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Montag, 30. September 2013

Zurück

Wenn auch nicht zwingend fordernd, war die Zeit auf der Station anstrengend. Die Nächte waren reine Zumutung; Schreie auf den Gängen, mit Spritzen und Medikamenten bewaffnete Krankenschwestern überall und mit Vorurteilen behaftete Ärzte und Therapeuten, die durch Patienten hindurch schauten - durch Geistern, Dämonen. Ähnlich wie in einem Alptraum. Unreal anhand der Tiefen aus hochpotenten Neuroleptika; vielleicht ist es ein Segen, vielleicht ein Fluch.
Die Räume waren gefüllt von unbekannten Wesen. Das Schwein zwinkert mir zu und rennt zu Nummer 1. Visionen beginnen zu verschwimmen - es ist Zeit, all die Sünden aus zu spucken. Wäre es auch so viel einfacher den Wind die Finsternis im Körper vorblasen zu lassen, sagt der Stationsleiter "Nein!".

Es ist nicht zu glauben, dass ich so regungslos, bewgungslos, gedankenlos agiere. Als wäre ich in dieser Nacht doch gestorben. Auch das ist nur ein Traum. Ich atme noch immer, auch wenn ich das Sehnen nach Lebendigkeit die Brücke herunter gestoßen habe.
Nun sitze ich auf dem gewohnten Drehstuhl von Ikea, ich bin wieder zurück. Zu Hause möchte ich nicht aussprechen, nur ist es besser als "dort". So müde kehre ich zurück. Doch danke ich euch für die lieben Worte, die ihr mir hinterlassen habt. Von ganzem Herzen wünsche ich euch, dass ihr euch nicht so fühlt wie es mir ergeht.

Donnerstag, 26. September 2013

Insasse

 


Bitte sagt mir nicht, ich wäre die Einzige, die diesen Ausblick als gruselig empfindet. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken herunter. In einem Kopf schreien die Stimmen nur noch "Renn! Lauf! Bloß weg!"
Wie in einem Gefängnis.


Mir gegenüber hausen "die andere Art mentale Krankheiten", heißt übersetzt: Die psychosenfreien Persönlichkeitsstörungen, die Esskranken, die Depressionen, die Burn-Out-ler, die Ängste, die Zwänge, die Süchte...





Ist es nicht furchtbar, dass es dafür einen riesigen Gebäudekomplex geben muss? Die Fotos konnte ich heute bei meinem "überwachten Freigang" machen. Trotz Polizeidrohung sind mir immerhin noch zwei Schwestern gefolgt.

Dies ist keine Beschwerde. Wenigstens fesselt man mich nicht mehr ans Bett.
Ich will weg.

Mittwoch, 25. September 2013

Der psychiatrische Flügel - Krisenstation

Als würde man ein Kriegsgebiet sein zu Hause nennen... 
 
Die Fenster sind mit Stahlseilen vernetzt. Nur der Hauch der Sonne scheint hindurch.
Das Einzige, was noch in dieser Klinik stahlt, ist das Wort "Flügel". Das macht es so viel besser, nicht wahr?
"Nein, ich bin nicht auf der Geschlossenen. Ich sitze auf dem psychiatrischen Flügel."
In verschiedenen Tönen der Verzweiflung: (Gefühls-)Eiseskälte, zu Clown-erheitert, Skelette, Verrückte, 'die, die eine Pause brauchen', Weltentfremdung, Wartende. Warten kann man hier wirklich gut, denn die Luft, die voller Fragen und "Ich möchte nur nach Hause" steht, kann man schneiden. Bewusst wähle ich dieses Wort, denn es ist mein Glück und mein Untergang, dass sie mich so gut kennen. Die Stimmen sowie die Ärzte.

Mein Psychiater hat mir verprochen, mich nicht ein zu weisen. Doch ich hatte auch versprochen, mich vorher zu melden, wenn es mir schlechter ging. Der Rest ist Interpretation. Wann geht es schlecht und wann "geht so"? Ist schlecht gleich schlecht oder gibt es einen Unterschied zwischen "das Schwein, Nummer 1 und 2 lassen mich nicht schlafen", "ich will sterben"-schlecht oder "ich schlucke Tabletten und Alkohol in gleichen Massen, damit ich durch den Tag komme"-schlecht? 
Am Telefon sagte er dem Klinikleiter: "Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung mit Hypervigilanz und sensorischen Dissoziationen, bereits eingetretene Selbstverletzung und erhöhtes Suizidrisiko." Ich weiß nicht einmal mehr, wer mich dort hin gebracht hat.

Jetzt voll mit Risperidon und Lorazepam. Könnte der Himmel mich mitsamt dieser Flügel verschlingen.

In der überflütenden weißen Dunkelheit hört man Frauenstimmen flüstern: "Wäre es nicht einfacher, wenn wir das Formular ausfüllen, dass sie freiwillig hier ist, Herr Doktor?" Nur das Kratzen meiner Füße auf Linoleum ist freiwillig hier, ich möchte keine Gesundheit, sondern Freiheit. Meine Flügel wollte ich aufspreitzen und endlich fliegen.

"Sie können noch nicht gehen. Dies ist eine Abteilung, in der sie eine Erlaubnis brauchen, um heraus zu gehen. Sollten sie dieses Recht missbrauchen, kommt die Polizei Sie zurückbringen", ein sanftes Lächeln mit fauligen Zähnen erscheint. Mir ist ohnehin schwindelig - vom Verlust meiner Freiwilligkeit.

Am Eingang der halb-vollen/halb-leeren Station rufen zwei Arzthelfer dem Rettungsdienst entgegen: "Es sind keine Betten frei."
Allerdings ist dies nur ein Code für "Wir wollen keine Borderliner. Die haben eine eigene Abteilung."
Hier sind die Wahngedanken, die Verfolgten, die Stimmensammler. Es ist heiß. Sie reden. Ich kann sie sehen. Ich will nach Hause.

"Ab 21.00 Uhr gibt es kein Internet mehr."
Ich melde mich wieder. Bitte verzeiht die Sorgen. Danke für euren Beistand. Mit Sicherheit werde ich an euch denken und mich an eure Hilfsbereitschaft klammern. Danke. 

Immerhin war es ein Krieg, der schon verloren war

Keinen Grund zum Sterben, ist kein guter Grund zu leben. Keinen Grund zu bleiben, ist der beste Grund zu gehen. Nur gibt es keinen Ort, zu dem ich mich wenden könnte; keine offenen Arme oder auch nur ein einladendes Wort. Wohin ich auch gehe, sie kommen mit mir. Auf ewig werden sie mir folgen. Könnt ihr es verstehen? Könnt ihr wissen, wie es ist, niemals allein zu sein, niemals? Nicht nur die Stimmen, die an den Wurzeln meiner Haare ziehen. Schreie, von Schmerzen übermannte Schreie: Du bist ein Nichts. Du musst sterben. Du musst dir weh tun. Bis ich nachgebe und aufgebe. Auch die Monster, die Dämonen, die ich bei mir haben muss - ohne sie kann ich nicht leben, und auch nicht sterben. Ich kann nicht mehr atmen, nicht schlafen, nicht wachen.

Der Wahnsinn scheint so viel wahrscheinlicher.

Ein Replikat aus verschwommenen Erinnerungen.
Ein brennendes Auto auf einer Brücke.
Ein Schatten aus der Wand, der sich ausbreitet und alles auf seine Weg auffrisst. 
Bedeutungslosigkeit fließt durch diese Venen.






Dienstag, 24. September 2013

Sonntag, 22. September 2013

Stimmlos

Dieses Gefühl ist wieder da. Die Bewegungsunfähigkeit, wenn das Atmen zur Tortur wird. Wäre es nach meinem Gewissen gegangen, wäre ich in der Früh aus dem Bett gehüpft, um Wählen zu gehen. Nur hat mein Gewissen nur wenig Kontrolle über meinen Körper und dieser wollte sich weiß Gott nicht bewegen.
Den ersten Versuch des Heraus-Gehens wagte ich circa 15.00 Uhr. Die Sonne lachte am Himmel. Einzelne Blätter fielen behutsam von den Bäumen. Ich setzte einen Fuß vor die Haustür und verfluchte mich selbst, dass ich keine Briefwahl beantragt habe. Aus unerfindlichen Gründen habe ich mir selbst vorgenommen, dort hin zu laufen - wahrscheinlich unter dem Einfluss von harten Drogen, anders kann ich mir das nicht erklären.
Der zweite Versuch folgte um 16.00 Uhr. Immerhin bin ich schon ein paar Meter gekommen bis mich die erste Panik überkam. Mit zitternden Beinen und Herzrasen habe ich mich auf eine Bank gesetzt. Wären nicht starrenden Menschen an mir vorbei gekommen, wäre das auch OK gewesen. Doch Leute sind nun einmal schaulustig; und ein sitzender Mitbürger ist eben überaus interessant. Zurück nach Hause, so schnell es ging.

