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Samstag, 12. Juli 2014

Borderline Persönlichkeitsstörung und Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

"Zu viel Gewicht darf man einer Diagnose nie geben, doch möchte ich Ihnen ans Herz legen, sich ein zu lesen. So kann man lernen sein Verhalten besser zu verstehen und einschätzen zu können.", ob dies die exakten Worte der Psychologen in der Klinik, in die ich damals eingewiesen wurde, kann ich nicht sagen. Die Grundaussage bleibt allerdings die Gleiche: Wissen kann zu Verständnis führen, muss aber nicht zwingend zu einem Ergebnis führen.

Eigentlich wollte ich mir nur einen Überblick verschaffen. Bisher war ich mit meinen Diagnosen ziemlich im Reinen. Dachte ich. Doch desto mehr ich mich in manche Thematiken einlese, desto unübersichtlich finde ich es nur. Prinzipiell wird jede aufkommende Frage durch Pauschalitäten und "Ausnahmen bestätigen die Regel" erklärt, schlimmer noch mit einer Breitfächrigkeit der Krankheitsmerkmale abgestempelt.
Die erste psychiatrische Diagnose, die ich jemals erhielt, war eine "Verdacht auf" Borderline-Persönlichkeitsstörung-Diagnose. Dann waren es ausschließlich Depressionen. Dann wiederrum eine Anpassungsstörung. Dann wieder Borderline, dann Panikstörungen mit Depressionen und andersherum, ...  
Bekannt ist es unter denjeningen, die schon länger meinen Blog folgen, dass Depressionen in verschiedenen Stärkegraden bei mir immer wieder eine Rolle spielen. Sowie natürlich die Angst-/Panikstörungen, die Dissoziationen und die umständlichen Essgewohnheiten. Zusammenfassend betitelte ein Professor meine Symptomatiken und Beschwerden mit "Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung".
Vor fast genau einem Jahr stellte ich euch den Ärztebrief einer Rehaklinik vor. Dieser fiel kurz und bündig aus, doch ab zu sprechen war dem nichts. Mein Psychologe hatte diese Diagnose so übernommen.

Dies sind die Diagnosekriterien einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, die ich aus dem Wikipedia-Artikel rauskopiert habe Der zweite Absatz zu jeder Nummer sind meine eigenen Gedanken zu dem Symptom wie ich es empfinde:
  1. Veränderungen in der Regulation von Affekten und Impulsen. (Depressivität, Umgang mit Ärger, autodestruktives Verhalten, Suizidalität, Störungen von Sexualität, exzessives Risikoverhalten)

    Dies klingt für mich natürlich sehr nach Borderline-Syndrom. Immerhin sind die Grenzen zwischen diesen beiden Diagnosen so fließend, dass man sie kaum auseinander halten kann. Als Laie, wie ich nun einmal einer bin, schon gleich gar nicht.
    In meinem Falle fällt exzessives Risikoverhalten wohl vollkommen weg. Der Rest kann in gewissen Situationen und Umständen durchaus zutreffen.
  2. Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein (Amnesien, zeitlich begrenzte dissoziative Episoden und Depersonalisationserleben.)

    Kann ich leider so übernehmen. Einzelheiten kann man teilweise in älteren Einträgen erfahren. Doch zu sehr um Details geht es gerade wohl nicht.
  3. Veränderung der Selbstwahrnehmung (Ineffektivität, Stigmatisierung, Schuldgefühle, Schamhaftigkeit, Isolation und Bagatellisierung, Verlust des Selbstwergefühls)

