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Samstag, 30. August 2014

Die Schmerzen wandern, doch sind unaufhörlich

Zu sagen, dass ich mich derzeit zimperlich anstelle, ist wohl untertrieben. Nur kann man nicht immer steuern, wie man Empfindungen aufnimmt, nicht wahr?

Seitdem der Orthopäde meine Wirbelblockaden gelöst hat, ist der Schmerz im oberen Bereich des Rückens merklich zurück gegangen. Inzwischen fühlt es sich an wie ein andauernder, extrem einschränkender Muskelkater. Obwohl ich mich sehr bemühe, jeden Tag außerhalb der vier Wände Bewegung zu kriegen, hält mich die Angst doch ziemlich oft davon ab. Es ist sehr motivierend, wenn man sich selbst im Weg steht. Bisher habe ich es auch noch nicht geschafft, Termine bei einer Physiotherapiepraxis aus zu machen. Lange habe ich nicht mehr Zeit. Soweit ich informiert bin, verlieren ärztliche Verordnungen nach dem Quartal der Austellung ihre Gültigkeit. Wenn man also mit einbezieht, dass ich eine Woche nicht in der Gegend sein werde, bammelt es mir jetzt doch schon.
Ein Seufzen entrinnt. Zu mehr bin ich gerade nicht in der Lage. Wie erbärmlich sich dies anhören muss.

Die Unterleibsschmerzen betreffend ist auch nichts weiter gekommen. Sie kommen und gehen wieder, wahrscheinlich recht typisch für diese Art psychosomatischen Schmerz.  Desto panischer ich werde, desto quälender wird das Stechen im Unterbauch. Da sie aber momentan nicht da sind, versuche ich die "freie Zeit" einfach zu genießen.

Besonders störend empfinde ich das Einschleichen meiner Medikamentation. Störend ist auch noch ziemlich vorsichtig formuliert. Ständig wird mir schwarz vor Augen, meine Hände weisen einen leichten Tremor auf, meine Gelenke kann ich kaum bewegen, da sie sich steif anfühlen und - wahrscheinlich - durch ständiges Erbrechen verliere ich viel Flüssigkeit und habe ein paar Kilogramm abgenommen. Wobei ich die letzte Nebenwirkung als nicht all zu sehr tragisch erarchtend würde, wäre es nicht durch Wasserverlust. Höchstwahrscheinlich ist dies die letzte Dosissteigerung des Lithiumcarbonats, dann dürfte es "richtig eingestellt" sein. Gestern war es soweit, dass ich anfing einem Medikament zu drohen. Bei der Annahme meinte ich ermahend zur Verpackung: "Wehe, die ganzen Unannehmlichkeiten sind umsonst und du wirkst letztendlich nicht." Ja, ich bin mir sicher, die Pillen haben vor Angst gebibbert - natürlich könnte dies aber nur von dem Zittern der Hände stammen.
Neu hinzu kommen die Hormontabletten plus Selentabletten, die gegen die Unterfunktion der Schilddrüse wirken. Beim Internisten wurde vorsorglich eine Untersuchung der Schilddrüse aufgrund der Lithiumeinnahme vorgenommen. Dort wurde aus diesem Grund eben mehr oder weniger zufällig die Autoimmunkrankheit Hashimoto diagnostiziert. (Bei der Erkrankungen erkennt der Körper die Schilddrüse fäschlicherweise als Fremdkörper an. Lymphozyten, die weißen Blutkörperchen, zersetzen diese dann von Drüsengewebe in Bindegewebe, was erstmals zu einer dauerhafte Entzündung der Schilddrüse führt, diese aber auch nach und nach "abbaut".)
Folglicherweise werde ich wohl den Rest meines Lebens Schilddrüsenhormone schlucken müssen, was an sich nicht das Problem ist,... denke ich. Zum Einschleichen natürlich mit der kleinsten erhältlichen Dosis angefangen, fühle ich mich trotz dessen elend. Tatsächlich fühlt es sich nach drei Tagen der Einnahme so an als würde der Körper gegen eine Entzündung kämpfen ohne typische Ekältungssymptome. Für mich ist dies schwer zu erklären: Ich hab kein Husten, kein Schnupfen, nur leicht erhöhte Temperatur, doch dieses Drücken im Kopf, dieses Schwächegefühl und übermannende Müdigkeit. Am unangenehmsten sind aber die Halsschmerzen. Merkwürdigerweise habe ich keine Schluckbeschwerden im "Inneren" der Kehle, wie eben bei einer Grippe, sondern eher wie krampfende Muskeln. Wisst ihr, was ich meine? Tut mir leid, wenn ich gerade nicht herüber bringen kann, was ich genau meine. Es tut weh und das bei gerade mal 25 Mikrogramm. Aussage getroffen.



Ansonsten sind mein Bruder und ich heute Abend eingeladen mit drei früheren Arbeitskollegen Essen zu gehen. Offen gestanden.... nun... das kommt wohl nicht als Überraschung: So wirklich freuen kann ich mich bisher nicht. Samstags sind Restaurants überfüllt und jeder bringt auch noch seinen Freund/Freundin-Gatten/Ehefrau mit, was die Sozialphobie nicht gerade verringert.
Mir ist aufgefallen, dass ich mit Ausnahme von meinem Bruder und meinem Therapeuten mit keinem Menschen gesprochen habe seitdem ich beim Orthopäden war. Hoffentlich schaffe ich es dort. Möchte ja niemanden das Essen versauen.
Auf jeden Fall habe ich mir aber vorgenommen, mich mal wieder zurecht zu machen. Das wird bei meinem Gemütszustand und körperlichen Beschwerden sicher ein herrlicher Spaß... 
Wieder kann ich nur seufzen.

Freitag, 29. August 2014

Unfrankierte Postkarten: Musiklehrerin auf dem Gymnasium

Liebe Frau W.,

harte Schale, weicher Kern: So heißt es doch. Bitte glauben Sie mir meine aufrichtige Überraschung als ich erleben musste, dass es auch andersherum sein kann. Wäre dieses kindlich-naive Urvertrauen in mir damals nicht wachgerüttelt worden, hätte es weniger Tränen gegeben. Sie versprachen Erleichterung der Gesamtsituation, ich erwartete nichts und bekam Schmerzen, die den Irrsinn meines Alltags überbaten. Nämlich den Zorn meines Vaters.
Warum Sie mir nicht glaubten, dass sie sich besser nicht einmischen sollten, weiß ich bis heute nichts. Vielleicht verbarg sich hinter ihrer freundlichen Fassade Unvernunft, oder Schadenfreude. Wer weiß? Womöglich auch Ressintiment. Was auch immer die Beweggründe waren, ich warte noch immer auf etwas ähnliches wie eine Entschuldigung.
Sicherlich ist mir bewusst, dass diese niemals kommen wird. Womit wir beim springenden Punkt wären: Sie haben mich an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vergessen und ich lebe noch heute mit der Erinnerung.

Unwahrscheinlich ist es nicht, dass manche Menschen nicht gerettet werden können. Zu diesem Zeitpunkt sage ich das in Bestätigung, nicht mehr mit der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit eines Kindes/Jugendlichens. Lehrreicher wäre es für ihren Part und meinen Part gewesen, wenn Einsicht vorhanden gewesen wäre und Sie mir diese vier kleinen Worten entgegengebacht hätte. "Es tut mir leid", ob es nun so gemeint gewesen wäre oder nicht. Wenigsens hätte ich dann gewusst, dass Konsequenzen unvermeidlich sind, es jedoch Menschen gibt, die ihre Taten bereuen.
Eiskalt abserviert behandelten Sie mich als ich nach einer Woche "Krank" wieder zur Schule kam. Würdigten mich keines Blickes als wären Sie erbaut aus Mauern aus Schnee. In diesem Falle lagert sich Fleisch nicht länger als im Kühlschrank: Die Barmherzigkeit in ihrem Herzen war verrottet.

Aus den Tiefen meiner irgendwo versteckten Seele heraus wünsche ich Ihnen, dass Sie die Stahlträger in Ihrem Rückgrat loslösen konnten, um das Eis in Ihnen ab zu kratzen.
Übrigens: Noch immer bin ich der Meinung, dass man Monteverdi und Vivaldi nicht miteinander vergleichen muss, nur weil es zwei Italiener waren. Ihre Musik hat so gut wie gar nichts gemein, das kann ihre Nationalität auch nicht mehr retten.

Liebe Grüße
Emaschi

Donnerstag, 28. August 2014

Bahnhofsschreck

Somit wären mir auch die Ausflüge zum Bahnhof vermiest worden:
Während ich Minute um Minute den ein- und ausfahrenden Zügen entgegenblickte, merkte ich die Anwesenheit drei junger Männer. Ich bemerkte wie sie zu mir herüber schauten und sich gegenseitig Floskeln entgegen brachten. Schnell und ohne weiter nach zu denken packte ich meine Rucksack und drehte mich Richtung Rolltreppe; ein Blick zur Seite - hunderte Menschen waren da, auch Aufsichtspersonal - doch die Panik verringerte dies kaum.
Sie fingen mich an und lächelten. Mein Herz raste wie wild und ich wusste, dass ich nur Dank der Wirkung des Lorazepams gerade keine ausgewachsene Panikattacke hatte. Ihr Münder bewegten sich unentwegt, doch ich verstand nicht, was sie sagten. Wortlos wandte ich mich ab und ging los.
Auf den Tritt genau folgten sie mir. Angsteinflössend wirkten sie, obgleich sie wohl keine böswilligen Intentionen hatten. Es flogen Nachfragen um mich herum: Irgendwas mit Handynummern, Dates, Spaß haben und "den schönsten blauen Augen".
Ich ging weiter, hinterließ ihnen die Aussage, dass ich einen festen Freunden an meiner Seite hätte. Natürlich war das nicht war. Offen gestanden empfand ich es als Erleichterung, dass sie von mir abließen, ein kleiner Teil in mir war überrascht. Enttäuscht sogar, dass die drei einem nicht anwesenden Mann mehr Respekt gebührten als meinem offensichtlichen Desinteresse.

Nach Hause ging ich zitternd und ausgewühlt.

Gedankenangst + Unterteilung der Labels ändern?

Die roten Linien auf dem Körper bedeuten Angst.
Die krumme Haltung bedeutet Angst.
Das Zittern der Hände und der abgewandte Blick bedeuten Angst.
Derzeit - so scheint es - bedeutet meine Exitenz Angst.
Medikamente werden mir helfen, denn ich sei "so viel mehr wert als ich glaubte".
Mir ist kalt und schwindelig. 
Inzwischen wusste ich keine Antworten mehr auf seine Fragen, so schwieg ich. Woraufhin er wissen wollte, wie er mir helfen könne, wenn ich kaum ein Wort mit ihm wechsel. Offen gestanden, es ist nicht so als hätte ich mich dies nie gewundert - und nicht nur auf meine Therapie bezogen.
Lose Zielsetzungen und luftige Wunschvorstellungen, ich bin es allein, die mich krank macht. Obwohl ich so nicht denken sollte, denn es gibt ja immer Umstände, Beweggründe, Hintergründe.
Gesetzt dem Falle ich werde nie meinen Mund öffnen, gibt es noch Hoffnung?
"Es gibt immer Hoffnung"
Nur wo?

