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Donnerstag, 30. August 2012

Foto

Da mich Vorgestern die Langeweile gepackt hatte, kam ich auf die Idee mal wieder ein Foto von mir zu machen. Ich habe versucht zu lächeln - immerhin muss ich das "Posen" ja für ein Bewerbungsfoto üben.

Nichts desto trotz stehe ich weiterhin unter Druck. Gerade scheint nichts zu helfen.


Tintengräber + Hasenjagd

Tintengräber
30.8.2012

Buchstabenlose Worte und seitenlose Bücher -
Farbkleckse auf seelenlosen Blumen;
Geister kratzen ihre Köpfe,
wippen Stifte auf und ab,
24 Stunden lang.

Der Wind steht still
unsanft von der Nacht davon getragen,
Eine Trauerweide streckt sich über Gräber;
beschützt jedes datierte Wort,
jeden Gedanken, den Menschen einst besaßen.

Ich zerknülle ein weiteres Meisterwerk
mit Versprechen, die ich bedachte zu behalten;
Am Boden angekommen,
ruht es in einem Tintengrab.
Gesellt sich zu den restlichen verwunschenen Seelen.
____________


Hasenjagd
29.8.2012

Tief eingebettet:
In meinen Venen verfangen,
jagt ein Hase
durch die Gänge meiner Rippen;
Eingesperrt unter meinen Schlüsselbeinen.

Ich halte es nicht mehr aus:
Das Zucken und Zappeln,
das Rasen und Rennen,
das Kitzeln des Fells
während er nach einem
Ausgang sucht.

Erstickend in seinen Hasen-Sorgen
schlägt mein Herz
arrythmisch
Zu schnell, zu schmerzhaft
wie das Tapsen seiner Pfoten.

Ich hätte den Platz neben meinem Herzen
nicht so groß halten sollen,
mit Gräsern und Kräutern bewachsen;
nun lebe ich in Angst.

Mittwoch, 29. August 2012

Gute und schlechte Tage

"Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage", sagtest du zu mir als du versuchtest zu erklären, warum die Schnaps-Flasche leer neben deinem Bett lag. Worte des Vorwurfs konnte ich mir verkneifen, aber nicht dieses ergreifende Gefühl des Betruges, welches sich wie eine Schlange durch meinen Brustkorb schlich. Wenigstens erspartest du uns die Lügen, das Versteckspiel.

Oft genug schon habe ich dich beobachtet wie du deinen Rausch ausgeschlafen hast. Wie du vollkommen regunglos unter der Decke lagst und eher einem Toten geglichen hast als einem Vater. Obwohl ich inzwischen gut verstehen kann, wie es ist, überfordert und verzweifelt zu sein, bekomme ich viele Erinnerungen einfach nicht aus meinem Schädel.

Dabei geht es auch nicht um Vergebung, nicht voll und ganz, zu Mindest. Ich wünsche mir einfach ein Quäntchen Ruhe vor all dem Kummer und der Wut, die du mir gebracht hast. Wie könnte ich einfach vergessen?


Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Dieser hier ist kein Guter. Das verrät mir dein immer wieder auftauchendes Gesicht von Damals.

Dienstag, 28. August 2012


Um nicht vollkommen zusammen zu brechen...

Shopping ohne Freude

Es müssen schon Minuten vergangen sein. Minuten, die ich regungslos vor dem Spiegel stehe. Das Gesicht, welches reflektiert wird, scheint fremdartig. Immer wieder sage ich mir, dass das nur ich bin, doch muss ich mit meinen Fingern jede einzelne Kontur umfahren, um mir auch wirklich zu glauben. Ich erkenne mich nicht, kann die Mauern dieser Augen nicht durchbrechen.

Zaghaft tusche ich mir die Wimpern. Gleich breche ich auf um mit meinem Bruder einen kleinen Einkaufsbummel zu unternehmen. Es war sein Vorschlag und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich eigentlich viel zu träge fühle, um das Haus zu verlassen. Er gibt sich so viel Mühe beim Versuch mich aufzubauen. Wiederholt ständig, dass er möchte, dass ich wieder lache. Und für ihn lache ich auch - ab und zu. Damit er sich weniger Sorgen macht, sich nicht selbst die Schuld gibt.

Mich plagt ein schlechtes Gewissen. Und andere üble Gedanken, die ich hier nicht aufzählen möchte. Warum ist es nur immer wieder das Gleiche mit mir? Warum kann ich nicht einfach mein Leben so leben wie es andere Menschen tun? Warum bekomme ich meinen Alltag nicht in den Griff?

Ein Seufzen entflieht meinen Lippen.
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Einige Zeit später sitze ich im Auto. Im Radio läuft ein alter Song aus den 80ern, welches nur von der Stimme meines Bruder unterbrochen wird. Er erzählt mir von der Arbeit, von seinen Kollegen und dessen Kindern. Ich höre ihm zu, verarbeite jedoch nicht die Hälfte von dem, was er mir sagen möchte. Noch immer hängt ein Schleier über meinem Kopf. 
Diese ewig-kreisenden Gedanken, die einfach nicht verschwinden wollen. Prinzipiell ist es lächerlich, wirklich. Mein Leben könnte wunderbar sein. Da ich noch immer krank geschrieben bin, hätte ich genug Zeit für ein Hobby, könnte meine Zeit genießen, endlich was für mich selbst tun. Doch genau dort liegt das Problem: Die Depression nimmt mir alles. Meine Lebensfreude, jegliches Interesse, die Energie,….

Wir biegen in eine Kurve ein und vor mir erschließt sich das Einkaufscenter. Hunderte Menschen versammeln sich vor ihm. So viele fröhliche Gesichter strömen in kleinen Flüssen aus den Eingängen. In ihren Händen hängen Tüten wie Trophäen, die sie gewonnen haben.
Eine Gruppe junger Frauen fällt mir besonders auf. Ihr Lachen hallt über den gesamten Platz. Sie haben ihre Arme ineinander geschlungen, schunkeln wie bei einem Freudentanz hin und her.
Ihr Anblick allein reflektiert pures Glück. Kurz lächle ich auf, weil ich mich aufrichtig für sie freue. Dafür, dass sie nicht so sind wie ich.
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Im Buchladen stehe ich vor einer Oase des Wissens. Im Normalfall wäre ich ohne langes Zögern zu den Neuheiten marschiert, doch ohne erkenntlichen Grund finde ich mich in der Ratgeber-Abteilung wieder. Zuerst halte ich ein Buch über Entspannungstechniken in der Hand, danach ein Selbsthilfebuch für Depressionen.