    Ineffektivität = langzeitarbeitslos, nicht im Stande einen Alltag zu führen, ..
    Stigmatisierung = "Ich bin so krank, ich kann gar nicht mehr leben. Ich weiß gar nicht, was das bedeutet, nicht krank zu sein."
    Schuldgefühle, Schmhaftigkeit, Bagatellisierung, Verlust des Selbstwertgefühls = Da quillt dieser Blog wohl über.
    Isolation = Keine Freunde außerhalb des Internets, selbst mit langen Bekannschaften kann ich nicht sprechen, Menschen machen mir prinzipiell Angst. Sie kennen mich nicht, ich kenne sie nicht. Kontakt zu Familienmitgliedern besteht sporadisch bis gar nicht mehr. Nur mein Bruder ist hier. Und für ihn bin ich eine Bürde.
  4. Veränderungen in Beziehungen zu anderen (Unfähigkeit zu vertrauen, Reviktimisierung, Viktimisierung anderer Personen)

    Vertrauen konnte ich noch nie fassen. Es gibt keine Person, der ich absolut alles preis gegeben habe. Gegenüber schon gar nicht. Immerhin blicke ich Menschen nicht einmal in die Augen. Zu groß ist die Schande der Vergangenheit, zu groß ist die Angst.
    Mich selbst als Opfer erklären, kann ich auch sehr gut. Und ob ich andere zu Opfern machen würde, kann ich nicht einschätzen. Es sind ja keine Vertrauten vorhanden, an denen man es "testen" könnte. Dafür habe ich allerdings auch kein Interesse. Eigentlich möchte ich nicht, dass Menschen sich so permanent schlecht fühlen wie ich. Wieso sollte ich ihnen das antun? Unter Umständen würde ich aber unbeabsichtigt.
  5. Somatisierung

    Chronische Rücken- und Schulterschmerzen. Es gibt immer wieder kleine bis große Wehwehchens, jedoch können die auch andere Ursachen haben. Chronisch schlechter Gesundheitszustand des Körpers wäre ein bisschen zu allgemein, oder?
  6. Veränderungen von Lebenseinstellungen (Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Verlust früherer stützender Grundüberzeugungen)

    Und dies ist der Punkt, der mich ein wenig stutzig macht. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ist überzeugend genug, doch ich glaube.... wenn ich so darüber nachdenke.... ich hatte nie eine Grundüberzeugung, die mich stützend durch das Leben tragen konnte. Es gab nie wirklich großartige Träume und Ziele, die ich mir gesetzt habe, um in eine Zukunft zu blicken.
    Vielleicht passt deshalb die Borderline-Diagnose besser zu mir. Es gab kein einschneidenes Erlebnis, dass als alleiniges Trauma Auslöser der Persönlichkeitsstörung von Außen gesetzt werden könnte? Es war eher ein andauerndes Wiederholungsleben in der Hölle - mit verschiedenen Hauptollen, verschiedenen Prinzipiel und Triggern.

Neulich bei der Blutentnahme schrieb mein Arzt mir eine Überweisung an die innere Medizin zur Untersuchung der Schilddrüse. Unbegründet verängstigt verließ ich die Praxis und musste stocken als ich die Diagnosenschlüssel auf dem Schein sah:






Angst und Depression, gemischt - gut, ist verständlich. Und plötzlich doch emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Typus Borderline? Wann hat sich das denn wieder geändert? Hab ich schon wieder was verpasst?
Nicht, dass dies einen großen Unterschied für die Lithiumtherapie machen würde. Doch nach einem Chat mit Maru entschloss ich mich doch dazu, mich etwas genauer in die Thematik ein zu lesen. Natürlich möchte ich nicht jegliche Kleinigkeit auflisten, die ich jetzt gelesen habe, doch wie oben sind folgendes die Kriterien, die ich von dieser Seite kopiere:


  1. Der Betroffen will nicht alleine sein, will tatsächliche oder vermutete Trennungen vermeiden (Klammerndes Verhalten)

    Dies ist ein Punkt, mit dem ich mich überhaupt nicht einleben kann. Manchmal kommt es mir so vor, als würde genau das Gegenteil der Fall sein: Durch mein Misstrauen stoße ich Menschen regelrecht von mir weg. Auch wenn es weh tut, einen Menschen ziehen zu lassen, weiß ich doch, dass dies das Beste für sie ist - ich bin ein überfordernder, anspruchsvoller Umgang. Am Wohlsten fühle ich mich allein vor dem PC. Da ich "reale" Freundschaften nicht pflege(n kann), macht es dies auch schwer, eine klare Aussage zu fassen. Prinzipiell würde ich behaupten, ich bin nicht schizoid, aber auch nicht am Boden zerstört, wenn ich ausschließlich Kontakt mit Menschen im Internet pflege und keinen Menschen aus Fleisch und Blut an meiner Seite habe. Alte Arbeitskollegen schätze ich, aber wir sehen uns ... alle 2-3 Monate für ein paar Stunden, schreiben ab und an Nachrichten - wahrscheinlich eher aus Pflichtgefühl. Meine beste Freundin lebt in einer anderen Stadt. Verlieren möchte ich sie sicher nicht, aber tiefenfundiert ist unsere Beziehung sicher auch nicht.  Herr Opfer ist ein herzensguter Mensch, doch bis auf Mailkontakt und "Bettwärmer"-Kontakt steht nichts zwischen uns. Mit dem Alleinsein kann ich wohl gut umgehen. Oder besonders schlecht. Das kann man jetzt sehen, wie man mag.
  2. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zwar intensiv, aber auch sehr instabil, Hass und Liebe wechseln sich häufig ab.

    Mmmhhh.... dies hört sich wohl fragwürdig an, aber ich glaube, ich hasse keinen Menschen. Egal, was passiert ist. Klar bin ich ab und an wütend als Reaktion auf eine Aktion, doch ich hasse Niemanden. Nicht meinen Cousin, nicht meine Mutter. Meinen Vater.
    Traurig ist, .... also... ich glaube, ich liebe auch keinen. Mein Bruder steht mir am nähsten. Ich bin dankbar für seine Aufopferung, aber ich denke nicht, dass dies Liebe ist. Eigentlich kenne ich Liebe nicht in zwischenmenschlichen Beziehungen. Das wiederrum könnte der Grund sein, warum ich eigentlich keine zwischenmenschlichen Beziehungen habe. Es wird sich eben schnell auseinandergelebt, wenn man keinen Ich-Kontakt zu der anderen Person aufbauen kann.
    Die Angst hält mich davon ab, Männer in mein Leben zu lassen, die ich nicht "kenne". Anfassen ist nicht im Rahmen der Möglichkeit. Also wahlosen Sex habe ich auch nicht, weder intensiv, noch anders.
  3. Der Betroffene hat eine gestörte Identität. Er hat eine gestörte Selbstwahrnehmung.

    Ja. Wie oben bei der posttraumatischen Belastungsstörung genauer beschrieben. Prinzipiell habe ich keine Identität, was bei der Diagnose Borderlin fast immer gegeben ist.
  4. Der Betroffene ist sehr impulsiv. Er lebt oft ohne Rücksicht auf Verluste.

    Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, alles bis ins kleinste Detail zu planen und jegliche Konsequenzen vor meinem Handeln ab zu wägen und durch meine Angst zu intensivieren.
    Sogar ein Einkauf kann nicht spontan stattfinden. Der muss mindestens ein Tag vorher geplant sein, sonst traue ich mich nicht vor die Tür.
    Ich missbrauche "nur" in äußerster Not Tabletten. (Mit Not meine ich entweder, ich dissoziere, halluziniere oder bin so deprimiert, dass ich keine anderen Ausweg sehe.) Alkohol und Drogen konsumiere ich nicht. Mir kommen die Tränen im Angesicht an den Gedanken, was Alkohol und Sucht aus meiner Familie gemacht hat....
    Naja, ich würde auf jeden Fall nicht zwingend behaupten, ich wäre impulsiv.
  5. Der Betroffene droht mit Selbsttötung und Selbstverletzung

    Ihr lest ja meinen Blog. Die Frage ist also schnell beantwortet.
  6. Der Betroffene ist auffällig unausgeglicht und instabil. Häufig sind auch Angst undReizbarkeit und depressive Stimmungen zu bemerken. Diese Stimmungen sind jedoch nur kurz vorhanden.