"Schuld an etwas haben ist nicht gleich zu setzen mit Schuldgefühlen", irgendwie macht es Sinn, doch irgendwie kann ich selbst nicht fassen, was mich so ungreifbar macht. Es tut mir leid, das wollte ich sagen. Doch wenn man dies zu oft wiederholt, verliert es an Bedeutung.
Donner in der Magengegend, Nadeln im Rücken - inmitten von Kontrast, Tiefe und Emotionen.
"Möchtest du denn alles überdenken?", fragt er nun. Noch immer nicht entnervt, doch zwei Fingerkuppen davon entfernt. Ein gebrochenes Herz kann man nicht analysieren, wenn es am Ärmel der Jacke umhergetragen wird. Man kann es mit einem Stock anstupsen und darauf warten, dass man es schlagen sieht. Den Rest würde ich ein Ende in Angst nennen.

~ + ~

Das Label "Gedankenfetzen" wird doch sehr, sehr voll. Hat jemand eine Idee, welches Unterteilung noch angebracht wäre? Oder passt es so wie es ist?
Zuerst dachte ich daran, meine Angst-Posts einzeln zu benennen, allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ich nicht so gut wie jeden Eintrag in die Kategorie einordnen könnte.

~ + ~

Eine neue Umfrage ist da. Wem noch eine Änderung einfällt, kann sie gerne schrieben. Sollte eine für euch wichtige Musikrichtung fehlen, würde ich sie hinzufügen - wenn das überhaupt möglich ist.
Ansonsten viel Spaß beim Voten! =)

Mittwoch, 27. August 2014

Wortwahl

Manchmal kommt es eben auf die Wortwahl an.
Ob tatsächlich begründet oder nicht, wenn mein Bruder zu mir sagt "Du bist genauso seltsam wie alle Anderen auch", wie immer das auch gemeint ist, bin ich bestürzter als hätte er gesagt "Du bist genauso seltsam wie wir alle."
Das 'wir' hätte wenigstens zu einer dazugehörigen Gemeinschaft gesprochen. Während 'alle anderen' die Ansicht jeglicher Individuen verzeinzelt und herabsetzt, missbilligt sogar.

Ja, so kleinlich bin ich und ich könnte sogar weiter gehen, doch dies zu teilen wäre selbst mir zu peinlich.Wütend bin ich allerdings nicht. (Das wollte ich nur erwähnen, weil alle immer denken, ich wäre so schnell zu erzürnen, weil ich eine Borderlinestörung neben meinen Namen stehen habe.)

Dienstag, 26. August 2014

"Bitte bring mich nicht nach Hause" (Triggergefahr!)

(Könnte triggern! Obwohl ich prinzipiell nie ins Detail gehe, bitte nicht lesen, wenn dich häusliche Gewalt und sexuelle Themen triggern könnten!!)


Mit großen braunen Kulleraugen sah sie mich an. In der Trugwelt der Reflektion ihrer Iris schimmerte es nicht mehr. Mit künstlich leiser Minaturstimme flüsterte sie: "Bitte bring' mich nicht nach Hause", und meinte: 'Ich habe kein zu Hause, an dem man mit keine Predigen hält. Kein zu Hause, an den man mir nicht vorschreibt, was ich zu tun habe, weil andere Menschen es tun, oder eben nicht.' 
Geschrieben stand dies auf ihrer Haut, auf dieser endlichen Karte blauer Tinte mit Namen, Symbolen und Einsamkeit. Nicht, dass ich nie das Gleiche gefühlt hätte - dieses Gefühl des unmittelbaren Ausgeliefertseins. Die Wand hinter der Tapete. Man wird nicht klüger daraus, doch möchte ich auch nicht den Dreck aus diesen Wort heraus schütteln. Immerhin lebt man weiter, obwohl es angenehmer wäre, man würde dies auch wollen. In meiner Erinnerung flackern Bilder auf, die ich liebe vergessen würde. Wenn man an so etwas nicht denken will, schafft man es gleich gar nicht, davon zu sprechen. So gehen wir den Parkweg entlang.
"Manchmal würde ich gerne fliegen", öffnet sie ihren Mund erneut. Als wäre es dort ein leichteres Gefühl als hier. Glaube jedoch stärkt, aus diesem Grund sage ich lieber nichts. "Wie ein Blatt im Wind." 
Ihr Gesicht verzehrt sich zu einer schmerzerfüllten Miene, subtil, doch unübersehbar. Es erinnert an die Überlebenden von Kriegen, die im Fernsehen Interviews geben, um 'die Gesellschaft wach zu rütteln', was auch immer das bedeutet. Denn die junge Frau neben mir wurde mehr als nur gerüttelt; sie wurde zu Boden gedrückt und geschlagen, ihr Kopf wurde gegen Wände geknallt bis Blut aus ihrer Nase kam, sie wurde getreten, bespuckt und - was womöglich das Schlimmste ist - gedemütigt bis sie keinen Wert mehr hatte. Weder für sich, noch für andere.
"Ich möchte nicht zu ihm zurück, doch er kann sich ändern. Wenn ich mich nur zusammenreiße, wird er nicht mehr wütend werden.", gesteht sie letztendlich. Eigentlich sieht sie tot aus - blass mit bläulichem Unterton. Tot - und ihr Mörder hat Künstlerhände und Sommersprossen auf seinem Rücken. Er hat ein schlagendes Herz und ein Gesicht. Es könnte eines Tages deines sein. 

Ungewollt muss ich zusammenzucken. Es schnürt mir die Kehle zu wie damals als mein Cousin sein T-Shirt um meinen Mund gewickelt hat. Zwar kann ich micht nicht daran erinnern, was passiert ist, doch weiß ich noch, dass ich mich wie die Farbe an seinen Wänden fühlte - ablösend, zerbrökelnd, irgendwie... kaputt gehend. Es machte nie einen Unterschied wie wenig Laute ich von mir gab oder wie sehr ich versuchte, nicht dort zu sein, nichts konnte das Geräusch von schwitzender Haut an Haut und seine entwürdigenden Worte je aus meinem Gedächtnis löschen.
Die Alarmuhr auf seinem Nachttisch begann zu blinken während er vergiftete Worte in mein Ohr flüsterte. "Das macht dich doch geil, ne?", "Du Hure hast es nicht anders verdient", "Rede mit Niemanden darüber!", "Ich werd' in dich reinspritzen... Wenn du schwanger wirst, prügel' ich das Kind aus dir raus." - Vielleicht sagte ihr Monster auch diese Grausamheiten, die man letztendlich immer glaubt. Wir waren Fremde in unserer Haut, denn ihre Haare roch nach Kneipe und meine nach toten Fliegen und Apfelkuchen. Wie Rasierklingen auf der Haut brennen die Augen, denn von bedeutsamen Tränen wurde man umgangen.

"Bitte bringe mich nicht nach Hause", wiederholte sie. Das Ein- und Ausatmen fiel ihr auffällig schwer. Rippenschläge oder auch ein Nudelholz auf der Wirbelsäule könnten dies verursacht haben. Doch wahrscheinlich verdrehte ich nun Erinnerung und ließ sie mit unzureichendem Wissen fremder Tatsachen verschwimmen.
"Was in einem ist, ist meist eine Lüge, nicht wahr?", und dies war das erste Mal, dass sie mich überhaupt direkt ansah. Unangenehm und peinlich berührt hüpfte ich von einem Bein auf das andere. Konnte man in diesem Moment eigentlich etwas sagen, was nicht geheuchelt wäre, um ihr zu zu sprechen, oder zu lügen, um sie auf zu bauen?
"Nun -", erneut stotterte ich, aus Angst, ich könnte ihre Emotionen verletzen. "Macht es einen Unterschied, ob die Lügen in dir drin sind oder an dir kleben? Die begrenzte Örtlichkeit macht dies Existenz doch nicht ehrlicher, schon gar nicht lebenswerter."
Mit Ehrlichkeit drückte ich diese Worte aus mir heraus. Überraschenderweise lächelte sie nur dieses abgeschwächte, traurige Lächeln - als würde sie verstehen, worauf ich hinaus wollen, doch eigentlich etwas anderes hören wollen. Wahrscheinlich sollte ich noch etwas sagen, irgendwas beruhigendes, doch ich wusste einfach nicht was. Ich schämte mich für mein Sprechen, denn ich schämte mich auch für meinen zensierten menschlichen Körper. Eine Existenz geprägt wie ein Diagramm. Auf und ab, ungleiche Brüste und Reduktionsnarben. Die Striche sind instabil und dünn, und wenn die falschen Umstände aufeinander brechen, zerbrechen sie. Trifft man die nicht die korrekte Linie, ist es schmerzaft, doch nicht lebensgefährlich - wer weiß? Vielleicht wäre damit das Ziel nicht erreicht worden. Danach interessierte es ohnehin niemanden mehr, welchen Namen dieser Strich trug, oder das Diagramm, oder das Universum.

"Vielleicht macht es tatsächlich keinen Unterschied, wo die Lüge sitzt. Was macht denn deiner Meinung nach den Unterschied?", sagte sie nun, noch immer keuchend.
"Zum Einen, ob man sich die Lügen vergeben kann. Zum Anderen, ob man die Lügen durch Wahrheit ersetzen und auslöschen kann.", dieses Mal folgte die Antwort schneller.
"Woher weiß ich, dass etwas eine Wahrheit ist oder nicht nur eine Lüge, die mir wie eine Wahrheit vorkommt?"
Geschwind flogen weitere Blätter über unsere Köpfe hinweg. Unreal wirkend wie in einem Buch, in dem rosarote Blütenblätter umher geweht werden, wenn sich das Liebespaar zum ersten Mal küsst. Der Wind war kalt und unerbittlich. Als wollte er nur aufbrausen, um den dramatischen Effekt dieses bedauernswerten Zusammentreffens zu steigern. Unzusammenhängende Erinnerung verdunkelten den Blick in meinem Kopf; verschmischt mit dem Hauch Mitleid für die Frau an meiner Seite, ergab sich ein Schauermärchen, welches kein Horrorautor hätte schreiben können.  Als ich plötzlich an Szenen meiner Kindheit denken musste, musste ich alles daran setzen, den Fluchtinstinkt zu unterdrücken. Wie das eine Mal als mein Vater mit einem Teller Spagetthie nach meinem Bruder warf und eine Scherbe in seinem Arm stecken blieb - mein Vater machte es so wütend, dass mein Bruder "zu langsam war", dass er den Tisch nahm und mit übertriebenen Schwung auf meine Cousine und mich warf. Wir waren auch nicht schnell genug. Oder als mein Cousin mich bedrohte, er würde sich an besagter Cousine vergehen, wenn ich nicht das mache, was er wollte und somit neue .... Sonderwünsche ausbeuten konnte. Oder als ich meinen Vater nach Erlaubnis fragte, ob ich mit meiner Mutter telefonieren durfte und er so betrunken war, dass er mit den Hörer auf mich eingeschlagen hat und versuchte, mich zu würgen. Nur würgen, nicht erwürgen. Zu Mindest rede ich mir dies ein.
Diese Bilder... die Flashbacks... alles brach auf mich ein... und ich wusste keine Antworten. Weder auf ihre Frage, noch auf das Wieso, oder... weshalb irgendetwas passiert und nicht geändert werden kann oder sollte....

"Ehrlich gesagt,... es... ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was für dich Lüge und Wahrheit ist. Doch wünsche ich mir, dass es mehr Wahrheit geben wird für dich."
Wir rannten los und wollten einfach nicht nach Hause. Wo immer dies auch sein mochte. 

Montag, 25. August 2014

Ergebnis der letzten Umfrage

Danke für jeden, der sich die Zeit genommen hat, an der Umfrage teil zu nehmen.
Hier ist das Ergebnis:


Hat jemand einen speziellen Wunsch für das nächste Thema einer Umfrage?

