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Mittwoch, 12. Juni 2013

"Wir können Ihnen nicht helfen."

Überraschung: Hier bin ich wieder. Nach fünf Stunden Reha wieder nach Hause geschickt. Wer außer mir kann sowas schon von sich berhaupten?  

Lasst mich bitte einfach von vorne anfangen: Nachdem ich den Post gestern veröffentlicht habe, fuhren wir gleich los. Leider haben mein Bruder und ich zu spät festgestellt, dass unser Navigationsgerät nicht aktualisiert ist und uns um 7.30 Uhr direkt durch die Innnestadt von München führte. Ein klassisch-komischer Anfang für eine Tagesbeginn mit dem Auto.
Die Strecke um München herum, die seit letztem Jahr neu eröffnet ist, hätte uns einige Zeit gespart. Anstatt die von Google Maps berechnete Route von 1h 10min, waren wir mehr als drei Stunden und unterwegs.
Stop and Go, Stau im Tunnel, nur rote Ampeln, ein Konzert von Autohupen, hier und da stürzt sich ein Fahrradfahrer vor den Wagen - wenn dies nicht die Anzeichen dafür waren, um zu kehren, war es wohl der Fakt, dass wir beim falschen Krankenhausparkplatz parkten.
Wir kamen über eine Stunde zu spät, obwohl wir über-pünktlich - wie eigentlich immer - los fuhren. Bis wir das Krankenhaus erreichten, war es bereits 10.50 Uhr; um 9.30 Uhr sollte ich mich bei der Rezeption melden.

Trotz dessen war das Personal zuvorkommend und nett. Mir wurde eine Broschüre mit Weganweisung gegeben, die Frau an der Rezeption deutete mir mit ihren Armen noch die Richtung an und wünschte mir einen schönen Aufenthalt.


Auffällig war, dass wir ziemlich weit gingen, uns zwischenzeitlich nicht ganz sicher waren, ob wir überhaupt den richtigen Gang entlang liefen. Jedoch ist die Anweisung auf dem Papier nicht schwer zu verstehen, bloß der Weg war weiter als es ausschaut.
Bettenhaus A ist für die Patienten der Orthopädie, Bettenhaus B für die Patienten der Kardiologie, das Bettenhaus C, zu welchem wir unterwegs waren, ist die Abteilung für Psychosomatik. Nebenbei erwähnte ich, dass dieses ziemlich abgeschieden sei, meinte mein Bruder trocken: "Na klar, wer will schon gleich neben einem Haus voll Psychopathen schlafen?"

Im besagten Psychopathen-Haus angekommen, begrüßte mich ein nicht sonderlich engagierter junger Mann. Den Beruf des Pflegers sollte er vielleicht noch einmal überdenken, denn er gab mir den Zimmerschlüssel mit den Worten "Da vorne; wenn keine Handtücher da sind, fragen sie die Putzleute.".


Das Zimmer war klein, jedoch eigentlich einladend und angenehm. Wenigstens ein Einzelzimmer, habe ich freudig festgestellt. Das kann man ja auch nicht von jeder Klinik verlangen.
Auffällig war ein wunderschöner Hotel-ähnlicher Ausblick auf ein Stückchen Wald. Wer genau auf das Bild schaut, erkennt sogar den Starnberger See zwischen den Baumkronen.


Das erste Übel war die körperliche Aufnahmeuntersuchung. Natürlich nur das übliche Programm: Messen, wiegen, abtasten, abklopfen, ein paar Fragen. Das Erste, was Frau Doktor mit einem süßen russischen (?) Akzent kommentierte: "Oh, sie haben überall Narben."
Dies ging schnell vorbei. Bis auf meine Knie geht es mir körperlich ganz gut. Meine Medikamente musste ich nicht abgeben, was für mich ziemlich neu war. In jeder anderen Klinik, diese waren aber keine Rehabilisationseinrichtungen, musste ich immer alles abgeben.

Danach folgte ein Computertest, der die ersten Überforderungsgefühle hervorbrachte. Eigenrtlich "sei es eine Sache von 30 Minuten", sagte Frau Doktor Vorobyov; nicht bei Emaschi. Nach fünf Minuten Fragen mit "oft, regelmäßig, selten, gar nicht" beantworten, war meine Aufmerksamkeitsspanne passé. Ich starrte die Sonne an, horchte den Singvögeln der Natur und mein Bruder sollte die Fragen für mich beantworten.
Im Übrigen war es ein Big Five Persönlichkeitstest. Dieser beinhaltete 230 Fragen. Ein Ergebniss bekomme ich natürlich nicht vor Gesicht, nur mein Hausarzt.