    Ermmm.... jetzt brauche ich die Definition von "kurz". Meine Depressivität trage ich seit der Kindheit mit mir herum. Die Angst auch, doch so intensiv wie jetzt hat es sich wohl erst in den letzten fünf Jahren entwickelt.
    Unausgeglichen bin ich wohl in dem Sinne, dass ich eigentlich immer einen tristen Gemütszustand habe und selten ein Hoch. Mich kann man allerdings schon reizen - doch ich reagiere darauf nicht mit Aggression, sondern stets mit Flucht.
  7. Der Betroffen fühlt sich leer und ihm ist langweilig.

    Bin ich die Einzige, die diese Aussage als etwas gegensätzlich betrachtet? Wer tatsächlich diese füllende Leere fühlt, hat gar kein Konzept mehr für Langeweile. Aus meiner Sicht. Manchmal fühle ich mich so vom Nichts konsumiert, dass ich mir wünsche, ich würde Langeweile noch spüren können.
    Ist dies eher dem schwarzen Loch der Depressivität ein zu ordnen? Bin mir nicht sicher. Hinter Leer steht auf jeden Fall ein Häckchen. Gegen gelegentliche Langeweile hätte ich nichts.
  8. Der Betroffene kann seine starke Wut nicht unterdrücken.

    Diese Aussage finde ich zweideutig, wenn man gerade von "innerer Leere" gesprochen hat. Dieses Gefühl leblos und willenlos zu sein, beinhaltet doch auch, nicht in der Lage zu sein, Wut zu spüren.
    Ich gehe einfach davon aus, dass man hier von angestauter Wut spricht, die dann vulkanartig herausbricht: Das könnte nach einer bestimmten Dauer durchaus bei mir passieren. Aber ich bin Meister im Unterdrücken von allen Unannehmlichkeiten. Ich schreie nicht, bedrohe niemanden, schlage nicht auf Dinge ein oder muss mir Frust sonst "ausschwitzen" bzw. "abarbeiten". Für mich ist die Existenz oft so sinnlos, dass ich selbst keine Kraft dafür aufbringen kann. Offen gestanden, ... ich würde gerne wissen, wie man sich nach einem Wutanfall fühlt. Besser? Erleichtert?
    Aufkeimende Wut stürzt in meinem Fall eher in Traurigkeit ab. Aber ich sage niemals nie.

  9. Der Betroffen misstraut phasenweise jedem.

    Immer. Sogar meinem Bruder.

So - nun bin ich dem Wunsch der Therapeutin gefolgt und habe mich eingelesen. Doch war ich vorher klüger. Wie soll ich es deuten, dass ich mich in der gesichterten Diagnose eines kompetenten Arztes nicht wieder erkennen kann? Oder nicht ausreichend. Ach, ich bin verwirrt. Klar, es muss nicht jedes Kriterium wie angegossen passen und es gibt immer Ausnahmen. Doch aus vollkommen unprofessioneller Sicht wirft es Fragen auf.
Die Schlüssel auf einen Zettel sind nicht ausschlaggebend. Und wenn ich es mir im Überblick anschaue, denke ich, dass gerade diese zwei Krankheiten sehr ineinander verschwimmen und nicht so einfach getrennt werden können. Traumate liegen in beiden Krankheitsbildern vor, wann und in welcher Form ist dabei nicht entscheidend.
Nur zur Wahl der zukünftigen Behandlung, sprich Therapieform, ist die Diagnose ausschlaggebend. Wahrscheinlich werde ich meinen Psychologen darauf ansprechen.