Für einen Moment möchte ich “Vom Glück sich selbst zu lieben” kaufen, doch plötzlich überschwappt mich eine Welle der Unsicherheit. Ein Flüstern streicht durch meinen Kopf ‘Was soll denn die Verkäuferin von dir denken?’, ‘Bald hält dich jeder für total verrückt’, ‘Jetzt musst du schon Geld dafür ausgeben, weil du dein Leben nicht in den Griff bekommst’. 4
Nervös schaue ich mich um. Vergewissert, dass Niemand mich beobachtet hat, lege ich das Buch behutsam wieder auf das Regel zurück.

Mit gesenkten Kopf verlasse ich das Geschäft ohne ein Buch zu kaufen.

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Umbauarbeiten im Saturn sorgen dafür, dass sich alle Kaufwilligen in die engen Gassen drängen. Nicht, dass diese Situation nicht schon unangenehm genug ist, nein, die Leute fühlen sich zusätzlich noch dazu genötigt mir in regelmäßigen Abständen ihre Einkaufstüte gegen die Beine zu schleudern. So viel zum Thema Rücksicht nehmen.

Mein Bruder drängelt sich in die DVD-Abteilung. Noch bevor ich ihn fragen kann, was genau er sucht, zieht er den ersten Film hervor. Der Titel sagt mir nichts, und auch die Schauspieler nicht.
“Das soll eine echt gute Komödie sein. Bestimmt findest du den witzig!”, erklärt er strahlend. Ich nicke stumm und wünsche mir ein Loch zum Verkriechen.

Das Gefühl der Überforderung überkommt mich erneut. Umringt von Farben, Formen und Gesichtern finden meine Augen keinen Punkt der Ruhe finden.
Ich höre wie mein Herz anfängt immer schneller zu pochen. Merke, wie sich Schweiß in meinen Handballen bildet. Fluchtinstinkte setzen ein während sich kriechende Panik breit macht. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt auszuflippen. Immer wieder wiederhole ich diese Worte und verziehe mich in eine weniger bemannte Ecke.

Nach geraumer Zeit findet mich mein Bruder zwischen Staubsaugern und Waschmaschinen. Kein Wort wird gesprochen. Von meiner kleinen Attacke hat er nichts mitbekommen.
An der Kasse zahlen wir die DVDs, die sich mein Bruder ausgesucht hat und durchforsten die nahegelegenen Geschäfte.

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Mehr als ein Cardigan ist für mich nicht drin. Eigentlich brauche ich auch diesen nicht, aber ich wollte nicht vollkommen umsonst hier her gekommen sein.

Noch immer hallt Gelächter und Ausgelassenheit durch das Center. Ich bin kein Teil davon. Kein Teil von ihnen. In der Masse gehe ich unter, man kann mich nicht sehen. Deshalb bin ich nichts weiter als eine sich wiederholende Situation. Nur der Schatten, der sich unter euren Füßen bewegt.

Und wenn ich durch die Tür gehe, verschwinde ich leise aus euren Leben. So wie ihr aus meinem verschwindet. Innerliche wünsche ich mir einen Platz in eurer Mitte, doch weiß ich es besser. Bin mir bewusst, dass ich morgen einsam erwachen werde, den Tag plan- und ereignislos dahin streichen wird und ich Nachts einsam in mein Bett kriechen werde.

Bitte verzeiht mir diese Gedanken. Sie sagen mehr als ich fühle. Doch niemals genau das, was ich empfinde. Oder mehr.

Sonntag, 26. August 2012

Traurig, einsam, verwirrt

Du sitzt einfach nur da und schreibst deine Probleme auf. Wahrscheinlichkeit ist Traurigkeit unsere Muse, sonst wäre Poesie emotionslos wie ein Blatt, welches seine Farbe verloren hat.

Da ist überhaupt nichts. Es ist alles leer. Dabei hat dir einst das gesamte Alphabet gehört. Wo sind all die Zeichen und Striche geblieben?

Vielleicht kannst du dich erst nach dem Regen besser fühlen. Wenn der Himmel alles loswerden kann, was hält dann dich davon ab? Zu oft schon habe ich versucht die Schönheit der Tränen deiner Augen einzufangen. Es hat noch nie geklappt. Nichts ist mehr wie du es vorher gesehen hast. Und aus den Armen eines Wunders wurde eine jämmerliche Erbärmlichkeit.

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Eine Frau schlendert an mir vorbei. Für einen kurzen Moment treffen sich unsere Augen und mir bleibt die Luft in der Kehle stecken. Dieser eine Blick sprach so viel und gar nichts; doch habe ich alles verstanden.
"Ich bin das Leben leid", und es macht so viel Sinn.

Seitdem fühle ich mich wie ein Tropfen Öl auf dem Teppich, den man mit Wasser nicht mehr rausbekommen. Es ist verschwommen und extrem, aber was davon ist real? (Schrub' ruhig so doll wie du willst. Ich geh' hier nie wieder weg.)

Ich brauche einen Fix um mich lebendig zu fühlen. Die Magie liegt in Tabletten und Tropfen, die bekanntlich nicht wie Pilze aus dem Boden sprießen. Doch schlucke ich sie nacheinander, Stück um Stück. Inhaliere einen luziden Traum und kotze meine Organe aus. Ich habe ihnen bereits Gute Nacht gesagt.



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Dieser Moment könnte unendlich sein, es könnte der Moment meines Lebens sein, oder dessen Ende. Es könnte alles sein, was ich mir je gewünscht habe, oder mehr noch wovor ich mich immer fürchtete.
Ich bin so verwirrt. Wie das Regen-Sonnen-Wetter.

Ich hab ein blaues Auge, weil ich gegen die Wand gesprungen bin.
Die Klinge in der Hand singt ein Lied. Nur für meine Ohren.
Wann werden diese Schmerzen jemals enden?

Ich will raus. Ich will weg. Ich will sterben.