Um 17.00 Uhr wagte ich es noch einmal. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Weg zur Wahlbox das kleinere Übel war. Natürlich stand diese nämlich in der Grundschule der Stadt.
Wovor habe ich Angst? Menschen. Wo welchen Ort habe ich am Meisten Angst? Schulen, (Turn-)Hallen und engen Gängen. Wo sollte ich rein? In einen mit Menschen gefüllten Speisesaal, den man nur über den Flur erreichte.
Alle haben geredet, geflüstert, gerufen und gestarrt. Was für ein Alptraum. Anders weiß ich es gar nicht zu bezeichnen. Nichts auf der Welt hätte mich da rein gebracht. Heulend habe ich einen Abgang gemacht und habe nicht einmal mehr in Erwägung gezogen, es noch einmal zu versuchen. Auf dem Heimweg have ich so sehr zittern müssen, dass ich mich direkt auf dem Gehsteig ausruhen musste. Ich dachte, ich müsse ersticken - in mitten auf der Straße voller argwöhnisch blickender Menschen. Bis mir nicht mehr schwarz vor den Augen war musste ich ausharren, ertragen - wie eh und je: Die Neugierde, das Mitleid, die fragende Wut, die Sicherheit um "Gott sei Dank, bin das nicht ich".

Die Wahlaufforderung befindet sich jetzt im Altpapier. Zu sagen, dass ich es versucht hätte, ist wohl zeitgleich über- und untertrieben. Der Wille war da, aber wer nimmt "Es ist der Wille, der zählt" schon wahrhaftig ernst?
Ich bin wieder hier, in meinem kleinen Kämmerlein. Der Herzschlag hat sich reguliert, nur das Ehrgefühl schlägt alarm. Dieses wird sich auch beruhigen. Immerhin gehöre ich nicht zu den Personen, die nicht wählen gehen und sich dann 5 Jahre über die Situation beschweren.

Das macht es nicht besser. Selbst Lorazepam wird es diesmal nicht schaffen, mich zu beruhigen.
Die Angst wird mein Ende sein. Nur dessen bin ich mir bewusst.

Samstag, 21. September 2013

Sommer

Desto blauer der Himmel erstrahlt, desto grüner scheint die Wiese. Trotz dessen ist das Gras auf der anderen Seite immer grüner, so heißt es doch. Während Autos an ihm vorbei fahren, verschleichert sich Vogelgezwitscher in seinen Ohren. Kopfschmerzen erschweren den Prozess des Denkens und er fragt sich, warum die Menschen immer so laut sein müssen. Mit all ihren Maschinen, Fragen und Buchstabenwirrwarr. Er versteht nicht, warum Laute immer nur zusammen laufen, sinnlos und vogelfrei. Bewirft ihn jemand mit einem Satz, kann er nicht in sich hinein horchen, um Ideen zu sammeln, nein, er lauscht einer monotonen Tonspur, etwas knisternd. Die Person gibt ihm nicht mehr als eine Sekunde verwirrter Stille, welche ihre unausgesprochenen Fragen lauter werden lässt: Woher kommt dieser Mensch überhaupt? Bestimmt nicht von hier.

"Kann.Knack.Ich.Knack.Ihnen.Knack.Helfen.Knack?"

Manchmal wünscht er sich, sein Gesicht wäre genau so entstellt wie seine Gedanken. Das würde Menschen abschrecken, ihn von der Seite anzusprechen. Es ist nicht sein Verdient, dass er aussieht wie ein verlorenes Kind im Spieleparadies. Aus diesem Grund trägt er nicht angezündete Zigaretten mit sich herum. Anders kann er nicht sagen: "Seht her, ich bin erwachsen, was auch immer das bedeutet. Ihr könnt aufhören, mich fälschlich besorgt und besorgt freundlich an zu sehen."
Im Schatten eines Busches am Straßenrand sitzt ein Frosch, regunglos. Dieser weiß von Sehnsucht nichts, oder Kummer, und auch um die Gefahren der Hauptstraße nicht. Bis es ihn trifft, wie ein Blitzschlag aus künstlicher Intelligenz. Das passiert, wenn man aus dem Schatten des Sommers hervor tritt; aus dem hell-gleißendem Licht in die Auspuffgeräusche der Menschheit.

 "Nein.Knack.Danke.Knack"

Eigentlich gleicht es einem Wunder, dass Leute überhaupt noch denken. Immerhin gibt es ja nicht nur Sprache, sondern auch Kontext. Durch verschiedenerVokal-Bewegung folgt eine andere Mentalität, die Wissen und Emotionen spuckt. Es macht ihn krank, denn dahinter steckt keine Wichtigkeit. Denn es ist Sommer, der Schweiß tropft ihm von der Stirn, doch ist es so kalt in ihm drin. Warum ist es so kalt, wenn das Thermometer Rekordgrade misst?
Inmitten der befahrenen Straße liegt ein Kadaver, der Korpus eines Hasens. Faszinierend, die Macht, die der Tod über aller lebend Ding hat: Die Atemlosigkeit in den Augen eines Tieres stimmt mit der eines Menschen überein. Dieses Nichts in den Augen; wie Glasdiamanten, die in den falschen Winkeln schimmern und auf ewig dazu verdammt sind, von Lebenden angestarrt zu werden.
Das Fleisch am Torso hat sich bereits abgelöst. Lediglich schwarze Mülltütenhautfetzen hängen lose über Knochen. Entblößte Anatomie und sinnesbetäubender Gestank: Zu gerne würde er es anfassen. Nur um sich selbst klar zu machen, dass er lebendig ist. Zu Mindest atmet er noch. Halb-nahtot, halb fast-Leichnam; eigentlich ist es ja das Gleiche, deshalb macht es ihn wieder zu einem Ganzen.

Womöglich ist er ein wenig geistesgestört. Nur wer ist das nicht? Wäre es doch nicht als irrsinnig, Irrsinnigkeit zu bestrafen. Seine Ohren dagegen hören immer nur Monotonität in den Massen. Ihre Stimmen ziehen an seinem Trommelfell wie klebrige Toffees an den Zähnen. Überhört bleiben seine Worte. Nichts kann sie hinter ihm herziehen; durch den blauen Himmel, durch Blumenwiesen. Einzelne Buchstaben bleiben in den Pfützen des Sommerregenes hängen. Schnell-bestimmte Menschen schauen auf die hinab. Der ein oder andere fragt sich sicherlich, ob was mit ihm nicht stimmt. Ihm bleibt nichts anderes übrig als zu lächeln, so natürlich. Alles ist besser als einseitige Gespräche und nichts ist schlimmer als einseitige Freundschaften.
Am Ende des Sommers bleibt ihm nichts anderes übrig als im Lampenlicht des Tages zu schlafen und davon zu träumen, die Laute zum Feind und die Schrift zum Verbündeten zu haben. 

Freitag, 20. September 2013

Wenigstens war es meine eigene Schuld

Eine alte Arbeitskollegin ist mir heute im Supermarkt über den Weg gelaufen.  Wie man vielleicht merkt, mochten wir uns nicht besonders. Sie ist wirklich viel zu perfekt um Aufmerksamkeit zu verdienen, oder mein Vertrauen, sofern sowas noch möglich ist.

"Wenigstens bist du nicht mehr immer betrunken, wenn man dich sieht, Emaschi."
"Ja, stimmt. Weil ich von meinem Medikamentencocktail jeden Tag so high bin, dass ich keinen Alkohol mehr brauche. Doch wenn ich dir jetzt so gegenüber stehe, überkommt mich ein unglaubliches Verlangen danach, mich wieder besinnungslos zu saufen. Anders verkrafte ich deine Anwesenheit nicht."
"Du brauchst gar nicht so übertrieben freundlich zu sein. Ich gehe ja schon. Mein Gott, warum musst du immer so sein?"
"Bisher gibt es noch keine Pillen gegen menschenverachtendes Verhalten."
"Vielleicht entwickeln wir in Zukunft was. Aber du wirst das ja nicht wissen, weil du nicht mehr bei uns im Labor arbeitest. Hättest du mal das Euthanasie-Mittel richtig angewendet, welches du geklaut hast. Dann müsstest du jetzt dieses Gespräch nicht führen."
"Man weiß ja nicht, ob ich es nicht doch noch habe und es für einen bestimmten Anlass aufbewahre. Hast du nicht mal Lust, bei mir vorbei zu kommen? Dann kaufe ich gleich noch Seile und Mülltüten."

Sie geht. Mir sticht es im Herz. Ich möchte weinen, doch kann ich das nicht mehr. Von wegen Wunderwelt Medizin; es macht stumpf, doch lässt es den Schmerz nie verschwinden. Oder löscht die Erinnerung nicht aus. Oder tötet den Menschen, der es am Meisten verdient.
Könnte ich diesen Hass, diese Angst, diese Gefühlsabartigkeit, diese Fremdartigkeit, diese Trauer, diese Unmenschlichkeit verschwinden lassen, glaubt mir, ich würde jedes Medikament der Welt schlucken und mich ein für alle Mal darin ertränken, um wieder schuldlos zu sein.