Kommentare:

  1. ne, also sorry aber desch is mir zuviel fachchinesisch-.- das is au'n punkt der mir an wissenschaften zu wieder is, jede disziplin versucht sich durch ihr eigenes sprachgerüst abzugrenzen und seine berechtigung zu begründen - lieber ergebnisse denn worte, wär mir wichtig.
    dass du da widersprüche o.Ä. gefunden, verwundert mich ne.. diagnosen sind ja kein kartoffelsack.. trotzdem nehm es ernst und versuch dich weiter auf demw eg der normalisierung, zu viel is au ne gut, klar, aber ein bisschen muss einfach zur gesellschaftsintegration sein, weil es eben die vorraussetzung für arbeit etc is und da muss man dann scho au seinen stealth-anzug zeitweise ausziehn ;) toitoi..

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  2. schwierig. wirklich schwierig.
    auf der einen seite, ist es gut zu wissen, was in einem vorgeht und sicherlich ist es auch gut, wenn man weiß, warum man in bestimmten momenten so handelt, wie man gehandelt hat aber auf der anderen seite ist unwissenheit manchmal einfacher. einfacher weil man sich nicht konsequent selbst an- und vielleicht über analysiert. an deiner stelle würde ich wohl versuchen, mir nicht so einen kopf darüber zu machen, wie genau die störung heißt, sondern mich eher darauf konzentrieren, besser damit umgehen zu können. (soll keine kritik sein, nur ein vorschlag :D)

    ich wollte mich über diesen weg nochmal für die lieben worte von dir bedanken. leider musste ich den post erstmal zurück in den entwurfsmodus stellen, da ich glaube, ein bekannter hat heute morgen meinen blog gefunden. unangenehm.
    da es ein austauschprogramm an einer anderen uni ist, kann ich den aufenthalt leider nicht verschieben... aber du hast recht, vielleicht wird es eine ganz gute beschäftigungstherapie. hab noch einen schönen samstag ♥ ps wo warst du in japan?

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  3. Das ist so ein schwieriges Thema. Ich habe ja auch die Borderline-Diagnose und einige Punkte treffen definitiv auf mich zu, andere aber wiederum nicht (vor allem bezüglich Hass, starker Wut und impulsivem Verhalten). Mir wurde mal eine gemischte PS diagnostiziert, emotional-instabil und zwanghaft-perfektionistisch. Ich glaube das trifft es am ehesten. Ich denke die zweite Störung habe ich entwickelt um die erste zu kontrollieren. Oft klappt das sogar und deswegen bin ich eben nicht "typisch" BPS. Ich habe sowieso Probleme damit Menschen in solche Schemata einzuteilen... Wahrscheinlich handelt es sich bei dir auch um eine Mischform. Ich glaube eigentlich hat Mademoiselle Claudelle recht. Wir sollten uns nicht so auf unsere Diagnosen versteifen (du siehst, du bist nicht die einzige^^), sondern sie eher als Tendenz sehen... Im Endeffekt sind das ja alles nur Vereinfachungen, die dem Arzt helfen sollen eine Behandlung/Therapieform zu finden. Ich hoffe wirklich, dass dir die Lithium-Therapie (ein bisschen) hilft! Du bist ein bewundernswerter Mensch!

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  4. ich finde diesen post irgendwie besonders interessant - grundsätzlich hätte ich allerdings erstmal eine frage an dich, auch ganz unabhängig von dem, was im zweiten abschnitt meines kommentars geschrieben wurde: kennst du die art des "schwarz/weiß"-denkens? also, dass du etwas (sei es du, andere menschen, sachverhalte, gegenstände, etc) entweder als "supergeil" oder als "verfickt beschissen" siehst? oder changiert das bei dir, dass du auch etwas "es ist schon ganz okay" oder "puh, schon kacke, aber naja" finden kannst? oder stagniert bei dir dieses empfinden komplett, und du kannst sachen rein gar nicht einordnen?