Freitag, 24. August 2012

Unser Werk - Nummer 3

Die unter euch, die meinen Blog schon etwas länger verfolgen, kennen dieses Projekt bereits. Wieder einmal möchte ich eure Ideen und Kreativität für “Unser Werk” nutzen.

Für die Leute, die es nicht kennen, erkläre ich es noch mal kurz:
Auf der dafür vorgesehen Unterseite (Nummer 3) stelle ich ein von mir gezeichnetes Bild online, welches euch dazu inspirieren soll, etwas eigenes zu kreieren. Das kann ein Text, ein Gedicht, ein Foto oder ein eigenes Bild sein. Alles, was euch dazu einfällt, kann an meine E-Mail-Adresse gesendet werden.

Einsendeschluss ist Samstag, der 8.9.2012 um 18 Uhr.
Sollten wieder Beiträge dabei sein, die anonym bleiben wollen, schreibt das bitte mit in die Mail. Sonst brauche ich nur eure Blogadresse und euren Namen und ihr werdet selbstverständlich zurückgelinkt.

Fragen können immer gestellt werden. Entweder hier als Kommentar oder auch an die oben genannte Mailadresse.

Was ich nicht verstehe...

I.     Der Arzt spricht von Chemikalien und Neurotransmitter,
    Redet von Genen, Dispositionen und Medikamenten.
    “So wie man aufgewachsen ist”, sagt er,
    Und ich verstehe nicht, was er meint. Es wird nicht erwartet, dass ich verstehe.


II.    Die Schwester freut sich, dass ich mich mit ihr unterhalten möchte.
    Nur um 5 Minuten später enttäuscht zu sein, dass ich nicht mehr reden kann.
    Sie kennt mich nicht, also darf sie noch ihre Überraschung kund tun.
    Und ich verstehe nicht, warum ich nicht so sein kann wie andere Menschen.


III.    Die größte Stütze, die ich habe, ist mein Bruder.
    Ich stoße ihn von mir, weil seine Worte zu süß schmecken,
    Seine Taten Besorgnis erregend sind.
    Und ich verstehe nicht, warum er nicht sein eigenes Leben führen möchte.


IV.    Mein Kopf schmerzt, wenn die Stimmen in ihm herumschwirren.
    Es macht mich verrückt - loslassen kann ich jedoch auch nicht.
    Der Donner ist real, und keine Medizin stoppt den nächsten Blitz.
    Und ich verstehe nicht, warum es keine Rettung zu geben scheint.


Die Liste könnte endlos werden.

Was ich fühle, ist nicht korrekt. Meine Person ist kopflos, gedankenvoll und kontrovers.
Manchmal lese ich die kleinen Zettelchen, die ich in Angst und Verzweiflung geschrieben haben, und frage mich, wie so eine nichtige, bedeutungslose Person etwas mit so einer großen Wirkung erschaffen konnte. Etwas wie ein Anker, der sich nicht bewegt.

Mittwoch, 22. August 2012

Was sagen die einem bei der Telefonseelsorge? Hat jemand dort schonmal angerufen?

Ob es heute zu spät sein wird?


"Wollen Sie nicht lieber gleich in eine stationäre Aufnahme?"

In den letzten Tagen war ich in einer lähmenden Hölle gefangen. Der Schmerz, der so tief in mir drin verankert war, hielt mich wie ein Stein zu Boden. War unfähig alltägliche Hausarbeiten zu verrichten, lag nur stundenlang im Bett und weinte vor mich hin.
Mein Bruder bemühte sich mir ein belegtes Brot auf zu drängen, doch der Ekel vor dem Essen, die Apetitlosigkeit, hielten mich davon ab.
"Aber du bist doch schon so dünn. Bitte iss was!"
Ein Happen. Zwei Happen. Vorbei.
So ging das die letzten fünf Tage. (Depression, du bist dem Anschein nach die beste Diät der Welt. 2 Kilo in einer Woche.)

Ich bin ein Versager. Und genau das denken andere Menschen auch. Das Leben bekomme ich einfach nicht auf die Reihe.



Gestern habe ich mich auch wieder geschnitten. Erst waren es feine Schnitte; so zaghaft, dass kaum Blut aus ihnen herausfloss. Je tiefer die Schnitte wurden, desto mehr fühlte ich wieder etwas anderes als schiere Verzweiflung.

Mein Bruder brachte mich zum Psychologen. Er hat Angst um mich, sagte er.

Ich habe kaum ein Wort mit ihm gewechselt. Nur genickt oder den Kopf geschüttelt. Mein Bruder hat das Sprechen für mich übernommen.

"Bitte helfen Sie ihr. Seid Tagen liegt sie nur noch im Bett und weint. Isst nichts, spricht nicht und hat wieder angefangen, sich zu schneiden."

"Frau S., darf ich die Schnitte sehen?"
Ich krempel meinen Pullover hoch und streckte ihm meinen Arm hervor. Mein Bruder stockte der Atem. Vorwurfsvolle Blicke sendete er mir wie Pfeile an den Kopf.
"Das werden wir wohl nähen müssen."
Also nähte er die tieferen Schnitte zusammen. Fragte, warum ich es wieder getan hätte. Aus Anspannung oder Verzweiflung. Warum fragt er sowas eigentlich? Wo genau liegt der Unterschied? Das würde ich ganz ehrlich gerne wissen wollen.
Danach folgte noch ein Gespräch über Suizidgedanken, wie genau sie seien und ob ich schon Vorbereitungen getroffen habe.

"Wollen Sie nicht lieber gleich in eine stationäre Aufnahme?"

Nein, das wollte ich nicht. Ehrlich gesagt, lieber Doktor, würde ich lieber sterben als noch irgendwohin zu gehen.



Wir haben einen Deal: Bis Donnerstag tu' ich mir nichts an, das musste ich ihm versprechen. Bis Donnerstag bekomme ich Lorazepam. Bis Donnerstag passt mein Bruder auf mich auf. Am Donnerstag sehen wir uns wieder.
Wenn es bis dahin nicht besser wird, wird er mich wohl einweisen müssen.

Oder ich springe vorher von der ausgesuchten Brücke. (Aber ich habe es ja versprochen.)

Mein Kopf ist ein Chaosgebiet.

