Draußen in die Leere starrte, umklammerte sie ihren Bauch. Einmal beichtete sie mir, dass sie Liebesromane schrieb - bevor sie sich einer Hysterektomie unterzog. Wahrscheinlich entfernte man nicht nur ihre Gebärmutter, sondern auch den Sinn für Romantik.

Brigitte hatte eine Essstörung, die die Doktoren Pica nannten. Wenn ihr Anblick nicht so abgrundtief traurig gewesen wäre, hätten sich viele mehr Menschen gewundert, warum sie immer Farbsplitter von den Zäunen aß.
Sicher waren ihre Favoriten “wolkenlos blau” und “wüstenorange”. Durch das Küchenfenster konnte ich sie oft beobachten, sah ihre Bärensilhouette über den Tisch lehnend: Kauen, Schlucken. Kauen, Schlucken.

Frau Müller lebte Tür an Tür zu meinem Haus. Ging in den Hinterhof, saß sie auf ihrer Bank mit einem Mojito in der Hand, las meist ein Buch, dessen Titel mich verwundert zurück ließen.
Aus sicherer Quelle erfuhr mein Mann, sie sei früher einmal ein Model gewesen. Ja, sie war groß, hatte dünne Beine, die Zweige ähnelten, und eine dicke blonde Mähne. Ein paar Jahre zuvor war sie wohl eine bildhübsche Frau.
Doch mir jagte sie Angst ein. Im Sommer wie auch im Winter trug sie eine riesige Sonnenbrille, die ihre Augen verdeckten, und die scharfen Kanten ihrer Gesichtsknochen unterstrichen die kalte Miene. Wie eine Marionette aus Eis.

In meinen Träumen krochen Spinnen aus ihren Augenhöhlen. Die Netze befestigt an ihrem Nasenrücken und dem Brillengestell.
Ihr Anblick verfolgte mich Wochen, vor allem wenn eine der Drei zum Lunch geladen hatte.

Ein Angebot lehnte ich nie ab. Insgeheim hoffte ich, die Einladungen verebbten von selbst, wenn ich Keine von ihnen in meine vier Wände ließ.
Leider ging diese Theorie nie auf. Bedauerlicherweis.

Nun saßen wir - erneut - in elfenbeinfarbenen Designerstühlen und aßen Appetithäppchen, die nicht einmal eine Person satt machen konnten und eher abstrakter Kunst ähnelten als Nahrung für Normalsterbliche.
Hätte mir mein Mann nicht gesagt, ich solle langsam essen, alles loben, die Damen komplimentieren und alles nehmen, was mir angeboten würde, wäre ich nicht einmal länger als drei Minuten geblieben.

Lieber hätte ich mir einen 1-Euro Bürger bei einer Fast-Food-Kette geholt als diese traurigen Sandwichs zu essen, die vorher eindeutig von Barbaren geschändet worden waren.
Doch ich blieb. Aus Liebe zu meinem Mann, aus Liebe zum Frieden.
Bedacht schnitt ich die Häppchen in lächerlich kleine Teilchen, bis ich vier Quadrate hatte, nahm eine Gabel und kaute jedes Stück exakt 16 Mal.
“Einfach köstlich. Ich danke Ihnen für dieses wunderbare Essen”, quetschte ich abschließend, nicht weniger notgedrungen zwischen meinen Zähnen hervor.

 Jeder von ihnen hasste mich genauso wie ich sie hasste.
Zu offensichtlich war es - lächelten sie mich an, verzogen sich die Falten in ihren Gesichtern; wendeten sie sich zu mir, versteiften sich ihre Schultern.
Totenstarre ihrer Lebendigkeit, versteckte Offenbarungen hinter der Skalpellklinge eines Pathologen. Kam mir auch nur eine von ihnen zu nah, schloss ich meine Augen und zählte: Sieben. Acht. Neun. Zehn.

Ob sie sehen konnten, dass meine Pupillen eigentlich die frischen Knospen eines Baumes waren? Dass meine Haare wie die kleinsten Äste aus meiner Krone empor ragten?
Diese Gedanken machten mir Angst. Ich wollte nicht, dass sie erkennen könnten, wie hässlich ich wirklich war, wie unproportioniert, wie natürlich unmenschlich. Mit einer Blume auf meinem Haupt.
Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn.

Eines Nachmittag stand ich in der Küche von Claudia, sie hatte einen Kuchen gebacken und war beschäftigt damit, Zuckergussherzen und -blümchen zu malen während wir miteinander sprachen.

“Ich denke, ich werde wieder mit dem Häkeln anfangen. Oder auch mal einen Pullover für meinen Mann stricken. Seitdem Jean weg ist, ist alles sehr langweilig und eintönig geworden”, erklärte sie. Ihr grüner Pullover legte sich enger um ihre Schultern. Er schien enger - oder ungewöhnlich angepasst an ihre Lage.

“Was ist mit dem Schreiben? In dir ist bestimmt noch genug Romantik für ein Buch, meinst du nicht?”, meine Worte waren liebevoller und hilfsbereiter gemeint als sie es vielleicht auffasste. Denn ihr Blick senkte sich zu Boden, ihre Zähne bissen auf ihre Unterlippe.
Nicht für eine Sekunde wendete sie sich zu mir.

“Dir könnte ich einen netten Strickpulli fertigen. Lila würde so gut zu dir passen. Oder eher Pflaume?”