Sonntag, 24. August 2014

Geplanter Ausflug

Das Gefühl einer ungewissen Vorfreude auf das Wiedersehen mit meinem Bruder flutete mich wie eine Art Schockzustand. Offen gestanden ist mir diese Reaktion nicht mehr tatsächlich bekannt gewesen, hielt es für nicht umsetzbar, dass ich mich auf vorhersehbare Zeit auf etwas freuen könnte.
Doch es funktionierte - als ich vor ein paar Tagen hörte, dass mein Bruder R. er ermöglichen möchte, dass er, Bruder M. und ich uns in Dresden für einen Tagesausflug im Zoo dort treffen könnten. Der Dresdner Zoo hat doch jetzt Koalas, die ich mir gewünscht habe, zu sehen. (Als Nebennotiz: Bruder M. hätte mit der Bahn von unserem alten Wohnort in Brandenburg dort hin fahren müssen. Die Karte kann er selbst auch nicht zahlen, deshalb hätte mein Bruder ihm diese, die Eintrittspreise und Verpflegung zum Geburtstag geschenkt. Da ich nur in ein Fahrzeug steige, wenn Bruder R. am Steuer sitzt, hätte er uns aus Bayern nach Dresden gefahren und wir hätten eine Pension gesucht oder im Auto geschlafen.)
Gedanklich habe ich schon eine Reisetasche gepackt - Kameras, Notfallmedikamente, Getränke, etc... und mich eben gefreut, was sich immer noch wie eine außerirdische Lebensform für mich anhört.
Heute früh folgte ein Anruf. Na gut, ehrlich gesagt, klingelte meine Schwester gerstern schon an, aber da ich nicht an Telefone gehe, lassen wir das mal außen vor. Mein Bruder beantwortete heute den Anruf, mein Vater am anderen Hörer. Er berichtete, dass er auch in Deutschland sei und die Woche frei nehmen werde und wir könnten uns doch alle dort versammeln. Für ein paar Tage.

Aus meiner Freude wurde innerhalb von Sekunden überwältigende Unsicherheit.
Wie undankbar dies auch klingen mag,... jetzt ist dort eigentlich nur noch Angst.
Natürlich möchte ich meinen Bruder M. sehen, aber meinen Vater eigentlich nicht unbedingt. Vor Allem nicht, wenn ich mich nicht Monate vorher darauf einstellen kann. Ich merke schon jetzt eine konstante Nervosität durch meine Eingeweide kriechen. Auf der anderen Seite hat auch mein Vater Geburtstag, nicht nur mein Bruder M. und ich.

Man kann ja beten, dass kein Chaos ausbrechen wird. Eine Woche kann eine ziemlich lange Zeit werden, wenn man mit die Vorgeschichte jegliche zusammentreffender Individuen mit einbezieht.
Noch kann ich der Panik und den gefürchteten Flashbacks trotzen. Immerhin hat Dresden, abgesehen davon, dass es eine wunderschöne Stadt ist ja noch zwei sehr überzeugende Argumente:

Foto von BILD.de

Samstag, 23. August 2014

Wenn wir schon nicht schlafen, lass' uns bitte zur Ruhe kommen.

Missbilligung fliegen umher wie die Phantome unserer Traumwolken. Ein abwertender Blick reicht aus, um in Stücke zerlegt zu werden. Niemals still, nicht einmal inhaltlich zufrieden gestellt: Jetzt wird uns schmerzvoll bewusst, dass es nicht die Schatten sind, die uns in die Enge treiben, sondern die herablassenden Fanatiker umnachteter Gehirngespinste. Weit über dem Mitternachtshoch klettern sie aus herziger Okklusion in allumfassende Verzauberung. Somit werden aus schimmernden Dächern charakterlicher Wunderwelten Alpträume, die uns Paranoia, Angst und Vergiftungserscheinungen jeglicher Art garantieren. Jedes Detail unserer Sehnsucht wurde totes Land; unfruchtbares Land für Untote, die mit ihrer einseitig einfältigen Art "Müsste" und "Sollte" monopolisieren und fixieren.
Manchmal leben wir, um zu sterben. Oft sterben wir, um erneut zu sterben. Häufig sterben wir, um wieder zurück ins Leben geholt zu werden. Nicht alle bewältigen diesen Prozess der Metarmorphose. Einige von uns bleiben dazwischen stecken. Wir stehlen den Donner und den Blitz aus einem Gewitter und bedauern den Unterschied keineswegs. Vielleicht merken wir ihn auch gar nicht erst.



Funktion entgegen des Willens domestiziert den Sinn des Wollens. Gezähmte Träume brauchen wir nicht mehr. Humaner wäre es den Drang zum Brauchen zu töten. Doch ist uns ein Ende auch nicht recht, so lassen wir uns in verdunkelte Hinterhöfe leiten. Dort malen wir verzerrte Kunstwerke unserer selbst. Zwar können wir die Farben nicht sehen, die Verdickungen der getrockneten Farbe nicht ertasten, doch wenigstens haben wir es nach den Wertvorstellungen der selbsterkorenen Gesellschaft getan.
Aus diesem Strukturlosigkeit kann uns wohl nicht einmal der Ambien-Effekt befreien. 

Freitag, 22. August 2014

Straßen

Die Straßen winden sich unerwartet.

Er ist sich nicht sicher, ob es lediglich an den weißen Streifen fest zu machen ist, dass er sich noch immer den selben, alten Weg entlang bewegt. Hinfort getragen wird, passt wohl besser, denn es ist nicht seiner positiven Lebenseinstellung zu verdanken, dass er nicht das Lenkrad herum reißt, um durch die Schutzplanken hindurch in das erste Stückchen Freiheit zu fliegen. Vielleicht ein freier Fall, vielleicht ein lauter Knall, vielleicht quietschende Reifen im Hintergrund - was danach kommt ist ihm ungewiss. Qualvoller als der Gedanke an sie kann es nicht sein. Denn alles, was ihm umgibt, reflektiert ihre süße Aura.
Kurz muss er auflachen; eigentlich war es kein lachen, sondern ein schnelles Herausstoßen von Luft durch die Nasenflügel, doch amüsiert ihn der Gedanke wie wenig Platz zwischen vollwertiger, alles umreißender Liebe und kaputt-machender, omnipotenter Angst bleibt. Er schnaubt erneut, weil er den Unterschied prinzipiell gar nicht kennt.
Was ihn immer wieder zurück kehren lässt, weiß er auch nicht. Wenn er nicht schlafen kann, treibt es ihn wie durch Geisterhand in dieses motorbetriebene Gehäuße aus Stahl. Wenn er nur an sie denken kann, fährt er an diesen Ort zurück. Die selben Routen, die selben Sorgen. Immer im selben verlorenen Versuch, gemeinsame Pfade solange zurück zu verfolgen bis er ergründen kann, was wahrhaftig der Untergang von "wir" war.
Obwohl ihre Abwesenheit gewohnt, fast schon wieder behaglich, ist, möchte er sich nicht erneut verschwinden sehen. In einem Sog aus Hingabe und Vergessen, ausgelöscht aus einem Teil ihrer Erinnerung, in welchen er tatsächlich keinen Platz mehr finden wird. Nicht, dass er dies nicht vehemmend erprobt hätte.

Die Straßen enden immer vor der Tür ihres Anfangs.

Je mehr er doch an damals festhält, je zermürbender wird die Aufgabe sich einem Alltag zu unterziehen. Die Grenze zwischen Realität und Imagination schmälert sich; so springen seine Vorstellungen von Spaziergängen entlang des Sees zu lautstarken Streitgesprächen, zurück zu herzerwärmenden Fernsehabenden auf der Couch. Auch wirkt es keineswegs wunderlich, wenn er morgens aufwacht und sich zusammen gefercht auf dem Rücksitz seines Kleinwagens wieder findet. Ohne sie fühlt sich jede Minute des Tages leer an. 
Vielleicht ist sein Herz stets an dem Ort, an dem sie ist - wo immer dies auch sein mag. Inzwischen findet er keine Worte mehr, die beschreiben könnten, wie bedrohlich annähernd und angsteinflößend schwarz der Horizont wirkt. Nur der Gedanke an das, von dem seine Freunde behaupten, er müsse es 'einfach loslassen', macht die Finsternis einfach zu ertragen. Denn die Sonne geht immer wieder auf, jeden Tag - irgendwann wird auch er seine zweite Chance bekommen.
Bis dahin sind Nächte schlaflos und Tage unreal wie seine Ausflüge auf der Überholspur. Nicht einmal als Metapher klingt dies zielfördernd. Der Asphalt ist an manchen Stellen gerissen, hier und dort befinden sich Baustellen. Überall sieht er ihr Gesicht. Die Zeit vergeht zu schnell während sich die Sekunden in sein Gedächtnis bohren. Als würden sich die Wege unter den Rädern verlängern und ihn aufhalten wollen. Allerdings gibt es keine Entfernung auf der Welt, die ihm von ihr trennen kann.

Die Straßen lassen es so anfühlen, als würde er zu einem Ort gelangen, zu dem er gehört.
Innerlich zweifelt er an seiner eigenen These: Eigentlich glaubt er nicht daran, dass es einen Ort geben kann, an dem er sich ohne sie richtig fühlt.  

Donnerstag, 21. August 2014

Endlichkeit

Komponiert aus nichts als einem Alptraum,
gespielt von deinen eigensinnigen Fingern;
Sinnlichkeit umspielt die Körperlosigkeit,
in welcher ich keine wehmütigen Zwischenräume
spüren kann,
wie die letzten Stunden Schlaf,
denn erwachsen war niemals mein Handwerk.
Ausgearbeitet und gefertigt von kranken Liebhabern,
die von Zusammenhalt sprachen
und an ihren eigenen Worten fast erstickten.
Abwertend und herablassend,
sie beschmutzen ihren Meister
mit dreckigen Fanstasien.

Sie sind EINS und ich bin Stasis,
ein traumähnliches Nichts,
eine physiologische Lücke.
Für-immer Nachtmahr
mit sonnengeküssten Ringen an den Händen,
die endlose Lächeln auf Gesichter zeichnen.
Angeboren scheint meine Verstörtheit,
als wäre mein Gesicht nichts weiter als
unheiliger Atem, finit und eiskalt.
 
Tief hängt der Mond heute Nacht,
um mit Kraterlippen die Küsten zu berühren.

Mittwoch, 20. August 2014

Verwirrung

Während sich Tage zu Monaten verwandeln, werden selbst die simpelsten Gefühle repetitiv: Ich bin ausgezehrt; und weiß nicht so recht, von was. Ich weiß nicht so recht, warum ich nicht schlafen kann, warum sich meine Füße anfühlen als wären sie aus Blei, warum ich mich mehr und mehr von Menschen zurückziehe und nicht sprechen kann, ich weiß nicht, warum an der Vergangenheit festhalte als würde mein Leben davon abhängen - obwohl es das Gegenteil bewirkt. Ich weiß nicht, warum ich so händeweise Tabletten direkt neben mir bewahre, warum ich an Brücken stehe und zu den Bahnen bezeiehungsweise rasenden Autos hinab schaue, ich weiß nicht, warum ich mir ein Pferdeseil gekauft habe und in meinem Schrank unter den Winterpullovern lagere. Ich weiß nicht, warum ich lebe. Ich weiß gar nichts mehr.