Montag, 20. August 2012

Ich vermag es gar nicht in Worte zu fassen wie ich mich derzeit fühle. Alles ist wie abgestorben; hoffnungslos, zukunftslos. Was ist nur wieder los mit mir? Nach der Klinik ging es doch wieder aufwärts, woher kommt auf einmal wieder dieses tiefe, schwarze Loch?

Zum Weinen reicht es nicht, für Verzweiflung ist zu viel Platz. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Jetzt bin ich nur noch vier Wochen krank geschrieben, weiß Tagein - Tagaus nicht, was ich mit meiner Zeit machen soll und bin wieder so am Ende.

Ich kann nicht mehr... Will auch gar nicht mehr... Wozu noch kämpfen, wenn es immer an der selben Stelle endet?

Donnerstag, 16. August 2012

Ja oder Nein

Auch wenn es dir weh tut: Ich hab schon lange aufgegeben.
Als die Leere plötzlich wieder da war, war auch die Klinge wieder in meiner Hand. [Tu' es! / Tu' es nicht!]

Du sperrst mich in einen Käfig - wie ein Monster. Jedes Mal, wenn mein Rücken die Gittestäbe berührt, siehst du mein wahres Ich. Ist es nicht so? Ist es nicht so?

Es ist kein Blut geflossen. [Tu' es! / Tu' es nicht!]

Dienstag, 14. August 2012

Todeswünsche in der Psychatrie

Diesen Text habe ich in der Klinik geschrieben und wollte ihn eigentlich nicht online stellen. Er ist reichlich kindisch. Aber egal, ich kann den Text ja auch zu einen späteren Zeitpunk wieder herausnehmen.

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In einem weißen Bett, blass wie leblose Knochen eines vergehendem Skeletts, liege ich und starre an die Decke während drei Krankenschwestern und ein Arzt meine mentale Gesundheit diskutieren. Mit Unsicherheit spitze ich meine Ohren, vielleicht sickert ja doch das ein oder andere Wort der Vergebung hindurch.
Das Auf- und Absetzen des Stiftes auf Papier macht mich verrückt - zugegeben: verrückter. Tap-Tap-Tap.

Das verabreichte Haloperidol und Lorazepam beginnt zu wirken. Die Luft in diesem Zimmer scheint wärmer, ruhiger und besänftigender. Wogen der Entspannung erlösen mich von Kurzatmigkeit und Angst. Langsam, ach, viel zu langsam.
Unter sedierenden Medikamenten wie diesen kommen mir die merkwürdigsten Wünsche: Ich hätte gerne eine andere Krankheit. Etwas zum Anfassen, zum Entfernen. Nicht, weil ich mir eine Krankheit im eigentlichem Sinne wünsche, sondern weil ich weiß, dass mein Gehirn immer den gleichen Mist denken wird. Dass ich wahrscheinlich immer wieder zwischen Lebensgefahr und Lebensmüdigkeit schwanken werde.

Angenommen ich hätte Krebs, würde die Schwester mich dann mit anderen Augen anschauen? Würde ein tröstendes Lächeln aufsetzen und mir Kosenamen geben? (Andere Kosenamen als “Die Suizidgefährdete” oder “Die Depressive”, meine ich)



Nacktes Fleisch schimmert durch den rückenlosen Teil des Krankenhauskittels. Hier sieht man mehr als nur die Schande marschieren. Schamgefühl kommt in Wellen. Nicht wie ein Skalpell oder die kalten Hände eines Chirurgen. Das jedoch ist kein Symptom, sondern nur eine Nebenwirkung.

Selbst in diesem zerknitterten Krankenhausbett wünsche ich mir den Tod. Oder eine andere Form von grenzenloser Ruhe, weg von Einmalhandschuhen und dissoziativen Ausdrücken, von niemals endenden Fragen und heimlich-stillen Schuldzuweisungen - unausgesprochen auf trockenen Lippen. (“Du hast dir das alles selbst zuzuschreiben. Du bist nur eine verdrehte, manipulative Geisteskranke! Hör‘ endlich auf unsere Zeit zu verschwenden.”)

Immer wenn der Doktor meine Arme, meinen Bauch und meine Beine versorgt hat, wünsche ich mir, er würde mich einfach in den Arm nehmen. Danach sehne ich mich oft.
Auch von den Schwestern. Den anderen Patienten. Sogar von den Reinigungskräften.

Was ich anstelle bekomme, sind lange Pullover im Sommer und einsame Nächte mit sprechenden Schweinen und Selbstekel.
Wäre es nicht so erbärmlich, würde ich jetzt wohl lachen. Ironie ist mir geblieben. Sie hilft mir oft über kranke Gedanken hinweg - kaschiert sie für eine kurze Weile.


Abendbrot esse ich mit Plastikbesteck. Das ist der Preis, den ich zahlen muss; dafür, dass ich zu lange auf einer Brücke gestanden bin. Salat und kalte Nudeln - Festschmaus der Geschmacksknospen.
Dafür bekomme ich gleich danach Medikamente auf einem goldenen Tablett serviert, mit köstlichem Leitungswasser verfeinert.


Vielleicht ist mein Suizidwunsch gar kein Schrei nach Hilfe. Die Geisteskranken und Verrückten wissen, dass eine vertrocknete Rose unter einem anderen Namen auch nach gar nichts mehr riecht.
Mein Kopf ist voller Worte; sie kriechen durch meine Augen, steigen aus meinen Ohren, schlängeln sich durch jeden Winkel meines Mundes.
Es gibt sie doch, die Monster, vor denen ich als Kind immer Angst hatte. Sie lauern zwischen den Schleifengängen meiner Knochen, jagen die krankhaften, paranoiden Gedanken wie Tiere in meinem mit Poesie befleckten Körper.

Die Totur lebt durch mich, so unübertroffen einzigartig: Es bleibt nichts als ausharren. Und ausharren. Und ausharren.



Montag, 13. August 2012

Absagen

Habe heute vier Absagen von verschiedenen Therapeuten bekommen. Nicht einmal einen Termin für ein Erstgespräch wollten sie mir anbieten.
Ich weiß nicht, was ich dazu großartig sagen soll. Mir geht es nicht gut mit den Gedanken.