Die Zuckergussverzierung verwackelte.
Aus der letzten Rose wurde eine wilde Tulpe. Nicht weniger schön.

“Könntest du den Kuchen bitte in das Wohnzimmer bringen?”
Claudia wartete nicht auf eine Antwort, denn schon während diese Worte ihre Lippen verließen, drückte sie das Kunstwerk in die Hände.

Er fiel herunter.

Das Glas zerbrach beim Aufschlag. Überall lagen Scherben verteilt, wie ein Meer aus glitzernden Diamanten. Obwohl ich nicht verletzt war, nahm ich nicht wahr wie sich eine Scherbe in Claudias Schenkel bohrte.
So begann ich wieder zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Das war das Problem. Hätte ich gezählt, wäre es nie soweit gekommen. Vier. Sechs. Nein, verzählt. Für einen Neustart war es zu spät. Blut schlich sich den glattrasierten Beinen hinunter.

Sekunden vergingen. Wie Kakerlaken, die sich mir näherten, floss ihr Blut stetig in meine Richtung. Glas und Blut, im Kriegsgefecht gefangen. Schuldgefühle und Scham.
Würde ich mich jetzt bewegen, würde mein Kopf abfallen.

Claudia schrie.

“Es tut mir leid”, nur ein Flüstern.
Da gab es nichts anderes zu sagen: Ein Schild zwischen uns, “i” und “u” konnte man tauschen. Zahlen aber nicht. Reihenfolgen sind immer gleich.
Glossolalie, verrückt machende Zungenrede missverständlichere Geräusche.

Ich rannte.

F60.1 - So nannten Sie es, Herr Doktor

Und Einsamkeit ist meine heilige Städte, weil die Stille im Munde verhallt. Sinnlos scheint das Observieren, Beschäftigung - weiter nichts.
Ich vermag es nicht zu sagen, ob es ein Fluch ist, der über mir verhängt, oder Wissen, welches ich mit Niemandem zu teilen weiß. Intelligenz? Daran fehlt es nur an den Mengen, die es zum (Über-)Leben benötigt. All das, was ihr nicht kennt, kann ich gewissenhaft bezeichnen.

Einsamkeit
Gebt es doch bitte auf, mich auf Parties und Versammlungen eurer Gesellschaft einzuladen. Ich bin lieber allein; Nein, ich hasse euch nicht, oder fühle mich wie "Etwas Besseres". Das ist nicht der Fall. Eure Menschlichkeit verstehe ich nicht, sehe nicht den Grund mich mit Small-Talk, Hinter-vorgehaltener-Hand-Gesprächen und nicht-ernst-gemeinten Lächeln.
Wirklich, ich hege keinen Groll, noch Unmut gegen euch: Genau genommen fühle ich meist rein gar nichts für euch. Da gibt es keine nennenswerten Gefühle, keine Anerkennungen, die ich euch entgegen bringen kann.

Meine beste Freundin und ich haben oft gemeinsam Filme geschaut. Oft genug habe ich mich dabei erwischt, ihr Verhalten analysieren zu wollen. Es ist mir nie gelungen.
Ihre Tränen habe ich meist nicht verstanden, auch nicht, warum sie sich ab und zu an ihre Decke geklamert hat oder an manchen Szenen geseufzt hat.
Gefühle sind eine Nummer zu hoch für mich. Schade drum, denn weiß ich wohl genau wie sich Trauer und Wehmut anfühlt, kann es in fremden Gesichtern jedoch nicht erkennen.

Stille
Schweigen ist Gold. So viel mehr als nur ein altes Sprichwort. Wünsche mir der Donner würd' vergehen; hätte dieser Erde doch nur einen Stumm-Modus. Wie jegliche neuartige Technologie, die kaum ein Otto-Normal-Verbraucher versteht, weil zu viele Knöpfe und Drähte vorhanden sind.
Wo ist nun der Knopf, der die Schreie ersticken kann? 

Observation
Nicht Teil dieser Welt zu sein, verbinde ich mit einer Art ungewollter Freiheit. Ihr seid die Schausteller und ich das Publikum. Ein Drama hier, eine Komödie dort. In der ersten Reihe sitzt es sich bequem. Anteilnahmslos bleibe ich immer.
So einfach funktioniert das Prinzip.

Intelligenz
Mein Bildungsgrad ist nicht besonders hoch. Doch lastet es schwer auf meinen Schultern, immer die Person zu sein, die ihre Aussagen wiederholen und deren Bedeutung erläutern muss.
Eure fragenden Augen beantworte ich doch nur mit Missbilligung, wie eh und je. Vielleicht ist es auch Frust. Ich weiß es selber nicht. Ich brauche wohl nicht zu wiederholen, dass ich Gefühle meist nicht ein zu ordnen weiß.
Schon in der Schule habe ich es gelernt, dass es vorteilhaft ist, immer zu nicken und sich dumm zu stellen. Man wird müde, so erschöpft von all den herunter-gelallten Widersprüchen.
Zu einem gewissen Grad sehe ich gewiss auf Menschen herab, aber nicht auf die, bei denen man es unter Umständen erwarten würde.

Ihr steht auf der sonnigen Seite und ich im Schatten. Zwischen uns eine Scheibe aus Glas.
Damit bin ich zufrieden.