So stolpern meine Füße unbedacht über den Boden. Das Schwein und Nummer 1 sind an meiner Seite, halten mich davon ab, einen Schritt zu weit zu gehen. Ein Psychiaterbesuch wäre derzeit auch zwecklos. Offenheit wird mit der Drohung einer Klinik bestraft. Das wäre wohl der Preis, den man zahlen muss.
Zwischen meinen Fingern halte ich mein Skizzenbuch. Am Einband fällt es auseinander und die einzelnen Seiten hängen voneinander getrennt. "Ein wenig beschädigt", grunzt das Schwein kaum hörbar. "Beschädigt und unbrauchbar, doch irgendwie alles, was wir haben."
"Es herrscht immer ein gewisser Grad an Schönheit in beschädigten Dingen vor. In Fachkreisen wird dies Charakter genannt", antworte ich scherzend, doch ohne einen Hauch Zweifel. Ihre Gesichter sagen alles, ihr Ausdruck verrät nichts.
In furcherregender Schrecklichkeit erscheint die dunkle Hassgestalt von Nummer 2. Zähnefletschend und mit schwarzen Blut befleckt knurrt er: "Doch wer will schon etwas, dass so kaputt ist? Was nicht repariert werden kann, ist Müll. Niemand will Müll. Die Romantik liegt in Zerstörung, nicht im Zerfall."
Am ganzen Leib beginne ich zu zittern. Diese Angst, seine Absicht, lässt mich erstarren und zugleich erbeben. Der Atem bleibt in der Kehle stecken, wie ein Glucksen klingen meine Versuche nach Sauerstodd zu ringen. Nun kann ich auch den Zerfallen in mir spüren, langsam von innen heraus. Fluchtinstinkte setzen ein und so schnell wie mich meine Beine tragen laufe ich nach Hause. Unkontrollierbare Tränen rollen über meine Wangen. Ein paar Skizzen fallen aus dem Buch, unwichtig - es ist auch nur Müll, genau wie ich, wie meine Gedanken.



Warum kann Nummer 2 und die bösartigen Stimmen nicht verschwinden und meine Freunde bei mir bleiben? "Beides geht leider nicht", sagte mein Psychiater zu mir. Permanent sterben wollen und leben können geht wohl leider auch nicht.
Eigentlich weiß ich nicht, was ich will. Ich weiß nicht, warum das passiert und etwas passierte. Es soll nur aufhören.
"Dazu müssen Sie selbst etwas tun!"
Wer weiß? Vielleicht werde ich dies irgendwann. 

Nummer 2 starrt mich aus einer lichtlosen Ecke an. Diese Nacht wird ein Horrortrip, so wie die Nächste davor, und die Tage davor. Wo ist das Vergessen geblieben?

Dienstag, 19. August 2014

Schluss bedeutet Schluss

Wenn sie miteinander reden, sinkt seine Körpertemperatur. Niemals fühlt es sich in ihm kälter an als zu dem Zeitpunkt, wenn sie ihren Mund öffnet, um den nächsten Satz zu eröffnen.
Eigentlich weiß er nicht, was das über sie aussagt, oder ob man sich darum sorgen sollte, dass Herzschläge nur das tun, was ihnen laut biologischem Grundprinzip in die Wiege gelegt worden war.
Er liebt sie nicht. Noch nicht. Nicht seitdem. Nicht jemals.
Immer schon wohnte dieser starke Sinn der Aberkennung in ihm. Allerdings macht es das auch nicht besser. Nicht jetzt. Nicht wirklich. Nicht ganz.

Womöglich sollte er mit ihr darüber reden, doch dann würde Chaos dort entstehen, wo es ledlich Einfachheit geben sollte. Vielleicht war sie einmal die Eine. Nun wäre sie besser die Eine für einen Anderen. Mit schmerzender Enge in der Brust schreibt er Briefe an sie, umschreibt sich nach einem viel liebenswerteren Menschen als er jemals war. Dieses Leben ist nun mal keine Fiktion, kein Fragmentent von Tinte auf Papier: Der Fakt ist, dass er nur einen perfekten Moment kennt. Dieser war sie.
"Liebling, wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Chancen findet man weder rechts noch links, nicht mehr.", liest er die Zeilen, die ihr verfasst. Sie ist noch berührend hoffnungsvoll. In seinem Kopf zählt er die Tage, die er bereits ohne Hoffnung lebte - außer Kontrolle und direkt aus dem Herzen gegriffen; hätte er sie doch nur getroffen bevor das große Dunkel besitzt von ihm ergriffen hat. Damals häten sie perfekt sein können, traumhaft zusammen.
Auch wenn er weiß, dass es nicht wahr sein kann. Das ist nicht der Mensch, der Mann, den er sein soll. Man kann nur immer träumen und sich vorstellen und sich ausmalen wie es wäre.
Noch ist er nicht darüber hinweg. Nein, das ist er nicht.
Doch das wird er, irgendwann.
Jeder kann besser werden, sogar er. Alles das kan besser werden. Irgendwie. Er verspricht es der Dunkelheit in seinem Herzen.

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Es tut mir leid. Dies sind immer noch alte Texte, die wohl aus unübersehrlichen Grund bisher nicht veröffentlicht worden. Auch mit dem Kommentarien kann es weiterhin hapern. Seid mir nicht böse.
Es ist nur wieder eine sehr... traurige Zeit. Nichts worüber man sich aber zu sehr Sorgen müsste!

Montag, 18. August 2014

Bevor ich Vergangenheit bin...

Wenn ich dem, was ich gerade empfinde, einen Namen geben müsste, würde ich es 'verschwindend' nennen. Gleich der unvermittelbaren Begebenheit, dass man seine Mitmenschen an einem Tagen kerngenau kennt und am nächsten Tag nichts mehr über sie weiß. Mein Gefühl ist Tag zwei zur Mittagszeit. Noch panisch genug, um begfreien zu wollen; nicht mehr verzweifelt genug, um nicht aufgeben zu wollen.
Nun denke ich an dich und kombiniere mit dem schnellen Tode einer nicht aufgeblühten Liebe. Hört sich dies nicht ausschlaggebend dramatischer an als "Es ist Schluss"? So soll es wohl sein. Nur um noch im Schmerz der Hinterbliebenheit zu baden, stehe ich früh am Morgen um 4:00 Uhr vor deiner Tür. Hier sollte ich nicht sein, eingewickelt in den faltigen Klamotten, die ich vor zwei Tagen bereits trug, mit den selben, alten Tränen, die dich liebend gerne darum bitten würden, mir wieder ein Asyl, ein zu Hause für die Nacht zu geben. Zu Zweit wissen wir es besser. Allein weiß ich nicht, ob das der Teil ist, vor dem mich mein Herz bewahren wollte oder ob es den gar nicht gibt.

Ich vermisse dich und kann es nicht aussprechen. Vielleicht sind das die Symptome eines dauerhaft gebrochenen Herzen. Es dringt einfach kein Ton mehr über diese Lippen. Selbst mein Psychiater stuft dies als "bedenklich" ein, doch "es gäbe nichts, woran man nicht arbeiten könne". Natürlich wollte ich ihn eigentlich mit Worten entgegen kommen, doch dachte nur "Wir sind alle anders im selben Sinne, aber ich wollte für ihn so anders sein, dass er sich an mich hätte erinnern können". Du wirst nicht vergessen, denn du bist der Sauerstoff, der dem Ertrinkenden am Leben hält. Auch wenn die Körper getrennt voneinander, wird diese Präsens weiter fließen - bis in die dunkelste Alveole.
Trotz Allem sind Erinnerungsfetzen auch nur diese. Wenn sie auch laut wie Donner röhren, mehr als Sehnsucht bleibt letztendlich nicht.
Dies alles bedeutet nicht, dass ich Vergangenheit bin. Es bedeutet, ich bin noch immer hier; wartend - doch nicht auf deine Wiederkehr, sondern darauf zu verschwinden.

Sonntag, 17. August 2014

Wenn du's schwer hast an deine Stärke zu glauben, ....

... erinnere dich daran, dass es prächtig blühende Blumen gibt, die zwischen den Rissen im Gehsteig wachsen; sogar an den Orten, die manch einer als "Gosse" beschimpft.


Du kannst das auch.

Samstag, 16. August 2014

Chronischer Schmerz

Scheint es auch lächerlich, doch dieser Schmerz ist vielleicht der einzige Beweis dafür, dass ich noch am leben bin. Nicht so lebendig wie die Meisten, doch auch nicht so tot wie, beispielsweise, Julian.

Sicherlich gibt es genügend Grund zum Zweifeln, und mir ist auch bewusst, dass folgende Aussage durchaus auf Unwohl stoßen könnte. Doch dieses Geständnis möchte ich gerne ablegen: Ich verstehe nicht, warum man manche Menschen nicht sterben lässt, wenn dies ihr einziger und sehnlichster Herzenswunsch ist.
Jeder spricht an einem bestimmten Punkt in seinem Leben über gebrochene Träume; davon, ob Liebe die ständigen Qualen wert wäre, über zerrissene Identitäten früherer Zeiten und inkomplete Herzen. Immer wieder liest man von Verzweiflungen, die auf Verunsicherung und Selbsthass zurück zu führen sind, von Wut, Neid und Eifersucht, die Seelen schwarz färben und eine Flut der Zerstörung hinterlassen. Doch von diesen einzelnen Individuen, die mit Trauer konfrontiert sind, doch sich wieder aufrappen könn(t)en, rede ich nicht. Es sind die Menschen die Jahre lang blick-und lichtlos durch das Leben gertragen werden müssen. Ohne einen Funken Hoffnung.
"Nicht jeder ist wie der andere und wer weiß? In 10 Jahren sieht es vielleicht ganz anders aus", sagte ein Sachbearbeiter des Jobcenters einmal zu mir. Schmerzlich bewusst wurde mir zu genau diesem Zeitpunkt, dass Zeit auch an einem Individuum gemessen werden kann. Ich kann zehn Jahre zurück blicken und finde nichts, was dem Leben Begehr schenken würde. Das Gleiche gilt auch für 20 Jahre, sofern ich mich erinnern kann. Nun blicke ich angsterfüllt in die Zukunft; kann nur blind vertrauend daran glauben, dass es etwas anderes geben kann, etwas Lohnendes, einfach weil irgendein Mensch diese Haltung von mir verlangt.
So addieren sich die Jahre im Negativ mit einigen Tagen neutral durch Medizin. Da man nicht erkennen kann, ob es auch nur ein Jahr geben wird, welches druchgehend positiv bringen wird, verharre ich in meiner Ansicht, dass es vielleicht kein unangebrachter Gedanke ist, zu gehen. Desto mehr Negativ in die Welt getragen wird, desto dunkler wird sie doch. Wer möchte schon dauerhaft so eine Last mit sich auf den Schultern tragen?

Vielleicht könnten Menschen lernen die Weisheiten in Aktion und Wort zu teilen, die es anderen ermöglicht, leben zu wollen. Ohne Gegenleistung oder Verischertennummer, versteht sich von selbst.
Doch diese Fähigen sind zu wenig und ich vermag sie nicht zu multiplizieren.

Gut, ich nehme zurück, was ich am Anfang gesagt habe: Eigentlich möchte ich nicht, dass Menschen sterben. Es sind nur diese verdrehten Ansichten eines fehlgeleiteten, kranken Gehirns. Manchmal komme ich einfach nicht drum herum, mir vor zu stellen, wie es wäre, wenn ich bei dem Autounfall vor Jahren gestorben wäre und nicht Julian. Im Gegensatz zur erwarteten Dankbarkeit sehe ich nur Dunkelheit und wünschte, oh, wie ich wünschte, er wäre hier. Er würde hier sitzen und von Positiven schreiben, dieses wahrhaft Menschliche. Er wäre - vielleicht - in der Lage die Welt in einem anderen Licht, aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, etwas Wichtiges beitragen. Vergleichsweise hocke ich hier auf meinem Stuhl und teile suggestibele Gedankengänge...