Mittwoch, 18. September 2013

Unfrankierte Postkarten: P.N.

Lieber P.,

treffender wäre wohl die Bezeichnung "Lieber Schulhoftyrann" gewesen, jedoch haben viele deiner Taten und Worte gar nichts mit Tyrannerei zu tun gehabt, nicht wirklich. Auf dem Gymnasium ging es sowieso immer nur darum, besser zu sein als andere. Rücksicht darf nicht genommen werden, und Nächstenliebe ist wohl eher ein christlicher Segen als ein Stück vom Kuchen der gesellschaftlichen Sozialität. Deine Freunde und du, ihr wart Kinder, die ihren Platz in der Hierarchie suchten; die nach einer passenden Rolle in dieser Welt forschten und dabei auch Hilfeschreie Fremder überhörten. Nur weißt du was? Genau das war ich auch. Ich war auch noch ein Kind. Eines jener Kinder, die Angst vor dem Gang zur Schule hatten und gleichzeitig auch kein zu Hause ihr eigen nennen konnten.
Viel zu oft frage ich mich, ob du mich heute noch erkennen würdest. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, die Jugend und deren Gesichter zu vergessen. Auch eine lange Zeit, um sein Aussehen, seine Art und Lebenseinstellung zu verändern; doch vieles bleibt und wird es auch in Zukunft.
Kannst du dich noch an meinen Namen erinnern? Denn glaube mir, ich kenne deinen Namen und alles was hinter diesem steht genau. Manchmal träume ich sogar von dir. In diesen Nächten wache ich schweißgebadet auf, mit einem pochendem Herz und frage in die Dunkelheit: "Wird der Schmerz dieser Erinnerungen nie vorbei gehen?"
Es ist nicht so, dass ich dir nicht vergeben könnte, doch ich möchte das gar nicht. Für mich warst du ein Monster; gleichgültig deiner jungen Jahre. Wie könnte ich auch deine hasserfüllten Worte vergessen? Die Beleidigungen, die du mir täglich an den Kopf geworfen hattest? Die berechneten Ernierdigungen deiner Ignoranz? Auch wortlos nahm diese Folter kein Ende: Ich kann mich erinnern, wie ich in den bereits gefüllten Klassenraum hinein trat und du lediglich mit dem Finger auf mich zeigen brauchtest, um jede einzelne Person zum Lachen zu bringen. Verständlichweise. Immerhin war meine Existenz ein Witz. Oder die unzähligen Male, die ihr mir nach der Schule aufgelauert habt wie die hinterhältigen Hyänen, dir ihr nunmal wart, mir Bücher, Hefter oder meinen Schulranzen weggenommen habt und damit ins Ungewisse gerannt seid. Immer, wenn ich euch folgte, um meine Sachen wieder zu bekommen, endete es in einem Desaster. Damit meine ich nicht das Aufreihen zum Spucken in mein Gesicht, oder das Fesseln an Gartenzäune, sondern die Enttäuschung im Gesicht meines Erzeugers. Könnt ihr euch vorstellen, wie es war, wenn man stundenlange Qualen durchlebt hat, nach Hause kommt und Sprüche wie "Du bist schon wieder zu spät", "Du musst dich selbst um sowas kümmern" oder "Es ist deine eigene Schuld, dass du gemobbt wirst" an den Kopf geworfen bekommt? (Obwohl eine Reaktion besser war als das stillschweigende Wegsehen der Lehrer.) Auch das war verständlich. Immer war meine Existenz ungewollt.

Inzwischen ist es egal. Es gibt keine Art der Entschuldigung, die "Damals" ungeschehen macht. Ich warte auch nicht mehr. Wie gesagt, wahrscheinlich kannst du dich nicht mehr an dieses weinende Schulmädchen erinnern, P. Was bringen Vorwürfe? Heute weiß ich, dass du die Macht der Gruppe brauchtest, um Stärke zu spüren. Deine Bildung ist auch nicht mehr als Standard. Du bist in menschlicher Sicht nicht mehr wert als ich. Respekt hast du nicht verdient. Schmach und Voodoopuppen schon. 
Im Nachhinein bin ich froh darum, dass es in Deutschland - nunja, zu Mindest für mich - so schwer ist, an Schusswaffen zu kommen. Wie sehr ich dich und deine Sippschaft töten wollte. Plötzlich wäre wohl keinem mehr zum Lachen zumute gewesen, es hätte keine Herabwürdigen mehr gegeben, keine niveaulose Gewalt nach dem Schulklingeln. In Blut und endloser Wut wäret ihr untergegangen und es wäre nur eure eigene Schuld gewesen. So wie meine Hilflosigkeit meine eigene Schuld war. Gerechtigkeit hätte ich es genannt, mit Tränen in den Augen gelacht, während ihr mich angsterfüllt und winselnd um Gnade gebeten hättet. Vor Allem von dir wollte ich Schreie hören, wollte Leid in deinen Augen sehen und deine Arroganz in Unterwürfigkeit verwandeln. Nein, diese Wünsche tun mir nicht leid. Viel zu oft hast du mich als verrückt beschimpft; ich wollte nur deine Theorie bestätigen. Nur nicht im kleinen Zimmer versauen, sondern mit einem großen Knall abtreten - und so viele mitnehmen wie nur möglich war. Die Herrscher und derren Opfer, die immer nur den Blick abgewendet hatten und nicht ein einziges Mal zur Hilfe eilten.
Meine Stille war und ist mein eigentlicher Untergang. Für die kannst du nunmal nichts. Natürlich auch nichts für mein Äußeres, mein Innerstes und die existenziellen Umstände. Wäre ich dazu in der Lage gewesen, hätte ich mich unsichtbar gemacht. Den Kopf gesenkt, die Hände in den Taschen, gekleidet in schwarz - was mehr hätte ich tun sollen, um mich in Luft auf zu lösen? Tadel ist irrelevant. Jahre der Sehnsucht nach liebevoller Zuwendung und in sich hineingefresse Rage - nicht. Sollten wir uns je wieder begegnen, hoffe darauf, dass ich nicht gerade ein Messer oder einen Schlaghammer in den Händen halte - für deine letzten Tage, für meine letzten Tage.

Bitte erinnere dich einmal, nur ein einziges Mal, zurück und stelle fest, dass es dir leid tut, was du getan hast.
Für dich bete ich, dass du ein besserer Mensch geworden bist. Ich bete für deine Kinder, dass ihnen nicht einen einzigen Tag lang das angetan wird, was du mir angetan hast.

Liebe Grüße
Emaschi

Dienstag, 17. September 2013

Hoffnung

H alte dich nicht zurück
O hne zu wissen, welch
F rohmut noch auf dich wartet.
F ordere das Glück nicht heraus
N och gib es auf;
U nd vor allem merke dir, dass du
N iemals dein Lächeln, noch deine Tränen verlieren darfst.
G erade aus ist dein Weg.

Montag, 16. September 2013

Nachträglicher Geburtstagspost

Menschen sind verwirrend. Vielleicht sage ich das öfters, doch dieses Mal habe ich sogar eine Begründung: Letzte Woche hatte ich Geburtstag und insgesamt haben fünf Leute pünktlich daran gedacht, mir zu gratulieren. An sich ist das gar kein Thema, bei sowas bin ich nicht nachtragend. Nur Eine hat es mir selbst zum Vorwurf gemacht: Ich solle gefälligst mein Geburtsdatum bei Facebook angeben, damit man mir rechtzeitig schreiben kann. XD
Lustig ist aber, dass ich heute Geschenke von genau denen bekommen habe, die mir nicht zum Geburtstag gratuliert haben. Da frage ich mich doch, ob ein schlechtes Gewissen mit im Spiel war oder ob man tatsächlich dran gedacht hat!?

Vollkommen egal: Heute war ich mit meinem Bruder einkaufen und ich durfte wir was aussuchen, außerdem er hat mir von Ex-Kollegen Geschenke mitgebracht, die total unerwartet kamen, doch freudig begrüßt wurden. (Man will ja nicht undankbar sein. ^_~)

Hoffentlich wird dies nicht als "Die-Angeberin-zeigt-ihre-Geschenke"-Post gewertet, aber ich habe ein paar Fotos mit meinem Handy gemacht, um euch teil haben zu lassen.
Die Leute scheinen auf jeden Fall zu wissen, dass ich viel Tee trinke, denn ich hab so geschätzte zehn Packungen losen Tee bekommen; Früchtetee, schwarzen Tee, grünen Tee,... Davon habe ich kein Foto gemacht, aber ich werde jeden Tropfen genießen. =)

"Wir wussten nicht, welche Bücher du schon gelesen hast", hieß es, deshalb gab es keine Romane, dafür aber drei Hundebücher, fünf verschiedene Mangas und ein Tagebuch. Dem Himmel sei Dank, liniert... Ich kann auf blanko Seiten nicht schreiben.


