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Donnerstag, 20. Dezember 2012

Menschfeind

Wenn Menschen über den Köpfen anderer entscheiden, kommt doch meist nur Scheiße dabei raus. Mein Bruder hat entschieden, dass er eine alte Bekannte über die Feiertage und bis zum 3.1. einlädt. Dabei hat er wohl vergessen, dass er selbst über diesen Zeitraum arbeiten muss.
"Aber sie wäre doch sonst allein. Genau wie du. So habt ihr beide Gesellschaft."
Allerdings ist ihm wohl entfallen, dass sie schwere Depressionen hat und ich mit Menschen nichts zu tun haben möchte.
Die letzten Tage waren ein reines Zusammenseißen. Sie jammert über Alles und Jedem.
Sitze ich vor dem PC, schaut sie mir über die Schulter, deswegen war ich die letzten Tage weder beim Blog aktiv, noch viel bei Facebook.
Schauen wir fern, passen ihr die Sendungen nicht. Alleine umschalten möchte sie aber auch nicht.
Sie möchte nicht bekocht werden. Mache ich aber nur mir was, fühlt sie sich außen vor gelassen.
Eigentlich wollte sie schon ein paar Mal nach München fahren. Wann ihr aufgefallen ist, dass sie zu pleite für das S-Bahn-Ticket ist, ist mir unbekannt. (Ja, ich könnte ihr das Ticket bezahlen. Aber soweit kommt es noch. Erstens bleibt es ja nicht bei der Fahrt und zweitens sollte sie mir Geld dafür geben, dass ich sie aushalte.)
Merkt man etwa, dass ich angepisst bin?
Ist mir auch schon aufgefallen. Ich vermag mir gar nicht aus zu malen, was die nächsten zwei Wochen passieren wird. Mein Bruder wird auch nur sporadisch in der Nacht nach der Arbeit da sein. Hurra. Weihnachten und Neujahr sind gerettet.
Eben hatten sie und ich schon die erste Auseinandersetzung.
"Du verletzt meine Gefühle, Emaschi."
"Ich werde dir Bescheid sagen, wenn mich das anfängt zu stören."
"Aber ich bin so allein und verloren."
"Vielleicht hättest du dir liebe eine gute Psychiatrie suchen sollen anstelle von hier her kommen."
"Du bist gemein."
"Höre mir bitte einfach zu: Deine Gefühle sind mir ehrlich gesagt egal. Die Wohnung gehört meinem Bruder, also kann nur der dich raus schmeißen. Merk dir aber, dass er dich eingeladen hat. Ich kann mit dir nichts anfangen. Das ist auch nicht persönlich. Du wärst mit jedem x-beliebigem Menschen austauschbar."
"Du bist echt kalt und unnahbar."
"Naja, und dem Anschein nach habe ich kein Problem damit, das Arschloch zu sein."
Jetzt weint sie im Nebenzimmer.
Da muss sie aber durch. Mich wollte auch nie jemand haben und von den Meisten kann man mehr als Unfreundlichkeit nicht erwarten.
Mir geht es auch nicht gut dabei. Doch Tränen versteh ich in diesem Fall auch nicht.
Somit bestrafen wir uns gegenseitig.Wer wohl als Erstes zusammenbricht?

Mein Bruder, der Einzige, der die Scherben jetzt beseitigen könnte, ist - wie immer - arbeiten.

Montag, 17. Dezember 2012

Philosophie

Wenn ich spreche, verstehen sie nicht.
Also schweige ich im Ungewissen.
Dabei kommt Beides aus der Dunkelheit.
Die Buchstaben sind da,
nur die Worte kann ich nicht finden.

Ein etwas zu charismatischer Einsiedler;
doch eine einsame Philosophie bleibt eine einsame Philosophie,
oder doch nur die Philosophie eines Einsamen?