Donnerstag, 14. August 2014

Macht euch keinen Kopf um mich. Gerade plagen mich Dissoziationszustände. Stimmen zwischen den Haarwurzeln. Das Schwein hat Angst vor ihnen, genau wie Nummer 1.
Ich weiß nicht so recht, was eigentlich passiert.
Heute Notfalltermin beim Psychiater. Spritze bekommen, Flupentixol Depot.
An mehr kann ich mich nicht erinnern. Doch ist es im Kopf leichter zu ertragen, im Moment. Nur einfach müde. Wollte euch wissen lassen, dass ich trotzdem an euch denke, nur Kommentare zu einem anderen Zeitpunkt beantworten werde.

(Habe noch ein paar fertig-geschriebene, unveröffentliche Gedichte/Texte auf meinem PC. Die werde ich posten, damit keiner enttäuscht ist. Sofern es irgend möglich ist, lese ich auch eure Einträge. Selbst kommentieren erst bei Besserung ohne medikamentöse Hilfsmittel wieder. Danke für euer Verständnis.)

Dienstag, 12. August 2014

Theoretische Sehnsucht

"Du bist wirklich ruhig,
sogar für dich
zu ruhig",
sagte er mir objektiv,
seine Hände am Lenkrad.
Von Gegenlicht beleuchtet
strahlt er wie ein
nuklearer Schatten.
Um seine Theorie zu bestätigen,
antworte ich nicht.
Stattdessen steigt mir der Rauch
seiner Lidl-Zigarette
in die Nase.
Im gleicher Taktlosigkeit
wie das Gift
ziehen Ängste durch
meine Lungen.

Momente zuvor drückten sich
seine Haut und meine
zu einer überhitzten Einheit
zusammen.
Mit wenig Gefühl,
viel unlogischer Theatralik
dachte ich:
Bitte presse uns unsichtbar. 
Sonst fühlt sich 
keiner dieser Körper 
bewohnbar an.
Welch' einseitig ungewöhnlicher
Gedanke, in dieser zweiseitig
gewöhnlichen Situation. 
"Nichts ist noch wirklich gut",
sagte er
und sah zu mir herüber.
"Ich will dich behalten",
als wäre ich ein
verdammter Hamster,
oder ein
strampelndes Kleinkind.
Trotzig wie dieses,
sagte ich nichts.

Würde ich meine Sätze
nach gut und schlecht
abwägen, stünde dieses in
Kategorie eins:
Wenn nichts mehr gut ist, 
solltest du entweder
deine Prioritäten ändern
oder um neue kämpfen. 
Stattdessen wählte ich
unbedacht:
"Vielleicht hast du die guten Dinge
nicht verdient
und bis somit der Einzige hier,
der in einen Käfig gehört."

+ ~ +

Der Inhalt des Textes ist nie Realität gewesen.
Welche Realität mir von Minute zu Minute schmerzhafter bewusst wird:
Ich vermisse Herr Opfer.
Prinzipiell war er der einzige Kontakt zur Außenwelt, abgesehen von meinem Bruder und den Ärzten, den ich hier in der Gegend hatte.

Montag, 11. August 2014

Themasuche + Vorankündigung Gewinnspiel + Gesundheitsstand

Ihr Lieben,

da Pirandîl und ich ein gemeinsames Gedicht-Projekt starten, wollten wir euch darum biten, uns doch ein Thema zu nennen. Ihr könnt natürlich allgemeine Vorschläge wie "Liebe" machen, aber auch spezifische Wünsche äußern. =) Wir würden uns sehr über eure Ideen freuen.

~ + ~

Genaue Details weiß ich noch nicht, aber beim 100.000. Seitenaufruf wird es mal wieder ein "Gewinnspiel" geben. Letzteres liegt leider schon eine Weile zurück.

~ + ~

Danke an alle, die sich nach meinem Rücken erkundigt haben.
Trotz der Strapazen beim Orthopäden hat mir das Lösen der Blockierungen in der Halswirbelsäule sehr geholfen. Dieser akut-intensive Schmerz ist fast vollkommen verschwunden. Nun ist es eher ein stumpfer Druck, mit dem ich allerdings recht gut leben kann. Lediglich zu langes Sitzen vertrage ich nicht gut. Aus diesem Grund gibt es derzeit keine neuen Zeichnungen, nicht einmal Skizzen, von mir.
Bei einem Physiotherapeuten stellte ich mich bisher nicht vor. Obwohl man mir inzwischen mitteilte, man müsse die Heilmittelverordnung trotz dessen im Quartal der Ausstellung einlösen. Ist ja immerhin noch über ein Monat...

Die Autoimmunerkrankung hat sich durch die Blutentnahme des Internisten bestätigt. Ob ich das Lithium anstelle des Schilddrüsenhormons absetzen muss, weiß ich allerdings noch nicht. Mein Psychiater möchte mit dem Internisten telefonieren. Er hofft, man könne beides geben, war sie aber nicht ganz schlüssig.

Die Sache mit meinem Unterleib hielt man stets für psychosomatisch, deswegen habe ich keine Untersuchungen mehr machen lassen. Die Schmerzen kommen und gehen dann wieder und die unregelmäßigen Monatsblutungen kann man auf das Hashimoto schieben.
Ihr wisst ja, in Verdrängen und Schieben bin ich gut.
Im Übrigen wurde heute noch eine Blutentnahme durchgeführt. Bald bin ich leer. ^_~

~ + ~

Großartige Nachricht, wenn auch noch ohne Bestätigung bisher: Vielleicht kann ich zu unserem Geburtstag meinen zweiten Bruder wieder treffen, denn ich schon über 3 Jahre nicht gesehen habe! 
Im September habe ich Geburtstag, am selben Tag wie er - sind aber keine Zwillinge, und vielleicht können mein anderer Bruder und ich es uns dieses Jahr leisten, bis nach Dresden zu fahren, damit wir uns dort treffen können. Bisher ist aber nichts sicher. =)

Ich würde so gerne die Koalas im Zoo sehen.
Alles so nebenbei.
Drückt mir bitte die Daumen =)

Sonntag, 10. August 2014

Künstliche Sonnenblume

Vor ihren endemischen Hinterlassenschaften,
die verregnete Regierung ihrer Legierung,
fielen pechschwarze Kolkraben
mit metallischen Schnäbeln
auf sie nieder.
Die guten Zeiten,
die besseren Begebenheiten -
die einzige Form Liebe,
welche sie je kannte;
nackt akzeptierend.
Die Vögel flattern furios,
um ihre Geheimnisse
fort zu tragen,
vielleicht sogar ins Grab zu nehmen.
(Nur wer hat dieses nur gegraben?)

So lächelt sie ein aufgesetztes Lächeln,
viel zu leuchtend und hell,
stetig fälschlich schimmernd,
wie Sonnenblumen aus Plastik.
Grenzwertig richtig,
realistisch reagierend.
"Macht es dich glücklich, merkwürdig zu sein?",
krächzt das Oberhaupt der Tiere.
Merkwürdig?
Merkwürdig.
Merkwürdig.
Immerhin
Sie merkt sich ihre Würde.

Samstag, 9. August 2014

Intermezzo

Leere Räume mit
versteckten Leidenschaften.
Komm' in mein Bett
und iss mich,
erst dann singe ich ein Lied
für deine Knochen,
gekochtes Fleisch mit Butter.
Wieso schmilzt du
bei jeder Berührung?

Ein Kuss auf die Lippen,
sauge pures Leben
aus den Zwischenräumen
deiner Zähne.
Wir träumen
und schlafen nicht.
wir sinken
und schwimmen nicht.
Wir bluten
und leben nicht.
Erwachen klingt wie ein Fluch.
Solltest du dich jemals erheben,
bitte finde die Luft,
die mein Körper
nicht halten konnte.
Jegliches 'Dazwischen'
ist nur
Margarita ohne Tequila. 

Freitag, 8. August 2014

Nicht alle Mädchen werden behandelt wie Prinzessinen

(Oder ist die Frage, ob überhaupt noch welche wie Prinzessinen behandelt werden? Nicht, dass sie ihre Männer wie Prinzen, gar Könige, verehren würden.)

+ ~ +

Nicht alle Mädchen werden behandelt wie Prinzessinen

Als ich ein Mädchen war,
naiv und blind vertrauend,
versicherte man mir,
Gott würde alle Gebete beantworten,
wenn man sie nur wahrhaftig
aufrichtig
zum ihm spräche.

So glaubte ich daran,
dass meine Gebete nach Seelenheil
nicht so ehrlich,
nicht so erfüllt,
nicht so hoffnungsvoll waren
wie die meiner Mutter
als sie ging;
aus ihrer Sicht "gehen durfte".
gerettet von ihrem
funktionell austauschbaren Märchenprinz.
Nur ein paar Jahre
nachdem
er mir Fraulichkeit aufdrängte,
mit unedlen Fingern in meinem Mund,
die besudelten und beschmutzten.

Das wohl letzte
Stoßgebet dieser
Nicht-So-Ganz-Prinzessin.

Donnerstag, 7. August 2014

Es ist nur Nicht-Sinn

Die Spitze meiner Zunge hat wohl nie solch eine Tragödie wie dich schmecken können. Inzwischen sollte ich es besser wissen als das zu tun, was ich tue - doch anscheinend schaffe ich es nicht. Der einzige Sinn von Gut und Böse, den ich noch habe, ist eingekeilt zwischen meinen Zähnen. Es ist als würde man die Spannung verlieren; diesen einzigen Faden, der langsam Leben und Mitgefühl zwischen uns verteilt.
Wenn ich etwas vermisse, dann sind es deine Küsse. Das brennende Kitzeln deiner Hände während sie über meine Haut strichen. Die Sehnsucht wütet sich meinem Rückenmark hinunter. Überall schmerzt es, überall bist nur du. Und ich kann mich nicht dazu bringen, dies verhindern zu wollen - denn so, genau so, spürt man wenigstens etwas.

In der gestriger Nacht versprach ich mir, dass ich nie wieder ein Wort aussprechen werde, welches ich nicht so meinen würde.
Hoffentlich meine ich es also, wenn ich das nächste Mal sage, dass ich nicht verliebt wäre. Letztendlich machen es die Stunden und Minuten umso schwerer. Wie Asche an den Fingerspitzen: Mit jedem Versuch und jeder Bewegung verschmiert man Schwärze.
Weiterhin kann ich es nicht ertragen, dass Menschen aus meinen Leben gehen. Noch immer warte ich auf den Einen, der mich komplett zerstört und wieder aufbauen kann. Ich mag nicht mehr verweilen in dieser Halbwertigkeit: Diese heraushängenden, unverbundenen Kabel an mir tragend, verkohlt und nicht-funktionsfähig. Das Herz springt und überrundet sich selbst. Somit ich den Grund gefunden habe, nicht mehr schlafen zu können. Allein zu atmen, bedeutet für mich, gar nicht zu atmen. Leere Lungen mit Geheimnissen, die der Verstand nicht aussprechen kann - ach, du warst mehr ein Notfall als eine Tragödie.
Inständig bete ich darum, dass Menschen gerettet werden können - auch wenn ich dich nicht einmal halten konnte. 