Zwei Leinwände in der Größe eines A4 Blattes, damit ich mal wieder was bepinseln kann. Druckepatronen zum spezifischen Zweck des Ausdrucken von Bewerbungen. Sollte ich etwas anderes ausdrucken wollen, muss dies leider durch andere Patronen geschehen. ^_~
Ein Duftteelicht, welches nach Limonengras riecht. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Dies wird meinem Zimmer einen sehr angenehmen Hauch geben. Vielleicht kommen mir davon neue Ideen zum Schreiben von Texten.
Die Müslischalen sind von einer alten Kollegin, da sie meine drei (!) Mal während der Arbeitszeit benutzt und fallen gelassen hat. Beim Anblick von den süßen Kaninchen verzeihe ich ihr sofort. =)


Mein Ruf muss als ziemlich verfressen gelten, denn man hat mir ein halbes Fresspaket geschnürt. Zwei Packungen Gummibären waren nicht ausreichend, dazu kamen noch Jelly Belly und ein Asiamix. Letzteres wird diese Nacht wahrscheinlich nicht überleben.
Eine genaue Begründung der CDs habe ich nicht erhalten. Man meinte, und dies zitiere ich, ich sehe so aus als würde ich sowas hören. Was bedeutet das? Nun, da ich aussehe als würde ich Stromae und Xavier Naidoo hören, werde ich das natürlich tun. Von Stromae kenne ich bisher nur "Alors on danse", bin gespannt, was er noch zu bieten hat und wie verwelkt meine Französisch-kenntnisse inzwischen sind.
Stifte zum Schreiben in mein neues Tagebuch habe ich auch bekommen. Ich mag es farbenfroh, auch wenn man das von meinen Texten manchmal nicht ableiten kann. 


Da mein Ruf sich nicht ausschließlich auf meinen Magen bezieht, sondern auch auf meine Nägel ausgeweitet wird, durfte ich fünf Nagellacke meiner Sammlung hinzu fügen. Übrigens hatte ich erst welche weggegeben, deshalb habe ich genug Platz. =)
Eine Mascara und ein Parfüm, nein, ein Eau de Toilette, habe ich mir selbst gekauft. (Es ist eine alte Macke von mir, mich selbst zum Geburtstag zu beschenken. Zu Weihnachten mache ich das auch. XD)


Tier-Schmuck! Mehr brauche ich kaum zu sagen, oder?
Panda-Ohringe und ein Panda-Charm, weil Pandas genial und obergoldig sind.
Hirsch-Ohrringe, die gut zum Dirndl passen.
Eidechsen-Kette, weil meine Freundin mich immer als "hinterhältiges Kriechtier" beschimpft.
Katzen-Kette, die ich mir selbst ausgesucht habe und zu meinem neuen Cardigan tragen werde (Foto unten).


Mein Bruder hat mir zwei Oberteile gekauft. Da wir heute shoppen waren, habe ich sie mir selbst ausgesucht. Brüder haben es meist nicht so beim Treffen von Körpergrößen. Auf den Fotos sieht es vielleicht riesig aus, aber ich mag keine zu engen Klamotten, deshalb muss die S reichen. Naütlirch wird der Pulli oben weiter zugeknöpft. Wahrscheinlich sieht es dann besser aus. Und Leopardenmuster war und ist genial. Mehr braucht man nicht sagen. 


Ahja, und die Haare habe ich mir gefäbrt. Jeder, der mich kennt, wird jetzt wohl mit dem Kopf schütteln, weil ich mir wohl alle zwei Monate die Haare färbe, aber sie sind nicht mehr blond, sondern karamellbraun. Ziemlich nah dran an meiner Naturhaarfarbe.



Allen Lesern, die ich nicht zu Tode gelangweilt habe, einen wunderschönen Abend noch! Danke euch =)

Sonntag, 15. September 2013

Rekord

Gestern kam per E-Mail die hundertste Absage zu einem Vorstellungsgespräch bzw. Probearbeiten in diversen Stellen. Anfangs dachte ich ja noch, dass klappt schon, irgendwie. Nach zwanzig Absagen sank mein Selbstvertrauen nur auf niedrigstes Niveau. Als die fünzigste Ablehnung im Briefkasten lag, machte sich Verzweiflung breit.
Mein Schmarz-Maler-Image ist mir bewusst, doch was soll ich anderes sagen? Aufgegeben - das Wort trifft es. Nummer Hundert gleicht dem Hissen der weißen Flagge. Ich habe Angst, dass ich gezwungen werde, einen Job zu machen, für den ich nicht geeignet bin. Oder schlimmer noch: Umziehen in eine fremde Stadt, in der ich mir nur wieder neue Therapeuten, Ärzte, Betreuer, was auch immer, suchen muss....
Jammern ändert auch nichts, ja, klar. Erzählt das mal meinem Wertgefühl.

Außerdem will mich mein Psychiater - schon wieder - in eine Klinik schicken. Damit ich den Ämter vorweisen kann, dass ich viel probiere, um wieder am alltäglichem Leben teil zu nehmen. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, was das bedeutet.
Die Suche beginnt wieder. Es können jetzt Wettangebote eingereicht werden, ob ich dieses Mal vorher abgelehnt werde oder erneut nachdem ich den Weg dort hin gemacht habe, um nach 2 Stunden wieder nach Hause geschickt zu werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 

Eine Art Katharsis II

Part I: Hier
Irgendwie bildete ich mir ein, den zweiten Teil schon einmal gepostet zu haben. Doch da ich diesen nicht wieder finde, schreibe ich alles nochmal aus meinem Tagebuch ab.

+ ~ +

Eine Art Katharsis II

 Bist du jemals vor dem Sonnenaufgang über die Autobahn gerast? Allein, jedoch nicht einsam, trägt dich dieser Weg des Todes in die Ferne. Trotz der markanten Dunkelheit hast du keine Angst, dass dir ein Hase oder ein Reh vor die Reifen springen könnte, denn während deine Füße fest auf das Gaspedal drücken, entfacht in die das Gefühl von Freiheit.
Niemand, der dich kennt, würde dich für “diesen Typ Mensch” halten. Doch genau das bist du, wenn du dich nicht verbergen musst, dich nicht untergraben musst. Die Straße ist die Vene, dein Auto das Adrenalin. Unbewusst stockt dir der Atem und kurz bevor der Tag beginnt, rollt eine Träne über deine Wange.
Das bist du und nur du allein. Doch während der Kick langsam dahinschwindet, beginnst du dich zu fragen, wohin dieser Weg wohl führen wird.

Bist du jemals im Hall deines eigenen Lachens versunken? Ein Witz macht seine Runde, dazu noch ein guter. Deine Freunde sitzen neben dir und jeder scheint hysterisch. Wie durch Zauberei sind die Sorgen der letzten Tag vergessen.
Obwohl deine Lippen taub von zu heißem Kaffee sind, ist dieses Lächeln echt und unverzerrt. Wenigstens für diesen Moment. Jeder lacht und du wirst davon mitgerissen. Es zwickt in den Bauchmuskeln, doch wen kümmert das schon? Sinnlose Wortaneinanderreihungen, gespuckte Schlagfertigkeit, Spott und Zoten - du bist lediglich das “e” in Pointe.
Dieser Frohmut setzt dir die Narrenmütze auf. Stört es dich, dass du aussiehst wie Till Eulenspiegel? Wer weiß das schon? Du nicht. Deine Freunde nicht. Alle lachen.

Hast du jemals dein Spiegelbild gefragt, wo zur Hölle diese Person da her kommt? Glasige Augen und tiefblaue Schatten unter diesen, rissige Lippen und Geisterhaut. Du vergleichst dich mit der neuen Freundin deines Ex-Freundes. Den, der immer alles wusste, jeden missbilligte, doch niemals eine Meinung hatte. Das neue Mädchen hat trotz dessen wohl den Jackpot geknackt: Hat das gewonnen, was du verloren hast; dazu ist sie noch klug, freundlich und abgöttisch schön. Ehrlich gesagt, es ist eine Schande: Denn du würdest sie lieber verachten als anhimmeln.
Der Blick in den Spiegel wird eine Spirale aus Vergleichen mit Idealen und Traumbildern - eigene sowie fremde. Du weißt nicht mehr genau, wann die Grenzen verschwommen sind. Nun bist du ein Teil dieser Spirale. (Farben und Bilder zerlaufen. Alles ist eins. Alles ist endlos und überwältigend. Das muss wohl die Hölle sein. Richtig, dein Gesicht ist die Hölle.)
“Hör’ jetzt endlich auf zu lachen!”, schreist du deinem Gehirn entgegen. Starr blickst du weiterhin in den Spiegel, ziehst Parallelen und endest in Kompromissen. Nichts weiter.