Sonntag, 12. August 2012

Alpträume haben brüchige Nägel

Dem Tag entgegenblickend trage ich die Nacht noch in meinem Herzen. Die Pupillen schmerzen vom all zu grellen Sonnenlicht.
Einseitige Kopfschmerzen und "Ich schlafe nicht gut"-Beschwerden spinnen sich so lange um meine Gedanken bis nur noch sie übrig bleiben, zwischen staubigen Erinnerungen und selbstauferlegten Sorgen, die nur noch mehr Druck ausüben.

Ich schlafe wirklich nicht gut.

Vielleicht liegt es daran, dass ich Menschen nicht vergeben kann. (In einem Paralleluniversum - welches nur in meinem Kopf existiert - lohnt sich das.)
Es liegt an mir, dass ich von mir selbst angeekelt bin. Doch fühle ich mich oft noch wie das kleine Schülmädchen, über das sich jeder lustig macht.

Das Zischeln, das zynischer Lachen, die bösartigen Blicke und die "versehentlichen" Schubser auf dem Schulflur. Ja, ich kann mich dran erinnern. Immer dann, wenn es mir sowieso schlecht geht.
Vielen Dank auch.

(Eure Wort gleichen frischen Infektionen.)

Woher kommt der Schmerz? Und die Alpträume?

Es ist so viel mehr als eure Namen, die sich wie Dornen durch meine Hände bohren.
Oh, meine Gedanken hängen am Kreuz. Meine Arme auch. (Zwei Monate schneidefrei und dann das.)

Samstag, 11. August 2012

100 Themen-Challenge (81-100)

Endlich ist es geschafft!
EIn riesiges Dankeschön geht nochmal an Scoriat (bitte schaut doch mal bei seinem "Brunnen-Projekt" vorbei), an Traumkirschen und an meinem Bruder für Themen-Vorschläge.

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81. Zweifel
Vielleicht brauche ich dich,
Deine Hilfe, die du mir nie gegeben,
Perfektion ist nur ein Wort
Für die verspäteten Zweifel.

82. Rosarot
Fallende Blütenblätter
Wie rosaroter Regen
Heilen Wunden in ihrer Brust
Im Frühling

83. Zeitlupe
Dein Lächeln schneidet
Einen Weg aus meinem Herz
Tödlich unsanft in
Z.e.i.t.l.u.p.e.

84. Beerdigung
Die Gartenbeete ruhen wie ungepflegte Gräber,
Umklammern die Wurzeln toter Rosen:
Dorniger Kruzifixe in Reih’ und Glied.
Begraben sind die Farben und die Pracht.

85. Treibsand
Ein Hai mit dem Kopf im Fischglas,
Von der Welt der Menschen fasziniert,
Füße im Treibsand, Augen gen Untergang.
Der Anker längst verschwunden.

86. Waffen
Gewehre töten nicht,
Geschütze feuern nicht,
Ist es nicht verrückt,
Dass es der Mensch kann?

87. Sturm
Massen grauer Pferde
Brechen lautstark den Moment
Für den Lichtblick
Am Horizont

88. Beirut
Ein Stepptanz auf ihren Schläfen
Sie ist allein, es wird dunkel
Matt glänzend schimmert das leere Versprechen
Dieser Stadt in Trümmern.

89. Zion
Die gesichtslosen singen das Lied,
Färben den Wind mit ihren Innersten,
Über ihrer Sterblichkeit schmücken sie
Den Himmel mit ihren Blut.

90. Enola Gay
Der kleine Junge auf dem silbernen Tablett,
Ein Pilz, der aus den Boden schoss,
Tausende Kraniche vergiften
Hunderte verlorene Seelen.

91. Patchouli
Inspiriert von einzigartiger Erinnerung:
Er hält ihr Lächeln auf ewig fest
Zwischen Sonnenstrahlen und goldenen Feldern,
Zwischen Pianotasten und Patchouliöl.

92. Wiedergewinn
Mit Andacht warf er seine Worte
In Richtung fließendem Fluss,
Sie sanken wie Steine
Um den neuen Tag zu begrüßen.

93. Die Blaue Blume
Vergehend in ihrer Hände Griff
Die Blaue Blume, die beschmutzt von alten Welten
Noch ruft sie seinen Namen
Bis das letzte Blütenblatt zu Boden fällt

94. Eiswasser
Mondlicht wäscht die Schale meiner Haut
Wie der Ozean das glänzende Holz
Eines aufbrechenden Schiffes
Mit eiskaltem Wasser; des Seemanns Tränen.

95. Sonnenblume
Sich im Glanze hoch zur Sonne drehend,
Doch im Regen nie vergehend,
Bald schon mit einem Lächeln untergehend,
Immer nur nach vorne sehend.7

96. Handschrift
Sein Körper spiegelt das Gekritzel
Seiner sudelnden Buchstaben
Dünn, unentschlossen schwankend
Das Flüstern am Ende eines Briefes.

97. Witz
Drei Enten explodieren
Im schnatternden Gelächter
Nak-Nak-Nak.
Das war ein Insider.

98. Buchstabensuppe
Meine Gedanken fielen in die Buchstabensuppe,
Die Worte, die Buchstaben, die Satzzeichen
Noch ist alles vorhanden
Es fehlt die Kohärenz

99. Altern
Lebhafter Wind
Eine Eiche vertrocknet bald,
Denn ihre Blätter schmücken den Boden.
Im Wald altert man mit Würde.

100. Ende
Mein Leben war stets tragisch genug,
Um mir den Stift in die Hand zu drücken.
Ich wollte immer schreiben, kritzeln, zeichnen
Und es bis zum Schluss mit dir zu teilen.

Freitag, 10. August 2012

Schlecht

Heute ist ein extrem schlechter Tag. Obwohl ich die letzte Zeit relativ gut über die Runden bekommen habe, scheint heute wirklich wieder alles am Boden genagelt zu sein.
Es sind die Gedankenkreise, die Sorgen und Unwohlsein immer wieder vermischen.

Sogar die Klinge hielt ich heute wieder in der Hand. Dabei hatte ich zwei Monate ohne ausgehalten.

Gerade ist die Welt wieder dunkel.

Donnerstag, 2. August 2012

100 Themen-Challenge (61-80)

61. Verstand
Ein Zug, der an die Gleisen gefesselt ist,
Ein Flugzeug stürzt zum Ausgleich,
Eine Hemisphäre in Zwei geteilt:
Die Ferne in Brüchen kritisiert.