    was ich nämlich, zwar doch als laie, aber als betroffene borderlinerin vermute, ist, dass die komplizierte ptbs um einiges besser "passt". damit meine ich nicht, dass man menschen direkt in irgendwelche schubladen voll mit irgendwelchen "krankheitstypischen tendenzen" steckt; sie aber viel mehr studiert und daher rausfindet, zu was ein mensch eher neigen könnte und was - wie du sagst - die sinnigere therapie sein könnte.
    ein grund dafür ist unter anderem exakt die sache mit dem extremen abwerten/idealisieren von beziehungen bzw. allgemein mit beziehungen, und auch die sache der völligen leere und der starken, unkontrollierbaren wut. (ich würde übrigens auch niemals von langeweile sprechen, was die leere angeht - das sind ja mal zwei VÖLLIG andere dinge, seriously. stimme dir da völlig zu!!)
    der punkt ist, dass ich die erfahrung (bei mir und bei den 2-3 betroffenen, die ich in meinem leben kennengelernt habe) gemacht habe, dass borderliner sehr oft (NICHT immer) dazu neigen, sich aus fehlender eigenidentität an menschen zu klammern. das kann sich in verschiedenen stadien äußern; es muss gar nicht direkt zwischenmenschlich sein, es kann auch ein extremes fan-sein sein, z.b. sich selbst unbedingt wie sailor moon zu gestalten und wie sie zu sein oder so (haha, ich hoffe, du verstehst was ich meine!). das kann in verschiedenen art und weisen geschehen, vielleicht interepretiert dein psychologe deine gute beziehung mit deinem bruder als ein solches klammern. ICH tue das nicht; zudem du a) dir selbst deines lebens bewusst bist und b) er vermutlich diesen eindruck hat, weil du, wie ich oft hier gelesen habe, deinen bruder für dich sprechen lässt (quasi als "ausdruck deiner identität"). ich sehe da andere gründe, warum du das tun lässt, und DIE haben wiederrum - überraschung - sehr viel mit den diagnosekriterien für die komplizierte ptbs zu tun. die punkte 2,3,4 und 6 sehe ich da. ein extremes klammern an jegliche art von mensch sehe ich an sich nicht... aber das ist auch nur mein subjektiver eindruck, nicht vergessen.

    was die sache mit wut/leere angeht - sehr starke, dauerhafte leere kann auch von starken depressionen hervorgerufen werden; ebenso wie ein plötzlicher gefühlsausbruch, weil das für die synapsen im gehirn in dem moment einfach zu viel ist. -- was allerdings in dieser diagnose-geschichte vorallem gemeint ist, ist ein rasanter und regelmäßiger wechsel zwischen beidem! in akutphasen kann es durchaus sein, dass man über mehrere tage hinweg nur einen mix aus leere und hass empfindet, hass auf ALLES, auf JEGLICHES, selbst auf irgendeinen beschissenen krümel auf dem boden. man rastet völlig aus, ist nicht herr seiner sinne - und zwei minuten später liegt man da, und empfindet nicht einmal das liegen selbst. es ist ein bisschen mit dem wechsel zwischen manie und depression zu vergleichen, nur dass es viel schlimmer ist. (fortsetzung folgt)

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    1. ich werfe deinem therapeuten keine unprofessionalität vor, jedoch kann ich mir gut vorstellen, dass er auch etwas zwischen beidem schwankt und dich vermutlich deshalb mehr in die ecke borderline schiebt, weil du, leider, erfahrungen mit SVV hast. es ist ja im grunde nicht "typisch" für die ptbs - aber z.b. für angst, depressionen und identitätlosigkeit durchaus.
      ich könnte noch unglaublich viel mehr schreiben, was diesen post angeht, aber ich sprenge hiermit schon deutlich den rahmen. ;) vielleicht hilft dir das, selbst etwas klarheit zu gewinnen, was dich angeht. ich bin normalerweise nicht gerne ein mensch, der irgendwelche diagnosen etc pp auseinanderklamüsert, aber bei dir erschien es mir sinnig, zudem ich denke, dass du eine sehr intelligente junge frau bist, die klarheit verdient hat. pass auf dich auf.