Hast du jemals die drei kleinen Worte ausgesprochen?
“Ich liebe dich” - in Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Ach, und diese Person , dieses Etwas, ist immer wieder der zarte Frühling nach einem langen, eiskalten Winter. Nach Unstimmigkeiten fühlst du dich nur noch mehr hingezogen, nach einer Umarmung willst du nur noch mehr. Immer wieder mehr.
Logik verlässt dich fluchtartig. Du offenbarst deine gesamte Existenz, dein ganzes Bewusstsein, mit diesen drei Worten. Dieser Moment klemmt sich auf ewig zwischen deinen Gehirnwindungen fest. Dieser Moment - und die kurzen Sekunden, die folgen - entscheiden, ob dir diese Wahrheit ein Leben lang im Hals stecken bleiben wird oder ob du Emotionen jemals wieder wiedergeben kannst.
Manchmal dreht es dir den Magen um.
“Ich liebe dich.”
Manchmal kannst du dein Glück gar nicht fassen.
“ich liebe dich.”
Bis die Ansprüche kommen.
“Ich liebe dich, aber du verlangst zu viel.”
Es stimmt.
“Ich liebe dich, aber wir verlieren die Kontrolle.”
Auch das stimmt.
“Ich liebe dich, deshalb sollten wir Freunde bleiben.”
Das stimmt nicht. Auf dieser Art werden Worte zur Verschwendung.

Hast du jemals mit einer Nadel in einer Steckdose gebohrt? Bildlich gesprochen. Wie zitternde Taktstriche pulsiert es. Hämmernde Elektrizität streichelt deinen Körper. Gleich zweier Hände, welche die Innenseite deiner Oberschenkel massieren. Lediglich fügen kannst du dich: das ist Kraft, unverschmutzte Energie; eine Explosion von Licht in deinem Körper. Nur hier gelingt es dir nicht, Menschlichkeit aus zu üben, denn du bist nur die übertragende Leitung zwischen Obsession und Leichtigkeit.

Bist du jemals jemandes einzige Zuhören gewesen? Irgendwie hasst du diesen ganzen Unsinn, der aus seinem Mund gekrochen kommt. Infinitesimaler Dreck, den du nicht entschuldigst, weil es ein Glaube aus Prinzip ist, kein Glaube des Glaubens wegen. Es scheint als würde er alles ausspucken, was ihn auffrisst; ist es auch noch so unbedeutend und längst verjährt.
Während er sich freudig auskotzt, steckt er dir seine Finger in die Kehle bis du unter seiner omnipotenten Anwesenheit erstickst. Eigentlich könnten dich grundlegende Kleinigkeiten wie sein Nativismus sowie seine tiefgreifende Bigotterie nicht weniger interessieren, doch ist er schon überall in dir. Du bist nicht Gott und auch kein Psychiater, du willst seine Probleme nicht, weil diese sich immer in deinem Herzen ausdehnen und deinen Kopf auf Abstand halten.
Eigentlich kannst du es gar nicht fassen, dass er mit solcher Unsorgfalt mit seiner Gier und deiner Zwiespältigkeit umgeht. Gerne wärst seine Selbstzufriedenheit, wirst jedoch nur seine berechnende Wut. Auch sein Lächeln wärst du gerne, doch verlierst dich in der Falte seiner gerunzelten Stirn.
Nicht, dass er ein schlechter Mensch wäre, allerdings willst du einfach nicht so sein wie er. Mit diesem Gedanken kannst du dich sogar anfreunden. Bis dir jemand erneut unter die Nase reibt, wie ähnlich du ihm bist. (Dein ganzes Leben hast du es gehört: “Ihr habt die gleiche Nase/ Augenpartie/ Stirn/ Kinn/ Füße/ Muttermal/ Zehen/ Fingernägel/Poren.” Zitate haben keinen Wert. Dir ist es auch gleich, denn du besitzt seine narzisstische Attitüde und - was noch viel schlimmer ist - seine kaputte Art zu denken.
Nach Jahren redet er noch immer. Kleinigkeit gehen in das eine Ohr raus, Neuigkeiten aus dem anderen wieder heraus. Es geht um Strukturen, Prinzipien - verdammte Disziplin. Bedeutsame Bedeutungslosigkeit, die alles ist, die du nicht sein möchtest.

Hast du jemals den Sonnenuntergang auf dem Land gesehen? Zigarettenrauch zerschmettern die Zellen deines rechten Lungenflügels. Du drückst die Hand der Person neben dir, die ebenso lautlos gen Himmel blickt. Die sensorische Überladung lässt dir Tränen in die Augen steigen, unbemerkt und unerkannt.
Entweder bist du so erbärmlich oder das erste Mal in deinem Leben wirklich berührt: Verglichen mit dem Universum bist winzig, doch wirst gesehen.

Bist du schon jemals verlassen worden? Vielleicht von einer Freundin, die du besser kennen lernen wolltest, sie dir dazu aber nie die Chance gelassen hat. Eure Freundschaft ging nie über gemeinsame Nachmittagsspaziergänge hinaus und doch folgte eine folternde Leere als sie ging.
Eigentlich ist es lächerlich, denn du bist aus ihrem Leben genauso stolz heraus stolziert wie sie aus deinem. Aber aus unerfindlichen Gründen bist es immer du, der nicht vergessen kann.
Irgendwann siehst du ihr lachendes Gesicht in einem Restaurant, ignorierst es aber so gut es geht. Oder du blickst in die strahlenden Augen ihres Facebook-Profilbildes, magst sie noch lieber als vorher und verkneifst die den Augenblick der Schmach als du feststellst, dass du keine Kommentare hinterlassen kannst. Ihr seid ja auch keine Freunde.
Wahrscheinlich gab es keinen Weg, sie bei dir zu halten. Sie lässt dich im Regen stehen und nimmt den Regenschirm mit in Richtung Sonne. “Rede nur von Ironie”, ermahnst du dich selbst. Du warst nicht interessant genug, trugst nicht die richtige Kleidung, hattest nicht den richtigen Humor, hast nicht das Richtige gegessen,…
Leider lässt das deine Gefühle nicht vergehen und du magst sie immer noch. Egal, wie verschieden ihr wart. Oder seid. Gewissenlos hat sie das gewisse Etwas, gar keine Frage. Dir fehlt dies. Sie hat alle Zeit der Welt. Du… nicht.

Samstag, 14. September 2013

Neulich beim Seelenklempner

"Wussten Sie, dass Sie die Handschrift eines Soziopathen haben?"
"Oh. Nein."
"Graphologie war mal ein Hobby von mir."
"Was hat sich geändert?"
"Die Tatsache, dass ich meist falsch mit meiner Interpretation lag."
"Dann wird es sie beruhigen, dass Sie dieses Mal mit Sicherheit auch falsch liegen. Sie haben aber noch reichlich Zeit, dazu zu lernen."
"Als ich jung war, fiel mir das Lernen leichter."
"Verstehe, als Sie jung waren, sind Sie ja auch noch mit Dinosauriern zur Schule geritten und haben das Gelernte in Steintafeln gemeißelt."

Doch, ich nehme meinen Psychiater Ernst, doch manchmal laden diese Art altmodischen Argumente zu solch Antworten ein, findet ihr nicht?

Übrigens geht es meinem Zahn viel besser. Danke für die Nachfragen. 

Freitag, 13. September 2013

Unfrankierte Postkarten: M.D.

Liebe M.,

wusstest du, dass man über Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sagt, dass sie jegliche Beziehungen, die sie führen, nur auf sich zurück beziehen können? Oft wundere ich mich, wie das wohl ist. Natürlich wünsche ich mir keine Persönlichkeitsstörung, doch ich frage mich, wie es ist, wenn man einen Menschen mit sich in Verbindung bringen kann. Ob Mann, Frau oder Kind - Menschen stellen sich für mich meist eher nur als Figuren dar; wie auf einem Schachbrett oder wie bei den Sims. Fremdartige Wesen, die entfernt von meiner Welt sind, die ich nicht verstehen kann, denn ich begründe Verhalten durch soziale Normen, biologischen Reaktionen oder Umwelteinflüssen. Viele, denen ich in den Jahren begegnet bin, verstanden dies nicht: Haben sinnlos verurteilt und mit Ignoranz oder gar Verachtung bestraft. Du hast mich nie verurteilt. Verständlich für den, der Verständnis verstehen kann. Aufrichtig gesagt, du bist die einzige Freundin, die ich je hatte, bei der ich nicht zwingend eine Maske tragen musste und nicht ein Schauspiel abziehen musste, um nicht von der Außenwelt als Unmensch betrachtet zu werden. Vielleicht fragst du dich manchmal, wie wir uns so entfernen konnten. Ich tue das. Mein geringfügiges Vertrauen basiert nicht auf der Angst, du würdest nicht verstehen. Es ist das Wissen, dass du auf jeden Fall verstehen würdest, dass ich Erklärungsversuche ausschlage. Über Jahre hinweg warst du mein Grund zum Atmen, obwohl ich gar nicht mehr atmen wollte: Dies machte mich bitter, doch dankbar. Du bist ein Lebensretter. Es gibt weder einen anderen, einen besseren noch einen lebenden Grund, den ich dir nennen könnte, um es treffender zu benennen.
Der Körper gibt manchmal einfach auf, wenn der Geist Umstände nicht mehr aushalten kann. Physischer Schmerz ist verwirrend, doch vergleichsweise gering. Ich finde, du hast genug ertragen müssen. Aus diesem Grund möchte ich Schmerz nicht teilen.