Weiter ging es mit dem Ruhe-EKG. Es war merkwürdig, denn gleich nachdem ich meinen Oberkörper frei gemacht habe, setzte sich das Schwein auf mich. Die Monster machen ihm Angst, sagte er; doch welche Monster, fragte ich mich. Eigentlich waren sie überall, das wusste ich - weil sie ja immer einfach auftauchten.  Zaghaft ging ich in das Zimmer und schaute mich um.
Neben dem Drucker saß ein gelbes Monster mit riesigen Zähnen.
Die Elektroden wurden an meinen Körper angebracht.
Ein weiteres Monster erschien neben dem Monitor. Es war zottelig und hatte ein Loch im Magen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es fragte: "Was könnte denn realer sein?" und lachte.
Die medizinisch technische Assistentin beäugte mich ungläubig. Erneut richtete sie die Kabel an meinem Körper, ließ die Maschine noch einmal laufen.
"Kann es sein, dass Sie ziemlich aufgeregt sind?", wollte sie wissen.
"Nein, ich liege jeden Tag halbnackt vor Fremden. Das ist ein Hobby von mir. Am meisten Spaß bringen Kleinkinder.", sagte ich. Mit hochgezogenen Augenbrauen wendete sie sich ab, zog mit etwas zu viel Kraft die Saugnäpfe von meinem Oberkörper. Ach, soll sie ruhig denken, ich wäre ein undankbares, sarkastisches Stück Dreck. Sie wäre nicht die Erste, oder die Zehnte, oder die Zwanzigste.
Wortlos verließ ich den Raum. Die Monster folgten mir nicht. Das Gelbe streckte mir noch einen hochgestreckten Daumen entgegen.

Inzwischen war es kurz nach 12.00 Uhr. Wirklich zum Essen war mir nicht zumute, aber was sollte ich auch groß dagegen tun? Der gelangweilte Pfleger drückte mir eine Marke in die Hand, dirigierte mich zum Speisesaal und verschwand wieder ins Off. Das Frettchen biss ihm in die Ferse, doch er merkte es nicht. Genau wie er auch meine verfolgenden Blicke nicht merkte.
Mein Bruder wollte im Café auf mich warten, denn Essensausgabe war nur für Patienten.

Nun begann der Horror.
Man bekam einen Sitzplatz zugewiesen. Ein geschätzter 3-Meter Mann (Ja, mit einer Körpergröße von 159cm sieht jeder viel größer aus) führte mich zu meinem Platz. Unzählige Augenpaare starrten mich an. Der Saal war gefüllt. Ist ja auch vollkommen natürlich, dass man einen Menschen mit Agoraphobie in einen riesigen Raum gefüllt mit Menschen steckt.
Das Herz stolperte in meiner Brust, das Engegefühl erstickte die Atemluft. Wie ein gehertztes Reh ergriff ich die Flucht.
Die Augen verfolgten mich. Angstschweiß rollte von meiner Stirn als ich mich in das nach Putzmittel und Scheiße duftende Bad einschloss. Angst. Angst. Angst. Da kann ich nicht hinein. Nie wieder. Lieber würde ich verhungern. Angst. Angst. Immer größer, immer heftiger. Mit einer ohnmächtigen Übelkeit hielt ich mich an der Wand fest. Nummer 1 kam zu mir, beruhigte mich so gut es ging. Ich nahm den kleinen Hund in den Arm und presste ihn fest an meinen Körper.
Zum ersten Mal nach Monaten fühlte ich Flüssigkeit aus meinen Augen austreten. Weine ich wirklich? Sind wenigstens diese Tränen real?

Ich ging zu meinem Bruder. Erzählte ihm von der Panikattacke und versuchte vergebens ihn davon abzuhalten, es dem Pflegepersonal auf meiner Station zu berichten.
"Sie hatten hier eine Panikattacke? Sind sie denn nicht in Behandlung? Um 12.45 Uhr kommt die Psychologin. Bitte schildern Sie ihr alles nochmal."

Wir verkrochen uns in das kleine Zimmer. Mein Bruder ruhte sich ein wenig auf dem Bett aus.
Ich starrte aus dem Fenster in Richtung Sonne. Freundlich wärmestrahlend sagte sie: "Habe keine Angst."
Doch es war bereits zu spät.
Für mich gab es keine Ruhe. Selbst mein Gehirn und mein Herz unterhielten sich.