Mittwoch, 6. August 2014

Black Eyed Phoenix

Hat jemand Black Eyed Phoenix gesehen?
Ihr Blog wurde gelöscht und auch bei Facebook ist ihr Profil entfernt worden.
Mache mir große Sorgen.

Absolute Blamage beim Orthopäden

"Natürlich tritt das Schlimmste ein, was man erwartet", sagt mein Bruder neunmalklug. Womöglich hat er auch Recht, doch wer will so etwas in so einer Situation schon hören?

Nach einer vollkommen durchwachten Nacht, die zweite in Folge, wurde mein Nervenkostüm überfordert. Früh um 8.00 Uhr kam ich in die Praxis und der Wartebereich war überfüllt mit Patienten. Als wäre ein Arzttermin nicht schlimm genug, wurde das Ausharren zwischen all den Blicken, den schmerzerfüllten Aufstöhnen und den klingelnden Telefonen zur Zerreißprobe. Um 8.15 Uhr war der Termin vereinbart, nach einer Stunde wurde ich aufgerufen.
Seine Stimme war ruppig. Sein Händedruck kalt und irgndwie zu fest. Er machte mir Angst, im Gegensatz zum Internisten am Vortag. Kein Einfühlungsvermögen ließ er durchsickern. Alles muss schnell gehen. Klar, immerhin ist der Saal voll. An den ersten Teil des Gespräches mit dem Doktor kann ich mich kaum erinnern. Er sprach tiefes Bayerisch, womit ich eigentlich keine Probleme hatte. Doch ich konnte ihn nicht verstehen, war perplex und verwirrt.
Die Blamage folgte sogleich bei der körperlichen Untersuchung. Er, ein etwas betagter, älterer Herr, der wohl kaum "bedrohlich" wirkt, stand hinter mir und klopfte meinen Rücken ab. Das war noch ok. Als er mich dann ohne Erläuterung mit den Händen an den Flanken umgriff, hatte ich eine Panikattacke. Bilderflut vergangener Tage. Zittern, Herzrasen - schnell in die Ecke springen.
Eigentlich möchte ich nicht weiter davon reden. Will es jetzt nur noch vergessen. Der Arzt war genau so überrascht wie ich.

Das Röntgen übernahmen gleich zwei Schwestern. Ob dies Gang und Gebe ist, bezweifel ich. Aber man ersparte mir peinliche Erklärungen und Ausreden und machte sehr professionell den Job weiter.

Erneut im Wartezimmer angekommen, fühlte ich mich beobachtet. Als könnten die Leute meine Angst riechen, als könnten sie sehen, was in meinem Kopf vorgeht. Schlagende Hände. Anfassende Hände. Schreie. Ignoranz.
Wieder dauerte es knapp 30 Minuten bis ich wieder zum Arzt in das Behandlungszimmer aufgerufen wurde. "Wegen der Urlaubszeit herrscht Ärztemangel", entschuldigte er sporadisch, antrainiert - als würde es dies von einem Prospekt ablesen. Ich nickte nur, was die einzige Reaktion war, zu der ich noch fähig war.
Fühltest du dich jemals wie ein Produkt, welches so schnell wie möglich abgepackt werden musste? Ich schon. Des Öfteren schon, deswegen überraschte mich seine hetzende Kälte nicht: "Hat man bei Ihnen vorher nicht fest gestellt, dass sie eine Schräglage der Wirbelsäule aufweisen?"
Kopf schütteln.
"Die Schmerzen bei einer Skoliose kommen nicht von der Skoliose selbst, sondern von der Fehlbelastung der Wirbelkörper. Eine Seite, bei ihnen die rechte, wird durch die Schiefstellung überdehnt."
Kopf nicken. Bloß kein Augenkontakt. Das triggert nur.
"Allerdings sollten Sie wissen, dass psychische Leiden ihre Beschwerden in diesem Fall nicht ausschließlich verursachen, doch auf jeden Fall verstärken. Darüber sollten Sie dringend mit einem Psychologen reden und dies nicht hier auslassen."
Kopf nickt. Der Körper fällt regelrecht in sich zusammen. Zu gerne würde ich kleiner und kleiner werden. So klein, dass keine Zelle von mir übrig bleibt.
"Bei Ihnen kommen die Blockierungen in der Brustwirbelsäule dazu. Diese werde ich noch versuchen zu lösen. Dazu müssten Sie sich noch auf die Liege legen, mit den Kopf nach unten und oberkörperfrei."
Kopf nicken. Nichts anmerken lassen. Einfach schnell ausziehen und drauf legen. Darin bin ich geübt. Man kennt es ja von früher.
Wieder keine Vorwarnung. Knack, knack, knack. Angst.
"Mehr kann ich jetzt nicht machen."
Abprupt setzt er sich auf seinen Stuhl, überreicht mir einen Zettel und verabschiedet sich. Eigentlich wollte ich noch nach einem leichteren Schmerzmittel fragen, da ich das Tramadol ja nicht vertragen habe. Getraut habe ich mich nun auch nicht mehr.

Die Frau an der Rezeption wollte den Zettel haben und fragte, ob ich einen neuen Termin bräuchte.
Ich verneinte. Obwohl ich mir nicht sicher war, er hat nichts weiter gesagt. Sie drückt mir einen überarbeiteten Zettel in die Hand und verabschiedet sich mit einem freundlichen Lächeln.

Zu Hause staunte ich nicht schlecht, dass es sich um eine Heilmittelverordnung handelte. Kann er sich vorstellen, dass ich zur Physiotherapie gehen kann? Nicht, dass ich nicht wollten würde. Erstmal werde ich das mit meinem Psychiater absprechen. Zumal ich ohnehin nicht weiß, ob man mit einer Heilmittelverordnung direkt in die Physiopraxis geht oder sie zuerst bei der Krankenversicherung einsendet?


Mir geht die Angst nicht aus den Kopf, die Panik überflutet mich. Wie peinlich ist mein Verhalten bitteschön? Es kotzt mich selbst an.
Und auch Schmerzen habe ich immer noch. =( Scheiße, was ist bloß los mit mir?

Morgen dann nochmal den Internisten kontaktieren und die Schilddrüsenwerte erfragen. Montag kurzer Termin beim Psychologen.
Warum lässt man mich nicht einfach sterben? Ich will Niemanden mehr den Patientenplatz wegnehmen, niemanden die Luft zum Atmen. Ich kann mit den Erinnerungen nicht mehr leben. 
Folgt dann Stille?

Dienstag, 5. August 2014

Eindeutig unterschwellige Nachricht

Da ich ein geplagter Idiot bin, habe ich die Nachricht meiner Cousine nicht gelöscht und nach fast drei Tagen hin und her, geöffnet.

"Hey Emaschi,

kannst du du noch an mich erinnern? Früher warst du, J. (die Cousine, die eine Zeit lang bei uns gewohnt hat) und deine Mutter oft zu Besuch auf unserem Hof. Magst du mal chatten? Ich habe ein paar Fragen, die mich schon einige Zeit nicht mehr los lassen. Bitte antworte.

Bis denne, ihr Name"

Eine Antwort ist nicht geplant. In meinem Kopf wiederholt sich nur: "Morgen Arzt. Nicht schneiden. Morgen Arzt. Keine Panikattacken bekommen. Morgen Arzt. Nicht durchdrehen. Morgen Arzt. Keinen interessiert, was du denkst. Morgen Arzt. Nicht schneiden."

Ruhig bleiben. So schlimm war es nicht.
So schlimm war es nicht, nicht wahr?
Ich bin zu ängstlich, also alles wie immer...

Beim Internisten

50% Ärztegang ist wohl diese Woche geschafft.

Der Termin beim Internernisten war schnell vorüber, wenn auch von Angstschweiß überschüttet. Knapp an einer Panikattacke vorbei gerauscht, bin ich als der Herr Doktor gemeinsam mit mir in die abgedunkelte Kammer mit dem Ultraschallgerät ging. Natürlich ist nur mein Kopf in die ganz falschen Richtungen gerannt. Der Arzt selbst war überraschend einfühlsam und gutmütig, beruhigte mich oft mit "Es gibt keinen Grund, Angst zu haben" und fragte sogar, ob ich mich besser fühlen würde, wenn eine Helferin mit im Raum wäre. Ich schüttelte lediglich mit dem Kopf, da mir Worte fast vollständig versagte.
Dafür, dass es sich nur um eine Routine-/Vorsorgeuntersuchung handelte, überraschte er mich mit dem Verdacht auf Hashimoto-Thyredoiditis. (Eine chronische Schilddrüssenentzündung)
Meine Schilddrüse würde sehr danach aussehen und meine vorherigen Blutwerte würden dazu passen. Allerdings bräuchte man noch einen Wert, um dies sicher zu stellen.

Dies sind die Blutwerte, die mir mein Psychiater überreicht hat. Mit dem Kommentar "An sich alles gut" drückte er mir diesen in die Hand. Der Internist schaute drauf und schien nicht zu positiv gestimmt, obwohl eigentlich alles soweit im Normbereich liegt. "Mir macht es Sorgen, dass viele Werte so weit unten liegen und gerade das, was weiter unten liegen sollte, sogar leicht erhöht ist."
Die Blutentnahme war weiterhin angstgeprägt. Zwei medizinische Fachangestellten versuchten ihr Glück, doch ohne Erfolg. Der Arzt musste es aus der Hand entnehmen, welches mir mehr Angst machte als es für mich schmerzhaft war. Behutsam schaute er sich meinen rechten Arm an und meinte recht unbedacht: "Was ist das? Ist das vom Ritzen?" - Was soll man darauf schon groß antworten? 'Nein, ich hab einen recht aggressiven Tiger zu Hause sitzen'? Also nickte ich stumm, verweigerte die ganze Zeit über den Blickkontakt. Mit jedem Individuum.
Drei Menschen in einen Raum und das ohne nennenswerte Fluchtwege. Mir fiel ein Stein vom Herzen als ich gehen konnte.

Bilanz des Tages:
  • Zwei Fast-Panikattacken, sonst nur allgemein Angst
  • Ein wirklich verständnisvoller Internist, der dem Anschein nach nicht oft Menschen mit Narben am Arm sieht. (Gott sei Dank hat er meinen Bauch und meine Beine nicht gesehen.)
  • Eine Autoimmunkrankheit, die zum Absetzen des Lithiums führen könnte - vielen Dank auch.
  • Verstärkung der Nervosität für den Termin beim Orthopäden. (Ich habe Schiss davor, morgen dort zu stehen und keine Schmerzen mehr zu haben und nach Hause zu kommen, und die Schmerzen sind wieder da.)

~ + ~

Ist nicht zusammenhängend mit dem Besuch beim Internisten, aber seitdem ich das Mitrazapin abgesetzt habe, fällt mein Gewicht wieder:

Während ich zur Einnahme bzw. direkt am Ende der Einnahme noch genau 60 Kilogramm (BMI: 23,73) auf die Waage brachte, sind es jetzt genau 54 Kilogramm (BMI: 21,36). Vielleicht liegt dies auch mit Symptomen der Panikstörung zusammen, oder dem Rücken, oder den Unterleibsschmerzen. Genau weiß ich es nicht, aber diesbezüglich hört man von mir keine Beschwerden.
Das Ziel sind vorerst 52 Kilogramm (BMI: 20,57).

~ + ~

Die Nachricht von meiner Cousine ruht noch immer ungeöffnet und unangetastet im Facebook-Nachrichten-System.