Kannst du dich daran erinnern, wie wir unter der Brücke gesessen haben und immer wenn ein Fahrradfahrer durchgefahren ist, haben wir hinterher gerufen: "Sie können doch nicht einfach durch unsere Wohnung fahren"? Unser Humor ist vielleicht eigenartig. Fanden wir es lustig, weil es sonst nicht viel zu Lachen gab oder waren es gut zusammenarbeitende Charakterzüge? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ein Lächeln eines Freundes viel bedeutet, genau wie seine Tränen. Für die Qualen, die ich dir mit meinem Schulwechsel oder vorgekommenden Fehlverhalten verursachte habe, entschuldige ich mich aufrichtig. Unter gewissen Umständen sind manche Menschen einfach dumm und naiv genug, Schmerzen, die ihnen selbst zugefügt worden sind, anderen an zu tun. Als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz des Weitergebens von Innerlichkeiten. Wäre es an mir gelegen, hätte ich dich nicht verlassen. Im Nachhinein war es jedoch besser so, denn es ist wohl nicht übertrieben, dass ich dich herunter gezogen habe - deine Aufmerksamkeit, deine Beliebtheit, deine Stimmung.
Ich war kein Teil der Klasse auf dem Gymnasium. Wenn es nicht niveaulos oder ungebildet, war ich zu sehr mit einer unfassbaren Begierde die Welt um mich verstehen zu wollen, dass ich vergessen habe, mich zu integrieren. Lernen wollte ich, doch für Schulwissen fehlte jegliches Interesse. Auf der anderen Schule wurde es leichter. Noch immer habe ich keine Hausaufgaben gemacht, oder mich in Büchern gewälzt, aber das brauchte ich nicht. In meiner Welt war es okay, verloren zu sein - nur dieses Mal ganz und gar ohne Druck. Feinde waren ohnehin überall. Das Mobbing, nebenbei bemerkt hasse ich dieses Wort, wurde wenider psychisch und mehr physisch. Was ist schon ein Bespuckt werden im Vergleich zu Beleidigungen, die auf Erniedrigung ausgerichtet waren? Was war ein gelegentliches Schubsen oder die Zirkelspitze im Arm zu den abwertenden Blicken und ach so hasserfüllten Diskriminierungen? Ignoranz war jeder Orts für mich: Es gab kein Entkommen, weder in der Schule, noch zu Hause. Doch mit dir an meiner Seite war dies ein kleines Übel.

Nach meinem ersten Suizidversuch durch Tabletten lag ich im überwachten Bereich des Krankenhauses. Beängstigend war die Stimme der Krankenschwester, denn mein benebelter Kopf ließ es wie durch einen Lautsprecher ertönen.
"Geht es Ihnen gut?", fragte sie. In jeder anderen Situation hätte ich ihr Sarkasmus entgegen geworfen. Ernsthaft: Ich war an einem Bett gefesselt, hatte Schläuche im Arm, mir war schlecht - sah ich etwa gut aus? Ihre Form änderte sich. Aus blodem Kurzhaarschnitt wurde eine lange, braune Mähne und aus zusammengekniffenen Schlitzen wurden runde Ozeane, die im Licht glitzerten. Befreit von Argwohn und ironischem Biss lauschte ich dem leisen Summen der Maschinen; vielleicht kam es auch von meinem Herzen. Piep. Piep. Piep.
"Geht es Ihnen gut?", nun warst du es, die fragte. Ja, Ja, Ja - alles war gut, ich war ok. Ich atme. Was zur Hölle habe ich wieder getan? Ich musste in Ordnung sein. Ja, alles war gut. Manchmal war ich traurig. Treffend und geeignet, nur klingt das nie ergriffen oder ergreifend oder wahr.
"Für mich ist es schwer verständlich zu machen, was geht und was nicht geht.", flüsterte ich dir entgegen. Ein paar Augenblicke vergingen und du hast deine Hände um meine geschlossen. Berühurungen waren mir stets zu wider. Diese simple Geste sollte wohl auf Beruhigung zielen, doch machte sie nur noch deutlicher, dass ich gefesselt da lag und es keinen freien Weg für mich gab. "Aber wie geht es Ihnen?", der Unterklang deiner Stimme war nicht etwa schockiert oder besorgt. Du lächeltest auf mich hinab und die Lampe hinter deinem Kopf formte einen Heiligenschein. "Mir geht es tot", antwortete ich. Weitere Worte starben in meiner Kehle; vielleicht waren sie nicht tot, nur mit dem Leben fertig, aber das machte nichts weniger leblos. Wie gerne würde ich mich von Last befreien, doch kann ich sie nicht auf deine Schultern laden. Manche Pein behält man lieber für sich. Alles war gut. Alles ist gut. Du lebst, ich atme.

Bitte gib dich selbst und D. niemals auf.
Bitte verliere nie dieses Lächeln, welches ich verehre.
Bitte behalte deine Träume, deine Zukunftspläne und Liebe im Blick.
Bitte entwickle dich in deiner ganzen Pracht und bleibe stets du selbst.
Bitte vergiss mich nicht, bitte vergiss uns nicht auf deinem Weg.

Ich hab dich lieb. Du bist wertvoll. Besonders.
Unsere Gemeinsamkeit, deine Lieblichkeit und unerschöpfliche Freundschaft werde ich nie vergessen.

Liebe Grüße
Emaschi

Donnerstag, 12. September 2013

Unfrankierte Postkarten: Herr Opfer

Lieber Herr Opfer, 

Es tut mir leid, dass ich nicht zu erahnen versuche, wie zumutbar Menschen füreinander sind. Beziehungen und vorgetäuschtes Zusammensein ist mir zu wider. Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen, aber Liebesgeschichten sind für mich Dramas, von dem man den Ausgang bereits berechnen kann. Und Geschichten rückwärts erzählen, bedeutet nicht, dass das Ende wirklich ein glückliches sein wird.
Bin ich mit dir zusammen, kann ich nicht aufhören, an meinen besten Freund aus der Kindheit zu denken. Sein Name war Julian und er war ein wundervoller Junge. Damals habe ich von einem Kinderpsychologen Karten bekommen, auf denen geschrieben stand, wie ich mich verhalten, wie ich fühlen und wie ich Reaktionen erörtern soll. Zusammen haben wir Gesichtsausdrücke geübt, versucht uns direkt in die Augen zu schauen und dabei Emotionen auszudrücken. Das war unser Lernspiel, welches wir ausschließlich zu Zweit gespielt haben. Verstehe mich nicht falsch, er ist tot; damit habe ich mich abgefunden. Doch denke ich täglich zurück, umklammere fest wärmende Erinnerung und vergossene Tränen des Verlustes. All die Jahre schon vermisse ich ihn, all die Jahre wache ich täglich auf und wünsche mir, es wäre nur ein Alptraum gewesen. Als du mir gegenüber saßt, konnte ich nicht anders. Diese Sehnsucht packte mich wieder beim Genick, schüttelte mich als wolle sie mir ins Gesicht brüllen: "Akzeptiere die Realität. Julian ist tot. Er nicht."
Mein Gehirn assoziiert aber nicht in solch linearen Strukturen. Gerade weil Julian nicht mehr hier ist, wirst du zu ihm. So darf es nicht sein, denn erneut von ihm getrennt werden, wäre unbarmherzig und grausam. Regelrecht unmenschlich, doch dieses Worte wirft zu viele Fragen auf; und mit einem Kopf wie diesem auf meinen Schultern, ist das selten etwas Gutes.