62. Kommunikation
Der Welt der Kommunikation erlegen
Unser modernes Wunderland:
So viele Worte, unendlich viele Worte:
Und doch denken wir, Bilder sagen mehr.

63. Sucht
Versuch’ die Sorgen zu ertränken,
Löse sie in Rauch auf,
Stich die Nadel in deine Venen:
Alles ist nur Ersatz.

64. Schlaflos
Ich träume und wache
Wälze mich in Schlaflosigkeit
Während andere Menschen ihre Augen ruhen,
Liege ich in meiner eigenen Welt.

65. Feder
Die Leichtigkeit einer Feder macht mich sprachlos,
Kann mich kaum daran entsinnen zu atmen,
Mein Kopf gleitet in anderen Sphären,
Wenn du ein Wort nur sprichst.

66. Vogel
Du denkst, er sei innen hohl
Und wirfst ihm Steine zu,
Du weißt nicht: in ihm fliegen
Tausend Papierschwalben.

67. Leid
Einfach verdorren, verblühen im Leben,
Kann kein Mensch das Glück dir geben,
Erschütternde Verzweiflung von Zweifel predigt,
Dieses Leid dich deiner Flügel entledigt.

68. Auflösung
Du reißt das Herz mit deinen Händen entzwei,
Verschlingst die Seele mit Vampirzähnen,
Verkohlst die Wände des Verstandes
Begierde ist alles: Bis nichts mehr von mir bleibt.

69. Isolation
Dem Tag entlaufend,
Der Menschlichkeit entfliehend;
Ich suche Sterblichkeit
In den Armen meiner Einsamkeit.

70. Stille
Weißes Rauschen in meinen Schädel,
Ticken wie hundert Uhren,
Stimmen wie im Radio.
Götter in Weiß versprechen Stille. Endlich.

71. Fluch
Sie schmeißt den Gurt der Zurückhaltung von sich,
Noch das Klischee des Balance-Aktes ausführend,
Der schmale Draht zerfällt zu einem Bindfaden,
Am anderen Ende hängst du.

72. Blass
Blasse Schatten ragen über luzide Höhen,
Trampelnd durch unsere Zellen wie weiße Winde,
Ist es eine Krankheit, die meinen Sinnen Farbe entzieht,
Oder verwechsele ich mein Gewissen mit einer Katastrophe?

73. Heilen
Gib mir deine Schwäche,
Ich schenke dir eine Narbe.
Liebes Kind, schenk’ mir deine Tränen
Und ich gebe dir ein heilendes Herz.

74. Vakuum
Sie haben ihren Magen ausgepumpt,
Nun alles ohne Inhalt, ohne Säure.
Ihre Rippen brechen wie ein Käfig aus Fingern:
Gefühlt gewolltes Vakuum.

75. Schultern
Narben sieht man auch durch fallendes Gelächter,
Diese eine Schwäche die ewig hält
Kämpfe für den sterbenden Tag - durch die Nacht,
Denn auf deinen Schultern ruht die Welt.

76. Batterie
“Ein Herz als Batterie, oder umgekehrt”,
Wieder aufladbare Visionen zerschlagen die Sinne,
Unterdrückte Erinnerungen zersetzen sich langsam,
Positives Denken wird meine Meinung polarisieren.

77. Hässlich
Sie wollte nur ein bisschen Liebe,
Doch Zuckerl-Herzen und Gutsel-Briefe
Sind nur für Schlafzimmer-Augen und Hollywood-Lächeln:
Nicht jeder kann perfekt sein.

78. Leer

Ich frage, was das Leben wirklich zu bieten hat,
In einem Einweckglas sitzend, beobachte ich immer mehr.
Ich habe dieses nüchterne Warten satt,
Mein Herz, du bist so leer.

79. Echo
Das Echo ihrer stillen Schreie
Stieß durch Mark und Bein
Wie ein Schlachtermesser
Durch jeden Knochen glatt hindurch.

80. Porzellan

Sie war eine Puppe aus Porzellan
Mit Nichts als Nichts in ihr drin
Trug hübsche Kleidchen und Elfenflügel
Um das wahre Monster zu verbergen.

Ein Brief an das Mädchen, welches meine Haut aß

Eigentlich wollte ich einen Zweiteiler aus dieser Story machen, aber ich mag sie nicht besonders, deshalb ist das hier alles, womit ich euch heute beglücken werde.

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Ein Brief an das Mädchen, welches meine Haut aß
Obwohl du versucht hast, es zu verheimlichen habe, habe ich dich durch die Wände kriechen hören. In den Nächten – immer dann, wenn ich gerade schlafen wollte – kratztest du an meinem Bettkasten. Nie konnte ich ein Auge zu tun, denn ich wusste, du bist genau an dem Ort, an dem Träume von Sonnenstrahlen gefressen werden.
Jeden Morgen erwachte ich im Dunst; neben dunklen Haaren in meinem Waschbecken und Schmetterlingsflügeln auf dem Küchenboden.
Vielleicht hätte ich mich besser um dich kümmern sollen, doch zu dem Zeitpunkt schrieb ich eine Geschichte über Astronauten und Geisteskrankheiten. Selbst meine Freundin stand eines Tages vor der Tür und erklärte mir, dass die Eidechsen vom Mond uns bald alle töten werden.
“Gott hat mir darüber berichtet”, verriet sie während sie mit dem Armband um ihrem Handgelenk spielte. “Sie bauen Laserkanonen. Im Schlaf werden sie uns die Augen aus dem Kopf schmelzen.”
Gott sei Dank, dass ich sowieso nie schlafen konnte. Das nahm das Überraschungsmoment.

Ihr Name ist Hannah. Ich mochte sie immer besonders gern, weil ihr Name ein Palindrom ist. Schon im Kindergarten wusste ich das. (Immer aus der Masse hervorzustehen war mein Todesurteil. Alle hassten mich – nur nie so sehr wie ich mich selber hasste.)
Leider blieb Hannah nie zu lang an einem Ort. Nicht mal ihre Gedanken waren sortiert.
“Gestern habe ich dieses neue Make-Up ausprobiert. Versuche du auch mal den neuen Concealer! Deine Augenringe sind gigantisch. Schläfst du überhaupt noch?”
“Vielleicht sorge ich mich zu sehr um die Echsen”, log ich, denn eigentlich dachte ich immer nur an dich. Eingesperrt hinter Mauern, nein, eingeschlossen in den Mauern jener Zeit.
Manchmal wäre ich gern wie Hannah. Einfach die Themen in meinem Kopf ändern können – ohne Schalter.