Montag, 4. August 2014

Iatrophobie

Vor ein paar Jahren:

Falscher Sonnenschein der viel zu hellen Halogen-Lampen brennen sich in meine Augen. Es ist wieder einer dieser Orte, an dem alles nach Desinfektionsmittel riecht. "Damit es nicht nach Krankheit und Tod riecht", sagt das Schwein. "Riecht es nicht immer nach Desinfketionsmittel, wenn man etwas zu verbergen hat? Es gibt ja auch seinen Grund, warum du dir immer wieder die Haut vom Fleisch wäscht."
Mit jeder Minute in ausharrendem Warten wird es schwerer zu atmen. Nur mit Niemandem Blickkontakt aufnehmen. Sie können es sehen, können sofort erkennen, wie fehl am Platze ich bin. Immerhin weiß ich selbst nicht, ob etwas in mir wohnt, oder nichts, oder ein bisschen von Beidem.
Die Frau zu meiner lehnt sich zum Tische in der Mitte und nimmt sich eine Zeitung. Ihre Hände sind dreckig. Die Magzine sind dreckig. Der Tisch ist dreckig. Die Türknaufe sind dreckig. Stifte sind dreckig. Ich bin dreckig. Sofort muss ich mir die Hände waschen gehen, zwei Mal - und ein drittes Mal für Glück. 


Wieder warten. Still halten und nicht auffallen. "Jetzt bleibe doch einfach ruhig", mischt sich das Schwein wieder an. Wie merkwürdig die Leute hier es wohl finden würden, wenn sie wüssten, dass ich neben ihnen mit einer Pseudohalluzination rede? Wenigstens ist es nur das Schwein, nicht die anderen.
Aus unbekannten Grund fallen mir nun die Worte meiner Mutter ein als ich als Kind mit Magenschmerzen im Bett lag: "Gott schädigt deinen Körper nur, weil er weiß, dass du es überstehen kannst."
Mir kam eher die Idee, dass meine Beschwerden von zu viel Stress und körperlicher Zurechtweisung stammen konnten, aber wer weiß? Vielleicht war es auch Gott. Mit unreifer Naivität fragte ich meine Mutter dann: "Oh? Und wenn der Arzt mich wieder heile macht, ist er dann auch Gott?"
Für eine Woche hat sie nicht mehr mit mir geredet. Nicht einmal eine Suppe bereitete sie mir zu. Mein Bruder musste das übernehmen. Dies lehrte mir, dass Gott womöglich über allen steht, sogar die eigenen Brut, und wenn es darauf ankommt, er dir alles zutraut, alles zumutet, aber niemals zur Rechenschaft gezogen werden darf.
Wie erklärt man nun einem Arzt, der bekanntlich nicht Gott ist, dass man kein Konzept für Tod und Leben hat? Wie erklärt man jemanden, der es sich die Verlängerung und Erleichterung des Lebens zur Aufgabe gemacht hat, dass man selbst Schmerzen und Qualen ertragen würde, weil der Tod eine erwünschenswertere Option erscheint?
"Dir ist schon bewusst, dass der Arzt da ist, um dir zu helfen?", fragt das Schwein. Es hat diesen überlegenen, entnervten Unterton in seiner Stimme. Als hätte es langsam genug von meinem Kopf, obwohl es genau dort herkam.
"Das sagst du auch nur so lange bis dich zwei Ärzte und drei Krankenschwestern zum ersten Mal an ein Bett fesseln; nein, entschuldige, "fixieren", um dir Spritzen und Infusionen in die Venen zu rammen, die du gar nicht willst und höllisch weh tun.", antworte ich. Zum Kontern angesetzt, öffnet es die Schnauze, doch die Sprechstundenhilfe ruft aus:

"Frau Emaschi, Sie können nun zum Herrn Doktor."

Er lächelt über meinen verschwitzten Händedruck hinweg. Extra weiß und makellos, wie aus einem Hollywood-Film, fast beängstigend perfekt.
Dieser Raum ist so kalt, oder sind das nur meine Füße? An der Wand hängen drei verschiedene Universitäts-Zertifikate mit seinem Namen. Daneben ein verschlossenes Medizinschränkchen, auf dem ein kleines Anatomiemodell eines männlichen Torsos steht. Die Praxis befindet sich leider im vierten Stock, der einzige Rettungsweg bleibt wohl dich die Tür. Ein Stockwerk wäre machtbar, aber vier? Selbst die Versicherung würde an meinem Geisteszustand zweifeln.
Gott sei Dank sitzt er zum Fenster, und ich mit dem Rücken zur Flucht.
"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragt er mich und versucht mich dazu zu bringen, ihm in die Augen zu schauen. Wie laut der Aufprall wohl klingt, wenn jemand aus dem vierten Stockwerk springt?
"Junge Frau?", oh ja, die weiße Pille am Morgen, die rote Pille am Abend. Mit Wasser, aber nicht zusammen mit der Mahlzeit. Anrufen, wenn man mehr braucht. Wenn man nicht anrufen kann, braucht man trotzdem mehr. Bis man zu klein zum sprechen und zu groß zum weinen.
"Ich bin krank", flüstere ich. Dies bewegt den Arzt dazu, sich näher zu lehnen, und ich drehe mich weg. Den Blick fixiert auf das Stethoskop um seinen Hals.
Letztendlich drückt er meinen Bauch ab, denn ich unfreiwillig anspanne. "Versuchen Sie locker zu lassen", möchte erneut von mir, zum sechten Mal - doch noch einmal für Glück. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn. So funktioniert das nicht. Auf professionelle Fragen folgen peinliche Antworten. Natürlich nicht bevor die Relevanz korrekt abgeschätzt worden ist, und mit einem Stottern.
Überraschenderweise fragt er mich, ob ich etwas sehen würde. Kann er das Schwein auch sehen? Oder ist das eine Interpretationsfrage und umstritten wie der Rorschachtest? Tintenkleckse sind Tintenkleckse - hoffentlich schließt er nicht von Kätzchen und Elefanten auf meine Persönlichkeit. Lügen allerdings ist keine Option.

"Körperlich kann ich nichts finden", spricht er mit ruhiger Stimme aus.
"Vielleicht muss man noch einen Ultraschall machen", füge ich hinzu.
"Nein, ich gehe aus, dass all ihre Symptome psychosomatisch sind. Bitte suchen Sie einen Psychologen, wenn möglich auch einen Neurologen auf."
Dies ist ein Quiz. Nochmal die Zunge raus strecken. Noch ein gescheiterter Versuch zu erklären, dass ich mir das nicht einbilde.
Habe ich ein Messer im Herzen? Im Magen? Nadeln in meinem Kopf? Einen Hammer in meiner Schädeldecke?
"Ich schreibe Ihnen eine Überweisung. Dort wird man ihnen helfen können. Sollte der Schmerz zu groß werden, probieren Sie es mit einem Ibuprofen - aber nicht mehr als drei am Tag und nicht länger als vier Tage hintereinander. Sonst kann ich Ihnen nur an Herz legen, Sport zu machen und Entspannungstechniken zu probieren. Gute Besserung", und einen Moment zu plötzlich steht er auf. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich aus dem Stuhl falle. Ist schon ok! Bitte nicht helfen! Bloß nicht anfassen!

Mit einem flauen Gefühl im Magen verlasse ich die Praxis. Meine Unterleibsschmerzen bilde ich mir ein. Das Gleiche sagte schon einmal ein Arzt zu mir. Dann muss es wohl wahr sein. Ich bin so hungrig nach Aufmerksamkeit, dass ich daran krank werde.
Macht Sinn.
Macht überhaupt keinen Sinn.
Bestimmt weil ich als Kind blasphemisch über Gott sprach.
Nichts ist falsch. Alles passt mit mit.
Was ist bloß mit mir los, mir das alles einzurenden?

Heute

Die Schmerzen im Unterleib sind nie auf Dauer verschwunden. Dazu gekommen sind die Rückenschmerzen und Kopfschmerzen, wenn man rein bei körperlichen Beschwerden bleiben möchte. Geblieben ist die Angst vor Untersuchungen und Ärzten.
Kann jemand verstehen, dass ich mir vor Sorge fast in die Hosen mache, aus Angst, es wäre alles eingebildet? Mir ist ja bewusst, dasss ich ein Jammerlappen bin, aber ich konnte die letzten Tage kaum laufen, doch heute ist es schon gar nicht "so schlimm". Offen gestanden traue ich es meinen Körper zu, die ganze Zeit Schmerzen zu spüren und wenn er dann vor dem Orthopäden steht, nichts mehr zu haben.
Es ist lächerlich voraussehbar.

Morgen früh Schilddrüsen-Sonographie.
Dienstag früh Orthopäde.
Ich habe große Angst.

Sonntag, 3. August 2014

"Aber verratet es keinem!"

Darf ich euch ein Geheimnis anvertrauen?

Mein Cousin ist offiziell als behindert eingestuft - aufgrund von Diabetes Typ 1, Gehör- und einhergehenden Gleichgewichtsproblemen und leichter Intelligenzminderung.
Als damals... nun ja,... die Dinge ihren Lauf nahmen, machte sich Niemand großartige Gedanken darüber, wenn wir uns ein Zimmer teilen mussten.
Jeder war sehr umgänglich mit ihm - sogar meine Eltern -, verständnisvoll und fürsorglich. Oft hielt man es für Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen, wenn ich mich vehemennd dagegen wehrte, wieder mit ihm allein gelassen zu werden, warf mir schreiend und ohrfeigend asoziales Verhalten vor. Denn oft täuschte ich Krankheit vor, benahm mich daneben, war ängstlich und aß nichts, in der Hoffnung ich würde nicht zu ihm müssen.
Ich musste immer mit. Und immer endete es im gleichen Schmerz und einem Meer aus versteckten Tränen. Mir war es peinlich, mich asozial zu verhalten; dachte, ich müsse meinen Körper herhalten. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte ich ohnehin nur die Wut meines Vaters auf mich gezogen. 
Ich schäme mich so für alles, was ich damals gemacht und gefühlt habe. Für das Blut, welches meine Schenkel hinab floss und ich am nächsten Tag so schnell wie möglich selbst, wegwischen musste. Damit es Mama und Papa nicht sehen. Dafür, dass ich es nicht jemanden gesagt habe - noch immer nicht. Nur die Leute hier auf dem Blog kennen mich. Insgeheim wünschte ich, ich hätte die Kraft, meinem Therapeuten ansatzweise davon zu erzählen. Aber ich schaffe es nicht? Weiß nicht, wie und warum und mit welchen Konsequenzen?
Bis heute habe ich schreckliche Angst vor ihm, obwohl ich ihn schon Jahre nicht gesehen habe. Diese Nacht hatte ich furchtbare Flaschbacks und Panik, Panik, Panik.

Seine Schwester hat mir eine Nachricht bei Facebook geschrieben. Schon vor ein paar Tagen. Mein Herz fing schon an zu stolpern, wenn der Mauszeiger auch nur in die Nähe der Links kam.
Was soll ich tun? Ich trau mich nicht. Und ich weiß ja auch nicht, worum es geht. Sie weiß es nicht, richtig? Woher auch...? Nein, sie kann es nicht wissen. Oder weiß sie es aus eigener Erfahrung? Was ist, wenn mein Schweigen damals Schuld daran ist, dass mit ihr... etwas... passiert wäre?
Schreckliche Angst. Unaussprechliche Scham und Schuld. Den Tränen zu nahe. Kann mir jemand einen Rat geben?
Bin am Ende.