Immerhin ist dies ein Einsiedlerkrebs-Dasein. Niemand bei rechtem Verstand kann es ertragen, in eine Hülle gesteckt zu werden, die zu klein für ihn ist. Verstehst du? Julian war die Schnecke, ich bin das Schneckenhaus, welches sich nicht öffnen, nicht verbiegen, nicht knacken lässt. Du würdest versuchen, hineinbrechen zu wollen, was im besten Falle schmerzhaft, im schlimmsten Falle gnadenlos wäre. Würdest dich strecken und biegen, vielleicht verformen, und niemals wirklich hinein passen: Letztendlich würdest du enttäuscht feststellen, dass darin nur Leere ist. Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt oder zum bleiben auffordert.
Dieser Platz in der geisterhaften Hülle ist reserviert. Ich bin zu ausgelaugt, um die für dich unüberwindbare Härte von Chitin zu rechtfertig. Darum bitte ich um Verzeihung. Meine Verbindung mit dem Tod seit seinem Ableben ist zu intensiv, hochgradig innerlich und zugleich bitterlich anstrengend. Lebendigkeit esse ich zum Frühstück. Sonst würde ich stetig nur an den abgenagten Knochen der Vergangenheit nagen und am Nichts verhungern. Es spielt keine Rolle, ob ich es bereits satt wäre, denn die Gabel halte ich längst nicht mehr selbst. Der Geschmack süßlicher Tragödien rinnt die Kehle hinab, verteilt verdünntes Seelenheil und willkürlichen Herzschmerz. Für dich bin ich ein Desaster eines Menschen, häufig genug zähle ich mich nicht einmal zu ihnen, denn ich bin das Mädchen, welches hinter Grabsteinen lauert und Schicksale in wortlose Gedichte fasst - als wären sie wertvoll wie Gold.
Du bist jung und strotz vor Energie. In dieser Welt wartet so viel mehr auf dich als jemand, der gleich einem Roboter Daten auf der Festplatte von fremder Hand programmiert bekommen hat. Dein Lächeln lässt all die Sinnlosigkeiten gering erscheinen, genau wie Julians. Im Gegensatz zu ihm stehen die besten Jahre deines Lebens vor dir; mögen diese auch temporär sein. Verpasse nicht die Chance auf reuelose Aufregung. Nicht für mich. Ein auswendig gelerntes Sozialverhalten, ein gelerntes Lächeln, ein Ausbluten von Tinte anstatt von Blut, ewiges Tipp-Tipp-Tipp auf der Tastatur und krankheitsausgelöste Freunde und Feinde. Nein, das fordere ich nicht von dir.

Bitte passe auf dich auf. Lebe mit dem unüberbrückbaren Wissen, dass es atmende Individuen gibt, die es nicht können.

Liebe Grüße
Emaschi

Dienstag, 10. September 2013

"Den Zahn können wir retten!"

Ich wünschte, das Selbe könne man über meinen Kiefer sagen. Oder dem Rest meines Gesichts. Oder meiner übrig-gebliebenen Schmerztoleranzgrenze.
Für die paar Exemplare, die es genauer wissen wollen: Mein Zahnarzt ist magisch wunderbar. Wahrscheinlich würde das nicht jeder nach einer Wurzelbehandlung sagen, aber ich bin davon überzeugt. Es hat nicht so sehr weh getan wie ich es durch die letzten zwei Male in Erinnerung hatte. (Aus irgendeinem Grund mag ich diese Messgerät, welches die Längen der Wurzeln misst.) Wie gewöhnlich wurden die Kanäle gereinigt, ausgeformt, gespült und mit einem Antibiotikum beträufelt. Zuletzt wurde eine provisorische Füllung aus den Zahn gesetzt.
Am Freitag wird noch ein Röntgenbild gefertigt, um zu schauen, ob die Entzündung zurück geht. Irgendwann im Oktober, wenn die Entzündung verheilt ist, werden die Zahnkanäle gefüllt und - darum bette ich - eine Füllung aufgesetzt. (Kronen kann ich mir derzeit einfach nicht leisten...)

Wisst ihr, warum ich so schlechte Zähne habe?
Weil meine Familie widerlich war. In meinen ersten Lebensjahren hat meine Mutter wohl noch versucht, meine Zähne zu putzen und mir das A und O bei zu bringen, doch als sie dies nicht mehr konnte, hat es keinen interessiert. Mich einschließlich.
Erst bei diesen Schulzahnarztkontrollen ist aufgefallen, dass ich für mein Alter ziemlich schlechte Zähne hatte. Dort habe ich dann auch gelernt, wie man es macht - ihr wisst schon: Von rot nach weiß, zwanig Mal hoch und runter...
Das erste Mal, dass ich einen Zahnarzt sah, war mit ungefähr 12-13 Jahren. Das ist eine reizende Geschichte: Eine Weile zuvor bin ich mit dem Gesicht gegen eine Tischkante gestoßen - Details sind unwichtig. Ich war nicht sonderlich beliebt in der Schule oder zu Hause - und mein Zahn ist abgebrochen. Eine kluge Idee war es nicht, meinem Vater davon nichts zu sagen, denn natürlich hat sich alles entzündet und man musste mich zum Arzt bringen. Schleifen, passt besser.

Nun ja, was bleibt, sind zu spät gerettete Zähne, Panik vor Zahnärzten und ein sehr dünner Geldbeutel. Sparen wird sowieso überbewertet und Angst habe ich sowieso vor Jedem. Obwohl es schon ein wenig problematisch war, dass ich nicht gesprochen habe. "Sie müssen mir schon helfen", sagte der Arzt immer. Doch es heißt auch: Hilf dir selbst, dann hilft dir auch Gott. Was auch immer das bedeutet. Draufzeigen und das Gesicht verziehen wirkt Wunder. Außerdem hat mein Bruder gemeint, ich solle dem Arzt nicht erzählen, dass Nummer 2 unter meinem Zahn versteckt lebt und ich Angst habe, dass man mir Sender in die Füllungen baut. Wenn es nicht um die Wahrheit geht, macht es auch nichts, zu schweigen.
Trotz Verständigungsschwierigkeiten lächelte der Mann im Kittel mir zum Schluss entgegen. Wer weiß, welche Art Sender er verkaufen konnte, welche Art Informationen er sammeln kann. Doch der Witz geht auf ihn, denn mein Leben ist nicht aufregend genug, um kostbares Wissen zu sammeln. Nur die Welt bleibt gefährlich und ein Zahn kann man vielleicht retten, doch zu welchem Preis?
Wenigstens habe ich mal ein Schmerzmittel verschrieben bekommen, welches ich nicht horte, sondernn wirklich einnehme. 

Montag, 9. September 2013

Die Zahnschmerz-Apokalypse

Unerträglich. Wäre mein Kopf nicht so ein ausverkaufter Früchestand, würden mir wohl weitere Worte einfallen, um diese Schmerzen zu beschreiben. Ich bin der Ansicht, dass Menschen, die Zahnschmerzen haben und keine Angst vor dem Zahnarzt haben, keine Menschen sind.
Gestern morgen hat es angefangen. Zuerst als leichtes Pulsieren am oberen, rechten Kiefer. Schlimmer wurde es erst als ich es tatsächlich gewagt habe, duschen zu gehen. Rotes Wasser ist nie ein zufriedenstellendes Ereignis - außer man hat nach jahrelanger Wartezeit seine Peiniger aus der Kindheit getötet und wäscht ihr Blut von den Händen. (Immerhin kann ich nicht die Einzige mit dieser Art Gedanken sein.)
Aus dem Pochen wurde ncht ausstehbares Ziehen. Seitdem habe ich kaum eine ruhige Minute. Ob wohl das Schwein unter dem Schmelz sitzt und versucht aus zu brechen? Ich sitze am Nabel der Welt und habe keine Ohren mehr. Eine Stimme flüstert mir zu, dass dies nicht das Schlimmste sei, was sie je gesehen hat. Was wohl der Wahrheit entspricht. Ich meine, ich bin nicht subtil im Umgang mit Schmerzen, oder elegant, manchmal ist es eher in die leblosen Augen eines ausgestopften Tieres zu blicken. Das sind die Gedanken, die mein Arzt unterdrücken möchte, deshalb steht mein Schädel so unter Druck. Oh, möglicherweise waren es doch zu viele Schmerzmittel. Doch Ibuprofen ist keine Hilfe und ich hatte nur noch Metamizol, welches ich einmal für üble Magenkrämpfe verschrieben bekam.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es ist unerträglich. Sturköpfig zähle ich die Stunden zur Öffnungszeit des Zahnarztes ab und hoffe, bete, flehe, er hat mehr Zeit als Nummer 1 Nerven hat. 

Freitag, 6. September 2013

Was du verdienst, ist mein Verdienst

Du bist ein wehmütiger Denker,
doch weiß ich, dass hinter diesen Venen
gefrorene Geheimnisse stecken;
so kalt, dass bei jedem Gedanken an ihnen,
dein Kopf zur Winterlandschaft wird.
Der Wiederhall deiner schwarzen Begierden
endet im Angesicht deiner seelenlosen Augen.

Wie deine Finger danach ächzen
meine Haut mit deinem Blut zu bemalen
und du zusehen kannst
wie diese unbekannte Krankheit
durch meinen all zu willigen Körper tanzt.
Deine Hände ruhen auf meinem Rücken
als würden sie Sicherheit beweisen wollen;
doch deine Füßen wippen auf und nieder,
weil du selbst nicht weißt,
wie unüberzeugt du bist.