Zum Termin mit der Psychologin erschienen wir pünktlich. Zuerst blickte sie uns entgeistert an und verkündete lautstark, dass dies das erste Mal in ihrer Karriere wäre, dass eine Person mit ihrem Bruder bzw. überhaupt mit Begleitung ein Erstgespräch in einer Rehaklinik erlebt hätte. Mit jedem ihrer Worte sank mein ohnehin schon angeknaksten Selbstvertrauen in den Minusbereich.
Mein Bruder verteidigte sich, wenn dies auch mehr als notwendig. Im Grunde genommen kam er auf Anraten meines Therapeuten mit. Dieser empfahl ihm, dass er vorneweg basisaufbauende Informationen mitteilen solle, denn ich würde sie weder in Worte fassen können - noch wollen. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht erinnern, doch das Gespräch der Beiden folge wie ungefähr:

Frau Doktor: "Was sind denn die Dinge, die Sie mir sagen wollen?"
Bruder: "Emaschi hat Tiere aus einer anderen Welt, mit denen sie spricht. Normalerweise ist es kein Problem. Doch wenn sie Stress hat oder Angst, kann es passieren das Nummer 2 kommt und dann kann man nicht versichen, dass sie sich nicht selbst verletzt. Das könnte aber auch so passieren."
Frau Doktor: "Das heißt, die Symptome sind alle noch aktuell wie sie auf dem [zuvor auszufüllenden] Antrag stehen?"
Bruder: "Ja, sie kann auch nicht gut mit Menschen umgehen. Eigentlich nur mit mir. Sofern fremde Leute da sind, bekommt sie Panik bis hin zu Halluzinationen."
Frau Doktor: "Eigentlich ist eine Reha dafür da, dass eine Wiedereingliederung ins Arbeitsleben stattfinden kann. Symptome wie Panikattacken sollten bereits therapiert sein. Kann man denn darauf vertrauen, dass sie die Notfallschwester ruft, wenn irgendwas ist?"
Bruder: "Nein. Sie ruft nur Nummer 1. Niemanden sonst. Nicht einmal mich."
Frau Doktor: "In der Reha werden hauptsächliche Gruppentherapien wie Ergo-, Kunst-, Musik- und Sporttherapien angeboten. Auch Gesprächssitzungen sind mit 12 Personen pro Gruppe gedacht. Kann sie da überhaupt teilnehmen?"
Bruder: "Das kann ich nicht versprechen. Würde dafür aber nicht meine Hand ins Feuer halten."

Sie atmet tief ein, tief wieder aus, kurz seufzt sie aus und schaut fragend hin und her, zwischen meinen Bruder und mir. Sie wollte allein mit mir sprechen. Dieses Gespräch führte jedoch nur in Sackgassen. Sie hat meine Monsterfreunde nicht verstanden, ich habe ihr Drängen auf Neuroleptika nicht verstanden. Sie wollte Bestätigung, dass ich mir nichts tun werde während der Zeit, die ich da bin und auch zusammen mit den Leuten essen gehe, doch ich wollte nicht lügen.
Ihre Augen wurden blank. Schon wieder machte sich ein Angstgefühl in meiner Magengrube breit. Eingebung und Erfahrung lehrten mich Einsicht: Hier wäre es genauso wie in den anderen Kliniken. Schön ist es und die Leute sind nett. Doch keiner weiß etwas mit mir anzufangen.
Das Schwein kroch zu meinen Füßen: "Warum hast du denn nicht einfach die Wahrheit weggelassen? Dieses Mal hätte man dir bestimmt helfen können. Es ist nur deine Schuld, wenn man dich wieder nach Hause schickt. Warum? Warum hast du nicht einfach deinen Mund gehalten und darauf gerwartet, dass es besser wird?"
Es mekerte ohne Ende. Bei jedem Satzzeichen floh ein Geist aus seinen Nasenlöchern.



Letztendlich bat sie meinen Bruder wieder hinein. Sie müsse eben mit ihrem Chef, Prof. Dr. P. Martius, telefonieren.

Nach einigen Minuten kam sie wieder. Auf ihren Lippen befand dich ein zaghaft unsicheres, jedoch alles sagendes Lächeln.
"Es tut mir sehr leid. Wir können Ihnen hier nicht helfen. Ich werde Ihrem behandeldem Arzt eine Bestätigung der Rehauntauglichkeit zusenden lassen. Allerdings möchte mein Chef Sie noch einmal unterrsuchen. Die Rentenversicherung braucht nämlich zwingend ein Nachweis auf medizinische Arbeitsuntauglichkeit."