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    2. Danke für diesen aufschlussreichen Kommentar. Werde mich jetzt mal methodisch durch die Fragen abarbeiten:

      Schwarz-Weiß-Denken ist bei mir eher weniger vorhanden. Persönlich schob ich es auf die Depressionen, doch meine Ansichten, egal, ob auf mich, andere oder anderes bezogen, sind fast durchweg düster.
      Als ich meinen Bruder die Frage stellte, wie er mich einschätzen würde, behauptete dieser das Gleiche. Er ging soweit, zu sagen, dass für mich alles eine graue Welt ist, da gibt es keine Farben mehr.

      Für mich ist die Diagnose an sich nicht wirklich der ausschlaggebende Punkt. Nur wird man ja von Ärzten und Therapeuten anders eingestuft und unter Umständen auch auf Dauer für unfähig erklärt, obwohl es durch andere Therapiemethoden bessere Aussichten geben könnte. Wenn mein Psychologe mich eher in eine DBT stecken würde, obwohl die Grunddiagnose nicht zwingend passen würde, wäre das zwar kein Beinbruch, doch könnte sich der Gesamtprozess weiter nach hinten schieben. Das ängstigt mir zugegeben schon. =(

      Ich möchte dir ein absoluten Dank für den Hinweis mit meinem Bruder aussprechen. Diesen Ansatz habe ich bisher übersehen. Wirklich! Herzlichen Dank! "Ausdruck deiner Identität" ist nicht nur wörtlich perfekt beschrieben, doch schätze ich meinen Psychologen so ein, dass genau dies zutrifft.
      Mich wunderte nur der prompte Wechsel der Diagnose. Zudem sich mein Verhalten nicht maßgebend geändert hat, seitdem ich damals mit dem Professor sprach. Aber nun ja, erst Ende des Monats habe ich wieder eine Sitzung. Wenn sich auf meine Fragen etwas interessantes entwickelt, werde ich es euch auf jeden Fall wissen lassen.

      Vielen herzlichen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Du hast mir wirklich geholfen. =)

      Liebee Grüße

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  5. Liebe Emaschi,

    ich selbst hatte vor 2 Jahren, als ich in der Psychiatrie war auch einen Verdacht auf Borderline am Hals. Naja, um genau zu sein meinten mein Oberarzt und meine behandelnde Ärztin, dass sie nach einem Tag schon sagen können, dass ich das ganz sicher habe. "Experten" am Werk also. Der Chefarzt der Klinik ist mein ambulanter Psychiater gewesen (und ist es immer noch) und ihm habe ich es zu verdanken, dass diese Diagnose es nie endgültig in meine Arztbriefe geschafft hat.

    Es ist absurd. Wenn es einem schlecht geht, reagiert man anders, als im Normalzustand. Depressionen führen zu Verhaltensmustern, die untypisch sind. Ich glaube eine Persönlichkeitsstörung kann man nicht so einfach diagnostizieren. Ich habe damals auch alle Symptome durchgelesen und habe mir sehr ähnliche Gedanken wie du dazu gemacht. Wenn man in so vielen Dingen uneins mit der Beschreibung ist, dann ist es meiner Meinung nach einfach eine Fehldiagnose.

    Aber das Ganze anzusprechen ist in jedem Fall eine gute Sache. Eventuell hast du die Diagnose auch nur aus versicherungstechnischen Gründen bekommen. Vielleicht gab es mit PTBS Probleme, noch Therapiesitzungen zu bekommen oder so ähnlich?

    Aber mach dir bitte nicht zu viele Gedanken. Du bist nicht deine Diagnose. Wenn sie sehr gut gestellt ist, ist die Diagnose maximal ein sehr verpixeltes Abbild von dir. Die Details und Feinheiten wirst du da nie wiederfinden. Du bist mehr als das!

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