Ich bin nicht die Eine für dich,
du schreist es mir entgegen.
Obwohl deine Worte schmerzen,
schmerzt es nicht so sehr wie diese stillen Tränen.
(Eigentlich sind alle Tränen still,
ich erinner mich, es ist das Schluchzen,
welches nach Hilfe ruft.
Doch das kann ich dir nicht geben)

Bitte sage mir noch einmal
wie bezaubernd du mich findest,
damit du mich gegen die Küchentür schubsen kannst;
das ist, was ich von dir brauche.
Diese Lügen, die du dir selbst und "uns" erzählst,
damit die Wahrheit in Einzelteile zerbricht.
Ich hasse dich! Ich hasse dich!
Verdammt nochmal, ich hasse alles an dir!
Denn - Herr Gott!! - ich liebe dich!
Ein Glas zerbricht, ein Teller -
und an der Erinnerung an "uns" sterbe ich.
Nur die Märchenwelt in meinem Kopf,
die von Disneyfilmen gefüttert
und von Realität zerbrochen wird,
brennt licherloh.

Mit Roboterarmen umschlingst du mich
und ich brülle dir entgegen:
"Fass mich nicht an!",
denn ich möchte, dass du mich ewig
in deinem Griff hast.
Du drehst dich um und lässt mich
im Scherbenmeer allein.
Verstehst du denn nicht?
Du bist Alles mit mir,
denn ich bin gar nichts ohne dich.

Donnerstag, 5. September 2013

"Es gibt noch Hoffnung?"

An manchen Tagen höre ich eine Stimme, die nicht zum Schwein oder den Anderen gehört. Immer wird sie ein bisschen leiser, doch verschwindet nie ganz. Es ist nur dieser eine Satz. Ohne Erläuterungen, ohne Erklärungen. Sie klingt unsicher. Als würde sie eher danach fragen anstatt mir Mut zusprechen  zu wollen.

Es macht mir Angst.

Mittwoch, 4. September 2013

Ist es Einsamkeit, wenn man außer via Internet keinen Kontakt mehr zu Außenwelt hat? Oder ist dies schon Isolation?

Montag, 2. September 2013

Trauerbeflaggung

Die Qualität des Lebens steht auf Trauerbeflaggung, Halb-Mast; immerhin bin ich nicht Saudi-Arabien.
Die Qualität ist besser-als-zuvor-doch-nicht-so-gut-wie-es-sein-sollte.
Noch immer.
Immer noch.
Was auch besser passen könnte.

Es ist ruhig. Wieder so ruhig, dass vor lauter Stille der Schädel brummt.
Vielleicht ist es mir nicht vollkommen bewusst,
dass der Alltag allein mir Lebenskräfte raubt. 
Oder ich bin nicht bei vollkommenen Bewusstsein
und zu unwillig, mich am Alltag zu beteiligen.

Eine Bekannte sagte heute zu mir: "Du wirst es nicht glauben: Mein Leben ist sowas von perfekt."
Gerne wäre ich in Neid versunken, doch dachte ich nur: Weißt du, was mein Leben perfekt machen würde? Meine Faust in deiner Analöffnung.
Natürlich ist meine Hand stupide um meinen Nacken gelegt. Das ist meine Art von Zuneigung, die keine ist.
Ich spiele ein Rollenspiel.
Trage eine Maske in der Form von Bedauern.

Zwei Vögel fliegen gegen ein Glasfenster.
Wer entscheidet eigentlich, dass nur einer leben wird?
Wer nimmt ihnen die Seele und wo wird diese hingetrieben? 

Meine Bekannte hätte sagen sollen: "Hey, du bist kein Vogel. Bitte wach' auf. Das war nur ein böser Traum."
Vielleicht wäre mein Leben dann auch perfekt. 

Sonntag, 1. September 2013

Beweisführung

Manchmal frage ich mich, ob es einfach die Beweggründe sind, die mich dazu bringen, mich umstandslos mit Menschen auseinander setzen zu wollen. Denn ich bin nicht auf der Suche nach Freunden, nicht bewusst, oder nach Gleichgesinnten. Tiegfründige Beziehungen sind nichts für mich. Auch suche ich nicht nach einem Mittel entgegen der Eintönigkeit in meinem Leben. Schon seit früher Kindheit wollte ich Menschen retten. Vor Erinnerungen, vor Schmerzen, vor Erniedrigung, vielleicht sogar vor mir. Doch geschafft habe ich es nie. Zu Mindest nicht bei Menschen, bei denen es einen entscheidenen Unterschied gemacht hätte.
Zum Beispiel wolte ich meine Mutter retten. Oft sagte man mir, ich sei ein kluges und starkes Kind. Aus diesem Grund habe ich meine Unfähigkeit, mein stumpfsinniges Glotzen, nicht verstanden. Anstatt ihr die Tabletten aus der Hand zu reißen, die Lügen aus ihren Mund zu wischen, die fremden Männer aus ihrer Sichtweite zu stoßen, sah ich einfach nur zu wie sie langsam zu Grunde ging. Genau wie mein Vater. Ich habe ihn Wunden einstecken und zufügen sehen, habe ihn saufen, rauchen, zerbrechen, sterben sehen - und war einfach nicht fähig, einen Schlussstrich zu setzen.
Mir ist bewusst, dass ich nicht jeden alles recht machen kann. Es ist vielleicht nicht meine Aufgabe, ihnen ein Leben zu schenken, welches mir verborgen blieb, doch ich kann mir selbst den Gedanken nicht verweigern: "So viele Menschen brauchen Hilfe. Wenn es doch nur eine Person gäbe, nur eine, die ich retten kann, wäre ein Sinn für Alles gefunden." Was natürlich Unsinn ist. Ich weiß.


Gestern habe ich mich wieder mit Herrn Opfer getroffen. Damit wollte ich den Ärger der zwei Date-Drahzieher entgehen und mir selbst beweisen, dass nicht alle Männer, mit denen ich mich abgebe, gleich sind. Wahrscheinlich bezeichnet man Treffen nicht als "nett", doch ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Außer "beängstigend", aber es gibt kaum Situationen, die mir keine Angst machen, deshalb zählt dies nicht. Mit viel Charm erzählte er von seiner Zeit als Student, was ich meist nur mit einem Nicken abtat. Ich war froh darum, dass er nicht zu viele Fragen stellte und einfach als Alleinunterhalter diente. Mir blieben die Worte schon im Brustkorb stecken.
Die Art wie sich seine Muskeln unter seinem Shirt bewegten, erinnerten mich an ihn. Was zu denken schon ein Unding ist, denn er sollte nicht mit solchen Monster verglichen werden. Richtig? Als wir dann in Richtung meiner Wohnung unterwegs waren, kämpfte ich mit den Tränen, denn die Wege, die man geht, scheinen sich ewig nur zu wiederholen und ich wusste, was kommen würde, obwohl ich natürlich gar nichts wusste, und gar nicht wissen konnte, was eigentlich passieren würde, weil er ist nicht er. Richtig? Mein Herz trommelte wie ein aufgescheuchtes Kaninchen. Fluchtinstinkte setzten sich in mir frei als das Beben meiner Glieder abebbte. Für eine Milisekunde habe ich wieder zu Gott gebetet und gesagt: "Bitte, Gott, bitte! Hilf' mir", und er hat nicht geantwortet. Was verständlich ist. Ich meine, was solle er denn auch machen außer, dass beweisen, dass er nicht er ist und mich im Ungewissen baden lassen.
Opfer redete von der Fünfprozentklausel bei Wahlen und lächelte. Er ist so lieblich atemberaubend, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagt. Ob dies der Beweis dafür ist, dass Psychologen letztendlich doch Recht haben? Immerhin haben sie nicht nur einmal angesprochen, dass unbehandelte Traumatas im Chaos enden. Meine Welt liegt bereits in Trümmern. Bisher hat das kein noch so gutes Gespräch oder noch so hochdosiertes Medikament geändert.

Wollt ihr wissen, wie der Abend geendet ist?
Mit dem Beweis, dass ich ein Stück Dreck bin. Denn indem ich ihm mit Oralsex wenigstens teilweise das gegeben habe, was er wollte, konnte ich mir beweisen, dass ich wenigstens für etwas gut bin. Wenn schon nicht dazu, Menschen zu retten. Ich wünschte mir, dass er danach einfach gegangen wäre - genau so wie er. Doch weil er kein Monster ist, hat er sich bedankt und mir mit einem Lächeln zum Dahinschmelzen eine Gute Nacht gewünscht. Und ich wünschte, er könnte mich hassen, dass ich ihn zu meiner eigenen Darstellung von Selbsthass manipuliert habe, doch stattdessen hasse ich mir selber, weil ich mit seinem Schwanz im Mund nur an ihn dachte und damit verdammt nochmal bewiesen habe, dass Menschen wie ich Abschaum sind und selbst gerettet werden müssten.
Bitt vergebt mir dafür. Bitte.