Am Donnerstag Nachmittag fahren mein Bruder und ich also nochmal zur Klinik. Dieses Mal nicht durch die Innenstadt. Was passieren wird? Wen kümmert das? Man kann mir nicht helfen. Weder in Psychiatrien, noch in Therapien, noch in Rehakliniken.
"Vielleicht ist es dir gar nicht bewusst, dass du gar keine Hilfe annehmen kannst - selbst wenn andere Menschen sie dir anbieten würden", grunzt das Schwein.

Was am Termin beim Herrn Professor passiert, werde ich auch berichten.

Das einzig Positive, was ich über gestern sagen kann, ist, dass ich diesen wunderschönen blauen Beutel mitgehen lassen habe:

Kommentare:

  1. Klar, darfst du gerne machen!!

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  2. Ich wünschte mir das kleine Mädchen wäre noch in mir. Aber obwohl es nicht da ist, nehme ich dich in den Arm und drücke dich ganz fest :3

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  3. Fühl dich von mir ganz fest gedrückt!

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  4. Ich hatte so gehofft, dass du dort Hilfe findest. Fühl dich gedrückt. Das hast du nicht verdient.

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  5. Doch, man kann dir helfen. Wer hat dich denn da eingewiesen bzw. den ANtrag für diese KLinik ausgefüllt? Derjenige scheint einfach einen Fehler gemacht zu haben. Es ist wirklich nicht Aufgabe der Reha, jemanden zu stabilisieren. Das hätte dein Arzt (oder wer den Antrag eben ausgefüllt hat) eigentlich wissen müssen.

    Normalerweise kommt man erst einmal in eine Klinik für Akutfälle oder macht eine ambulante Therapie und geht erst in Reha, wenn man eben so weit ist.

    Deshalb muss man da oft keine Medikamente abgeben, deshalb findet alles in Gruppen statt. Agoraphobie ist scheiße, ich kenne das auch noch von mir selbst. Aber man muss es ja lernen - und wenn die da jeden Patienten "abschirmen" würden würden die ja nur noch alles schlimmer machen. Das Problem bei Agoraphobie ist ja, dass man sich immer weiter "reinsteigert", das IST ja Teil der Krankheit. Die Angst dehnt sich immer weiter aus. Niemand fäng damit an, dass er nicht mehr aus dem Haus gehen kann, sondern es fängt immer "kleiner" an und dehnt sich dann aus. Wenn man sich zurückzieht fördert man aber leider dieses ausdehnen, obwohl das zurückziehen erst einmal das ist, was für einen besser zu sein scheint. Ist es letztlich aber nicht.

    Das ist nicht deine Schuld oder deine Verantwortung. Aber deshalb hat das Personal so reagiert, denke ich. Auch bei den anderen Sachen.

    Du bist kein hoffnungsloser Fall. Du hast einfach unwissend, aus Versehen einen Schritt übersprungen und bist deshalb natürlcih hingefallen. Du warst noch nicht so weit. Aber du kommst noch da hin!

    Ich finde das sehr traurig zu lesen. Aber bitte mach dich nicht auch noch fertig oder lass dich davon weiter runterziehen!

    Du wirst die richtige Hilfe bekommen. Das Problem bist nicht du, sondern dass es die falsche Einrichtung für dich war. Scheiße. Richtig scheiße. Aber nicht dein Fehler, keine hoffnungslose Situation.

    Du schaffst das. Dass es sich etwas verzögert ist blöd und grade in deiner Situation sehr schwierig. Aber vielleicht kannst du es als Belastungsprobe betrachten. Es kann nicht immer alles perfekt laufen.

    Du wirst das schaffen. Die Reha kommt später, jetzt stehen erstmal andere Sachen im Vordergrund, die in Angriff genommen werden müssen. Das ist normal und kein Zeichen für deine Schwäche - und es ist auch kein Versagen!

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  6. Wie war das bei dir in der Psychiatrie gelaufen?

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  7. Hallo, lese gerade ganz interessiert bei Dir...und wollte Dir sagen: Da bist Du nicht die einzigste. Ich musste nach wenigen Tagen aus derselben Klinik wieder gehen, es ging einfach nicht.
    Später versuchte ich es in einer Allgäuer Klinik und bin da auch noch am selben tag wieder gefahren, inkl. vorheriger übelster Panikattacke vorm Essensraum.
    Was mir dann half: Eine teilstationäre Traumatherapie (rechts der Isar München), sehr gut, sehr kompetent.
    Es gibt einen Weg.
    Alles Gute für Dich!

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