____


Was es sonst noch so Neues gibt - außer, dass ich an einer Schreibblockade leide?
Es steht eine neue Waschmaschine in meinem Bad.
Ein "Familienmitglied" steht heute vor Gericht.
Meine täglichen Erinnerungslücken werden immer größer und difuser. Ich male Bilder und kann mich nicht erinnern, sie gezeichnet zu haben. Manchmal stehe ich mitten im Raum und weiß nicht mehr, wohin ich gehen wollte. Neulich kam mein Bruder ins Zimmer und anscheinend haben wir uns unterhalten und ein paar Momente später, wusste ich nicht einmal mehr, dass er herein gekommen ist.
Morgen gehe ich wieder zu meinem favorisierten Psychologen.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

"Vielleicht wolltest du nicht sterben,..

.. aber es interessiert dich auch nicht, ob du lebst."
~Dr. Wilson in Dr. House

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte eine unheilbare Krankheit. Zum Einen würden sich die Suizidgedanken so wohl in Luft auflösen. Immerhin kann man den Moment viel besser leben, wenn es keine Zukunft gibt.
Und zum Anderen scheinen Menschen einen immer zu lieben, wenn man krank ist. Ich bin nicht einmal auf die liebevoll gemeinten Worte oder die menschliche Zuwendung aus, nein, eher auf ehrliche Geständnisse und ernstgemeintes An-deiner-Seite-sein. Vielleicht könnte dann auch ich die Wahrheit sagen; endlich erzählen, was in diesem Kopf wirklich passiert.

Eigentlich würde ich mich für diese Gedanken am Liebsten selbst ohrfeigen. Doch gerade bin ich so im Wirkungstaumel von Tavor und Mirtazapin gefangen, dass es mich eigentlich gar nicht selbst interessiert, was ich denke.

Gestern/Vorgestern/Im Laufe der vergangenen Woche hat eine Familie der Obermieter mir einen Zettel an die Wohnungstür gehangen, ich sei zu laut in der Nacht. (Eine genaue Zeit kann ich nicht nennen, weil ich das Haus eigentlich so gut wie nie verlasse.)

Es ist wahr, dass ich zum Lüften oft das Fenster und somit auch die Rolläden öffne. Mit wem ich mich allerdings um halb 6 im Bad streite, ist mir noch nicht schlüssig. Erklären könnte ich es nur, wenn ich täglich pünktlich um diese Zeit Halluzinationen bekommen würde; doch im Normalfall bin ich selbst diesen "unterwürfig".

Das Schreiben an sich verletzt mich nicht sonderlich. Auch wenn es mich offen gestanden schon ein wenig mit nimmt. Es ist der weiterführende Gedanke, der mir zu schaffen macht: Selbst Fremde, die ich noch nicht einmal im Hausflur jemals gesehen haben, wären glücklich, wenn ich nicht da wäre.

Ich habe keinen Grund zu bleiben. Das allein sollte ein guter Grund zum Gehen sein. Naja, an sich macht es keinen Unterschied ob Hamburg oder München: Menschlichen Kontakt suche ich an keinem Ort dieser Welt. Und auch egal wo ich bin und sein werde, meine Erinnerung verfolgt mich überall hin.

Also lehne ich mich jetzt mit einer weiteren Tavor zurück und gehe schlafen. 8 Stunden, 10 Stunden, 12 Stunden, meinetwegen auch 14 Stunden im Bett umherwälzen; wen kümmert's?
Ach, ich möchte nur verschwinden. Nicht weit weg, sondern mich in Luft auflösen.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Man kann nicht lauter lachen als ein geliebter Mensch schreien kann

Die Frau, die über mir lebt, singt gerne. Naja, zu Mindest oft. Schon ein paar Mal habe ich mich auf dem Balkon gesetzt und ihrer schrägen Tonlage Ohren geschenkt.
Ob sie wohl weiß, dass ihr jemand zuhört?

Was ich weiß, ist, dass meine Mutter singen hasste. Einmal - ich muss wohl noch im Kindergarten gewesen sein - stürmte sie in mein Zimmer und schmiss die Tür so hart gegen die Wand, dass die Fenster zitterten. Ihr Kopf war vor lauter Zorn krebsrot angelaufen und sie wiederholte nur immer und immer wieder, dass ich wie mein Vater sei.
Sie sagte das oft. Verwendete diesen Satz oft als Ausrede, Beschuldigung und Beleidigung.