Nur ein Seufzen erhielt ich als Bestätigung.
Ich stand auf, um mir eine Tasse Kaffee zu holen. In der Schwärze spiegelte sich mein Gesicht: Ja, meine Augenringe stachen wirklich hervor. Ein Gemälde aus Blässe und Ruin. Ein Blick wie ein untergehendes Schiff: Verkrümmte Nase wie ein Anker, Haare wie Seetang an der Küste. Zwischen den meeresblauen Augen lag eine unbekannte Ferne, eine nicht aus zu sprechende Tiefe.
“Is’ was?”, fragte Hannah und riss mich so aus meinen nassen Gedanken.
Eine Antwort bekam sie jedoch nicht. Manchmal verdarben Worte in meinem Kopf; wurden sauer wie Milch, die zu lange im Kühlschrank stand. In solchen Momenten gab es keinen Unterschied zwischen “ja” und “nein”. Lediglich schwarz-weiße Tatsachen, die mein Psychologe immer als dichotome Denkweisen bezeichnete.
Währenddessen schlängeltest du dich weiter durch die Wände, damit ich nicht zur Ruhe kommen würde. Zumal ich nicht von ungefähr Insomnias bester Freund war.
Tag und Nacht das Gleiche: Immer dann, wenn Stille in mein Herz kletterte, vernahm ich das leise Kratzen deiner Nägel am Beton. Schaute ich in deine Richtung, erschloss sich mir ein Loch in der Wand. Jedoch nur wenn es Dunkel war, klettertest du aus deinem Refugium in mein Bett.
Im Halbschlaf, zu früh um sich einem Traum hinzugeben, krabbeltest du auf meinen Schoß. Deine Haare umklammerten meine Handgelenke wie Wurzeln die Erde umgeben, banden uns zusammen: Verbunden in finsterer Gemeinsamkeit, zu Zweit auf ewig allein.
In dem Moment, an dem ich dachte, ich würde mich dir hingeben können, wurde es Morgen. Dann verschwandest du wie ein böser Traum; und nur die ein paar Strähnen deiner Haare blieben mir übrig.

Niemand verstand, was ich durchmachte. Sie sahen immer nur das ausgelaugte Gesicht, weil mein ausgelaugtes Herz fest in einem Knochenkäfig verbunkert lag.
Vielleicht hätte ein Exorzist mir helfen können, doch man kann als Atheist nicht an Gott und seine Fehlfunktionen glauben. Das ist doch, worum es im eigentlichen Sinn ging. Glauben oder die Augen schließen. An etws Höheres, an etwas Niederes. Für mich existiertest du, für andere nicht. Und es machte nie einen Unterschied, ob Gott seine Propheten fickte oder nicht.

Ich hasste diese Gedanken. Schon in den Kindertagen. Mir fiel es schwer, Freunde zu finden; oder zu verstehen, warum sie lieber im Sand spielten als Karten zu sammeln.
Meine Mutter sagte ich immer, ich solle mir mehr Mühe geben beim Kontakte-Knüpfen. Sie wird es bis heute nicht verstanden haben, dass ich an menschlichen Individuen kein Interesse hatte. Eine Vorzeige-Tochter war ich wirklich nicht.
Wieder in der Gegenwart angekommen, roch es nach Erdbeeren und Vodka.
“Das perfekte Abendbrot”, ließ ich Hannah wissen und setzte das Glas an meine Lippen.
“Ich glaube, ich wohne mit einem Dämonen zusammen”
“Was?”, fragte Hannah perplex.
“Gerade sollte ich wahrscheinlich in Panik geraten. Ich schätze, ich habe meinen Einsatz verpasst. Oder die Situation unterschätzt.”
Ein kurzes Zucken zog über ihr Gesicht während ein stiller Moment verging. Nach ihrem erstmaligen Zögern, lachte sie.

“Oh, ich weiß nie, wann du Scherze machst”, damit versicherte sie nur sich selbst. Einen Scherz nahm man nie ernst, dafür war diese Materie zu potentiell.
Wir tranken unsere Sorgen leichter, tranken dieses Gewicht auf den Schultern weg – bis uns die Übelkeit überkam. Übelkeit, die mit Schwerelosigkeit und körpereigener Fremde einher geht. Mit schwindeligem Schädel lag ich im Bett. Sah zu wie du aus der Wand gekrochen kamst und mich davon abhielst, meinen Mageninhalt zu entleeren.
Ich atmetete tief ein, fühlte deine Haare auf meiner Zunge. Ich atmetete aus.
Und von diesem Moment an wusste ich nicht mehr, was Angst überhaupt bedeutete.
“Verrate mir deine Geheimnisse”, waren die ersten Worte, die du jemals zu mir sprachst. Bitte lache nicht, lieber Leser, doch für mich war dieser eine Satz eine romantische Verkündung einer niemals-endenen Bindung.

Es gab keine Geheimnisse, die ich teilen konnte. Also zog ich mein Shirt hoch und zeigte dir meine Narben am Bauch und an den Schenkeln. Deine Miene verzog sich nicht eine Sekunde.
“Wo hast du die her?”, fragtest du.
Das ist eine andere Geschichte. Daran kann ich mich nicht erinnern, nicht voll und ganz. Die Erinnerung war zu heiß, nicht für eine Berührung vorgesehen. Ich dachte an eine Zeit, in der es diese Narben noch nicht gab. Damals als Motten unter meinem Shirt hin und her flogen.

“Erzähle mir mehr!”, befahlst du mir mit deiner kiesigen Glasstimme.

“Meine Mutter wollte mich umbringen. Sie legte ihre Hände um meinen Hals und drückte, und drückte. Ich konnte nicht atmen, wehrte mich aber nicht.”

“Mehr!”