Wenn man oft wütend oder grundlos verzweifelt ist, nimmt man wohl oft Namen und Personen als Waffe. Denn bei jedem auch noch so kleinen Fehler wurde ich zum jeweils anderem Elternteil:
"Du hast das gute Geschirr herunter geschmissen! - Du bist wie dein Vater!"
"Du hast vergessen den Müll heraus zu tragen! - Du bist wie deine Mutter!"
"Du hast schon wieder eine 5 in Mathe? - Du bist wie dein Vater!"
"Du trägst heut viel zu viel Make-Up! - Du bist wie deine Mutter!"

Es war ein konstantes Hin und Her. Meist ging es nicht einmal um die Hintergründe oder Intentionen, sondern einfach nur um das Platzieren von Schuld. Und jeder platzierte sie woanders; deshalb war eigentlich alles belanglos. Ist es heute noch: An sich hat es keinen Sinn.

Wahrscheinlich bin ich deshalb heute noch so unentschlossen instabil.

Meine Gedanken fliegen weiter in der Vergangenheit umher. Ich kann es mir nicht verkneifen, kann die Tränen nicht zurück halten. Schon wieder ist dort nur das Schlechte.
Denn ich habe gelernt, dass Gutes nie lange hält.

(Wenn es um meine Familie geht, beruhigt mich schon der Gedanke, dass sie mich nie so sehr hassen können wie ich mich selbst hasse.)
Weil ich wie meine Mutter bin, bin ich von meinem eigenen Kopf verdammt müde.
Weil ich wie mein Vater bin, kann ich einfach nicht schlafen.

Doch - auch wenn meine schweren Worte hier etwas anderes vermitteln könnten - ich hasse sie nicht. Hass ist ohnehin solch ein mächtiges Wort. Woher soll ich wissen, ob ich solch starken Emotionen überhaupt gewachsen bin? Spreche ich von Hass, in purer und vollendeter Form, denke ich nur an eine Person. Wie gern würde ich vergessen. Einfach alles aus diesem abartigen Schädel verbannen.

Aber wie schon gesagt: Dort ist nur das Schlechte.
Die Stimmen reden nur. Und ich versuche sie zu übertönen und schaffe es einfach nicht - denn ich bin wie meine Mutter. Alles wirkt wie ein unaufhörlicher Schreie; und ich lache darüber, genau wie mein Vater.

Montag, 10. Dezember 2012

Löcher

Seit Stunden starrt sie sich selbst im Spiegel an.

"Du siehst deiner Mutter immer ähnlicher"
Es müssen die Haare sein; oder die Art wie sie mit den Augen rollt.
Ihre Selbstachtung sinkt
                                             sinkt
                                                                 sinkt

Was sieht sie im Spiegel?
Was sieht der Spiegel in ihr?

"Oh, hast du noch gar nicht gemerkt, dass du ein Loch in der Hose hast? Schon seit dem letzten Mal als ich dich gesehen habe."
Irritiert, doch nicht verärgert, lächelt sie die Worte von ihr. Macht noch schnell einen Witz über Unaufmerksamkeit und versucht zu verschwinden.

Draußen schneit es unaufhörlich. Wie kleine Berge häuft sich der Schnee vor ihren Augen.
Ihre Hände zittern; auch ihre Handschuhe haben Löcher. (Nicht zu vergessen das Wertgefühl. Man kann es am Saum reißen hören.)

 "Wann hattest du das letzte Mal Kontakt zu deiner Mutter?"

Es sticht.
Wie ein schlechter Geruch bleibt an ihr hängen.

"Und zu deinem Vater?"

Noch immer starrt sie in den Spiegel. Kann nicht finden, was die Anderen in ihr sehen. 

Mit der rechten Hand streicht sie über ihren Brustkorb: Sucht nach dem Pochen, nach dem Schlagen von diesem Ding, welches noch hoffnungsvoll und sehnsüchtig vor sich hin vegetiert. Damit appeliert sich an euer Gewissen: 
Ba-dump. 
                             Ba-dump. 
                                                          Ba-dump. 
 

Das Telefon klingelt. 
Und schon redet er wieder von Geständnissen, Geheimnissen, Gebeten.

Sie kriecht auf ihren Knien. 
Hier unten kann sie wenigstens das Spiegelbild nicht erkennen. 
In der Tiefe ist es still; darum verharrt sie nur hier - zusammen mit den schwarzen Schlangen. 
Sie weiß, dass all die vergangenen Versprechen nur weitere Löcher sind. 
In ihrer Kleidung, in ihrem Herz. 

Oh. 
Löcher in den Augen. Gelächter überall.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Ich bin Nichts

Wir treffen uns nicht oft, meine Bekannten und ich. Manchmal traue ich mich nicht einmal sie als Freunde zu bezeichnen, denn ich weiß gar nicht, wo ich diese Sicherheit und diesen Glauben an das Gute im Menschen her zaubern soll.
Meist treffen wir uns in einem Restaurant, weil keiner weiß dass ich lieber Zigaretten rauche als meinen Magen mit Lebensmitteln zu füllen.

Will ich eigentlich hier sein? Möchte ich wirklich über Kinderwünsche, nicht funktionierende Staubsauger und ‘Musterungen der Wehrtauglichkeit’ reden?
Hier bin ich. Und hier bin ich verloren.

“Du bist immer noch krank geschrieben?”

Dieser Moment, nur eine peinliche Pause: das Herz setzt ein paar Schläge aus und trommelt um so lauter; es wächst die Hoffnung, verzweifelte Hoffnung, dass die Menschen um mich herum dieses professionelle Lächeln glauben.

“Ja, bin ich.”, und diese Worte sind unangenehmer als sie sein sollten. Immerhin sind sie nichts als die Wahrheit.

“Dann hast du ja demnächst einjähriges Jubiläum”, scherzt mein ehemaliger Arbeitskollege. Alle stimmen einem nichtssagendem, hohlem Lachen mit ein. Ich tue es ihnen gleich; lache, lache, lache - lache so sehr, dass ich eigentlich weinen möchte. Eigentlich würde ich gerne wissen, ob sie wissen, dass mir dieses Lachen weh tut!?

“Du schaust doch gar nicht krank aus”, redet er weiter. Die Stimmen verstummen. Plötzlich ist alles ruhig. Mit letzter Würde schlucke ich mir befremdliche, entblößende Worte herunter; nein, er kann nichts dafür, dass ich nicht nach dem aussehe, was ich fühle. Wer tut das schon?
Neun Augenpaare sind allein auf mich gerichtet.

“Was hast du denn?”
Oh, es könnte so viel Nichts sein, so viel von dem, was keiner aus zu sprechen wagt. Für eine Sekunde habe ich vergessen, warum sich Menschen in die Augen schauen, denn ich sah so viel und doch gleich gar nichts. Es ist immer das Gleiche. Immer und immer wieder.

Mein Gesicht muss sich zu einer Landkarte verwandelt haben, denn jeder von ihnen mustert mich. Unter dem rechten Augen bitte abbiegen und dem Straßenverlauf bis zum Mundwinkel folgen.
“Darüber möchte ich jetzt nicht reden.”

Irgendwie endet es hier. Nicht nur das gesamte Gespräch, sondern das Konzept der Offenheit. Wo vorher ein Hauch Vertrauen schlummerte, ruht nun ein unangenehmes Schweigen, welches eigentlich nur Fremde miteinander teilen.

Er zuckt mit den Schultern und wispert Belanglosigkeiten wie “Wenn du meinst” und dreht sich um. Keiner erwähnt es erneut, und keiner würdigt mich eines weiteren Blickes. Ich bin nur das Komma zwischen Hauptsatz und Nebensatz.
Zwischen uns gab es nie eine Verbindung, denn ihr seid Menschen mit großen und kleinen Problemen, mit einem Alltag und aufkeimenden Zukunftsfantasien. Ich dagegen bin nur die schwarz-gefärbte Poesie, die Lügen durch verschwindende Lungenflüge atmet.

Vielleicht war das die Ruhe vor dem Sturm. (Doch was ist, wenn es niemals wieder Tage geben wird, in denen ich existiere?)

Seit Sonntag bin ich nichts mehr.
Nicht einmal ein Laut. Ich bin nicht krank und nicht gesund. Ich bin kein Freund und kein Feind. 
Verloren zwischen Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid, wo sind die Stimmen, die meine wahren Gefährten sind?