Und ich redete wie ein Fluss, Wasser aus hunderten Buchstaben und Satzzeichen. Redete meine Lippen fusselig, redete ohne Pause – obwohl du mir nicht einmal deinen Namen verrietst.
Mehr als nur einmal wollte ich wissen, wie ich dich denn nennen soll. Doch gabst du mir nie eine Antwort. Für mich warst Madeleine, oder Andy. Manchmal Flora oder die heilige Katrin.
Insgeheim wusste ich stets, dass du gar keinen Namen hast – obgleich ich nicht sicher war, ob wir den gleichen Namen tragen. Es würde dich vermenschlichen. Verstecken, was hinter den langen, schwarzen Haaren und der kranken, kalibrierten Haut steckte. Geschlechtslos solltest du bleiben, ohne Sünde und Triebe.

Eines Nachts biss ich in deine Hände. Ich wollte sehen, wie du schreist. Ich wollte, dass du schreist.
Doch lachtest du einmal kurz auf, ein bedeutungsloses Grunzen aus der Kehle, und flüsterte ein “Netter Versuch” in meine Ohren.
Hätte ich die Kraft gehabt, deine Finger ab zu beißen, hätte ich keine Sekunde gezögert.

Als ich los ließ, schmierte ich dein Blut über mein Kinn.
Am darauffolgenden Morgen wanderte ich in den Garten und sah die Blumen sterben. Das Gras wurde schon gemächlich braun, trotz dessen frisch gemäht vom Hausmeister.
Eine tote Maus lag blutig am Ende der Holztreppe. Ich stellte mir eine Katze mit rotem Gesicht und tödlich gelben Augen vor und realisierte zum ersten Mal, dass ziemlich viele Dinge in meiner Umgebung starben. Immer wieder.
Vielleicht existiertest du aus diesem Grund, namenloses Wesen. Vielleicht verlor ich zu oft den Fokus am Leben, oder war zu fokusiert an lediglich meinem Leben um zu begreifen, dass es keinen Raum für Verrückte wie mich gab.
Oh, wie traurig es mich machte, dass ich meine Halluzinationen mit Niemandem teilen konnte. Sie würden nie verstehen. Menschen verleumdneteten, was sie nicht vor ihren Augen führen konnten.

Mittwoch, 1. August 2012

100 Themen-Challenge (41-60)

Erstmal ein riesiges Dankeschön an Vivi und Scoriat, die mir mit ein paar Themen geholfen haben. =)
Brauche übrigens immer noch mehr.

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41. Vergissmeinnicht
Arterien, die das Vergissmeinnicht-Herz ausbluten.
Erinnern an dich und kalte Winkel
Ohne Augen ist das pochende Herz in meiner Brust
Blind - nur ein blutendes Ding.

42. Beifahrersitz
Gleich ihrer atemlosen Stimme
Als er mit Pianofingern die ihre umklammert,
Streichelt, festhält.
Neben ihr rauschen die Motoren.

43. Fehler
Es braucht nur einen Fehler
Um sie vergessen zu lassen,
Dass auch du ein Mensch bist.
(Doch dein Finger hält den Abzug)

44. Reinheit
Gebräuchliche Schuld erfahren die,
Die Reinheit in sich suchen.
Philosophische Reinheit finden die,
Die den Teufel in Worten suchen.

45. Hitze
Zitternd in den Wellen der Hitze,
Feurige Zungen lecken meine Haut,
Schweiß tropft auf jeder Ritze,
“Abkühlung!”, schreit es laut.

46. Cinderella
Für eine Nacht war sie die moderne Cinderella,
Für eine Nacht wurden ihre Träume wahr,
Für eine Nacht war alles wie im Märchen
Und dann wachte sie auf.

47. Paranoia
Im Stillen kann ich sie flüstern hören,
Taktvoll ihre Pläne schmiedend,
Ihre formlosen, missgestalteten Gesicht
Verfolgen mich Tag und Nacht.

48. Erstaunen
Ihre Gestalt strahlt in Perfektion,
Bin von ihren Augen hypnotisiert,
In ihrem Blick gefesselt;
Sie löst den dunklen Schleier in mir.

49. Kreis
Mit jedem Bissen verlier’ ich das Spiel,
Täglich schreit der Spiegel: “Du wiegst zu viel”,
Körper und Seele verhungern leis’,
Anorexia ist ein Teufelkreis.

50. Unvergesslich
Wolken verschlucken den Sturm
Und Träume klingen langsam ab,
Schmetterlinge zu jagen, tötet die Sorge nicht
Am Ende eines unvergesslichen Tages

51. Erinnerung
Sie sendet Tränen in die Ferne,
Eine Erinnerung an das, was einmal war,
Viele “Warums?” schickt sie ihm,
Erhält kein “Darum” zurück.

52. Spiegelbild
Kein Könnte, kein Sollte,
Kein Würde, Kein Vielleicht,
Der Spiegel reflektiert dein Jetzt,
Nicht weniger, nicht mehr.

53. Verlust
Im Traumfänger Visionen verloren,
Zu Staub zerfällt ein Wunsch,
So viele Schatten umgeben eine Flamme
Bis auch diese verglüht.

54. Illusion
Sogar ich wurde getäuscht
Von Lächeln und Witzigkeit
Konnte nicht hinter die Fassade sehen
Bis sie wie eine Maske in Stücke brach

55. Ich
Was ist es, was ich fühle?
Wenn ich - überhaupt - etwas fühle?
Ist das Nichts ein Teil von mir,
Oder bin ich ein Teil des Nichts?

56. Du
Wenn sich deine Lippen bewegen,
Koste ich Säure auf meiner Zunge,
Bin wie hypnotisiert traumatisiert
von der Kraft, die du über mich hast.

57. Wolke
Er füllt seine Lungen mit einem Stück Himmel,
Atmet die Kreidestaubwolken ein,
Flutet die versteckten Risse seines Körpers
Bis es den Schmutz in Form seiner Seele aushustet.

58. Geld
Geld spricht aus deinen Augen,
Spricht aus der Art wie du dich präsentierst:
Wie eine preisgekrönte Kuh auf dem Dorffest,
Hübsch geschmückt und doch für die Schlachtbank geboren.

59. Straße
Straßen, die durchflutet mit Scham und Schande
Überquert von Menschen voller Einsamkeit,
In der Ferne hallt der Blues des Musikers,
Verankert sich in Menschenmassen.

60. Herz
Würde ich dir sagen,
Du hast mein Herz gebrochen,
Würde ich lügen,
Denn Muskeln brechen nicht.