Samstag, 2. August 2014

Falsum

Selbst ich werde überdrüssig von Selbsthass und sogar von der Angewohnheit alles zu hassen, was mich an mich selbst erinnert. Was kann man noch lieben, wenn man alles bis auf die Grundmauern niedergerissen hat?
Wäre ich mutig genug zu sagen, was diese Qualen am Brodeln hält, würden vielleicht sogar irgendwann diese Widersprüche vergehen.
Ich wünsche mir, Leute würden verstehen, dass es die Taten sind, die wir vollziehen, wenn keiner uns beobachtet, die uns definieren. Denn ich schwöre euch, ich bin nicht so ein schlechter Mensch wie es scheint. Auf jeden Fall möchte ich ein besserer Mensch sein als er scheint. Mein Kopf, diese Schmerzen und die Erinnerungen wären nur erträglicher, wenn ich irgendwo dazu gehören würde und einfache Sicherheit haben könnte, dass die Welt/die Menschheit/die Zeit gar nicht so schlecht sind. Doch eigentlich möchte ich auch keine Bürde mehr für andere sein, was mich wiederum wieder ins Zweifeln bringt.

Freitag, 1. August 2014

Ich vermisse meine Kaninchen. =(

In letzter Zeit vermisse ich vermehrt meine Kaninchen wieder. Wahrscheinlich werde ich es mir nie verzeihen, dass ich sie durch die Wohnverhältnisse hier abgeben musste. Für mich waren sie ein großer Halt, vor Allem eine wirkungsvolle Ablenkung.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum, in dem alle Kaninchen, die ich je pflegen durfte, auf einer Wiese spielten und zum Schluss von einem Weißkopfseeadler mitgenommen wurden. Warum auch immer es gerade ein Weißkopfseeadler sein musste, hat mein Gehirn noch nicht genauer definiert. Seitdem ich wach bin, herrscht in mir wieder diese Sehnsucht nach der Wärme eines Haustieres. Wie sehr ich meine Aquarien auch schätze, Garnelen und Fische sind zum Schmusen nicht sonderlich gut geeignet. ^_^ Ich habe sie nie als Kaninchen bezeichnet, sondern immer die Flauchbälle gesagt. Das ist auch der Grund, warum ich auf Facebook Emaschi Flauschball heiße. Viele meiner Bekannten nennen mich auch heute noch Flauschi, weil ich auf die Frage, was ich vorhätte, immer mit "Flauchbälle bespaßen" oder ähnlich antwortete.

Von meinem allerersten Kaninchen, damals aus Unwissenheit noch alleine gehalten, habe ich leider kein Foto. Aus dem simplen Grund, dass ich noch keine Kamera hatte. Ihr Name war Stupsi. Sie war schlicht schwarz und hatte drollige Knopfaugen. Unerwartet habe ich sie damals auf einem Markt (?) gewonnen und einfach nach Hause gebracht. Begeistert war keiner, aber auch nicht so verärgert wie ich vermutet hatte. Mein Vater hat für die Anfangszeit einen sporadischen Käfig gebastelt, aus dem Stupsi letztendlich immer von alleine ausgebrochen ist. In der Nacht ist sie oft auf mein Bett gesprungen und hat mich viel-sagend angeschaut. Zusammen mit dem Meerschwein meiner Cousine hat sie ihre Zeit verlebt. Schon damals habe ich nach bestem Wissen und Gewissen alles dafür getan, dass es ihnen gut geht.
Leider ist sie noch 2005 gestorben. Die letzten zwei oder drei Jahre hat sie noch mit einem Löwenköpfchen namens Gwend zusammen verbracht. Dies ist die elbische Bezeichnung für Freundschaft oder Bund. Aus einem Zoofachhandel in meiner damaligen Nachbarstadt habe ich sie gekauft. Vom Charakter her war sie überaus schüchtern und hat sich den Menschen lieber von einer sicheren Entfernung angeschaut.

Hier soll ich jetzt wohnen?
Erstmal eine Stärkung!
Wenn du die Balkontür aufmachst, wirke ich noch viel süßer!

Die Mutige hat einen Umzug über drei Bundesländer hinweg mitgemacht. Für sie war dies aber die beste Option, denn sonst hätte sie ihren Lebtag alleine verbringen müssen.

Nach den gewohnt anfänglichen Streitigkeiten der Rangordnung unter Kaninchen erblühte sie richtig auf, Vielleicht war es der Charme eines Rammlers, oder ihr Motto lautete "Je mehr, desto besser! Und zwei Freunde sind besser als eine Freundin!"

Snoopy war der absolut verschmusteste von allen Flauschbällen. Wenn man nur in seine Nähe getreten ist, hat er sich hingelegt, um gestreichelt zu werden. Hielt man allerdings die Leckerlie-Box in der Hand, wurde man auch mal niedergerannt. Und für ein Wohnungs-Kaninchen hatte er eine stadtliche Größe! Geboren wurde er nämlich eigentlich zur Schlachtung, doch weil ich in einem verterinärmedizinischen Labor arbeitete und ich den Herren, der für die Kaninchen zuständig war, relativ gut kannte, durfte ich mir ein Kaninchen mit nehmen. Snoopy war auf jeden Fall ein Glückgriff, seine Art hat schnell verzaubert. Für manche wirkt er vielleicht ein wenig zu kugelig, aber da Schlachttiere für Fleischmasse gezüchtet werden, sah er bereits als "Kleinkind" so aus.

Als junger Bursche
Aufmerksam und schmusig

Damals noch in vorübergehender Einzelhaft, weil er ja kastriert werden muss. Da sich nach der Kastration bei einem zum Zeitpunkt der Operation bereits geschlechtsreifen Rammler noch Restsamen in den Samenleitern befinden, musste er erstmal vier Wochen so verbringen.
Unter Umständen habe ich es mir eingebildet, weil er sich einfach mehr und mehr an die Menschenhand gewöhnt hat, doch nach der Operation war er noch handzahmer als vorher! XD

Schönheitskönigin Spooky war die Dritte im Bunde. Jeder, der sie sah, hatte immer das Bedürfnis verpürt, ihr zu sagen, wie atemberaubend gut sie aussah. Im Nachhinein scheint es sonderbar, dass Menschen ihr dies vokal mitteilen wollten. Als würde das Kaninchen einen Ego-Schub brauchen. =) Außerdem war sie der Favourit meines Bruders, was eigentlich keinen Bonus brachte, aber Tatsache war. Sie hat sich nur streicheln lassen, wenn sie dabei gefressen hat. Eine echte Diva eben, entschieden wir damals.

Sie schaute immer böse, wenn man sie berührte. XD Hier habe ich ihr Fell am Kopf zerzaust.
Meine Schale. Geh weg.
Kinderfoto

Alle Drei sind gleichzeitig auf den Balkon gezogen. Dieser war natürlich mit einem isoliertem Stall und einer schutz- und schattenspendenden Hundehütte versehen. Der Mann in der Runde war nicht zu ruppig mit seinen Mädchen und es ging schnell, dass sich alle aneinander gewohnt hatten. Sogar schneller als ich dachte, weil ich mich zuerst sorgte, Gwend, die ältere Dame, könnte Probleme damit haben, dass der jüngere Bock ihr den Rang streitig machte. Aber nicht im Geringsten. Nach zwei Tagen Futterneid war alles ok. So blieb es auch für ein Jahr. Leider ist Gwend gestorben. Der Pathologe in dem Betrieb, in dem ich damals arbeitete, diagnostizierte Kokzidien (Parasiten, die den Magen-Darm-Trakt befallen). Vielleicht aucht schon aufgrund schlechter Züchtungsverhältnisse (Tierhandlung?) könnte sie schon als Jungtier infiziert worden sein. Mir war es nicht aufgefallen, weil sie alle normal gefressen hatten, keinen Durchfall hatten und auch sonst keine apathischen/pathologischen Verhaltensmuster zeigten.
Snoopy und Spooky wurden vorsorglich behandelt und der Teppich, den ich sonst nur absaugte, wurde ganz und gar ausgetauscht. Irgendwie erinnere ich mich gut daran wie ich mehrere Stunden hinter einander den Stall und die "Pfanne" darin putzte.

Ein Küsschen für dich...
... und ein Küsschen für dich!
Wieder sind ein paar Monate vergangen. Zwischen Snoopy und Spooky lief alles Bestens. Worüber soll man sich auch beschweren, wenn man zwei Mal täglich einen gefüllten Fressnapf serviert bekommt, einmal täglich die Umgebung gereinigt wird und man mehrmals täglich ein Leckerlies und Schmuseeinheiten bekommt?

Für Fressen muss man manchmal auf den Rücken seines Mannes steigen!
Hier noch einmal ein schöner Größenvergleich.

Eines Tages erreichte mich ein Anruf einer Bekannten. Ihre Tochter hätte laut ihrer Aussage ohne Erlaubnis ein Kaninchen erstanden, doch würde nun allergisch darauf reagieren. Daraufhin bat ich sie, das Kaninchen erstmal in ihrem Zimmer oder meinetwegen im Flur unterzubringen. Das würde sie nicht wollen und sie wollte nur fragen, ob ich es nehmen wolle. Wen nicht, würde sie es halt aussetzen!
Sofort stellten sich mir die Nackenhaare auf. Sicherlich würde sich ein Marder oder Fuchs freuen, aber das Kaninchen konnte wirklich nichts dafür. Also brachten sie mir die "kleine Maus". Man wollte aber nicht, dass ich mit der Tochter spräche. Aus angeblicher Angst, ich könnte sie zu sehr anfahren. So wird man schnell vom Ritter zum Henker: Gut genug, um ihre "Lasten" ab zu nehmen, aber zivilisiert mit einem Mädchen reden, traut man mir wohl nicht zu. Für mich war dies nur ein Eingeständnis, dass sie die Sache selbst verbockt hat.

Das Kaninchen allerdings war herzig mit ihrem Chinchilla-grau-farbenden Pelz. "Klein" war aber weiß Gott etwas anderes. Bei Kaninchen kann man relativ gut an den Ohren erkennen, wie groß sie werden. Je kleiner die Ohren, desto kleiner werden sie auch. Bei Widdern gilt dies leider nicht, doch an den Pfoten konnte man bereits in ihrem Alter (hab so 8-10 Wichen geschätzt) sehen, dass sie wohl zu groß für ein Kinderzimmer werden würde. Im Vergleichsfoto unten kann man sehen, dass sie als Baby schon so knapp so groß war wie die ausgewachsene Zwergwidderdame.
"Baby" vs. ausgewachsen
Zum Vergleich der Ohrenlänge. Beim Baby schleifen die fast am Boden. XD
Wagemutig habe ich sie zu den anderen Zwei gesetzt. Dies ist nicht die beste Idee, da Revierkämpfe für so ein zartes Kaninchenkind schmerzhaft enden können. Beweggründe gab es für diese Entscheidung: Snoopy und Spooky zeigten nie aggressives Verhalten untereinander, auch nicht gegenüber Gwend. Es war nur dort genug Platz für das Jungtier. In der Wohnung direkt hätte sie in der kleinen Transportsbox sitzen müssen und das wäre auch keine Lösung auf Dauer. Also auf in die Höhle des Löwens.
Trotz Herzklopfen und Nervosität ist alles gut gegangen. Snoopy ist zu ihr hingesprungen, hat sich gewundert, was das soll und ist wieder weggesprungen. Die Kleine hat sich auch sofort unterwürfig gezeigt. Da hat er sich wohl gedacht, da lohnt sich die Mühe gar nicht. Spooky hielt es notwendig, ihr ein paar Mal in den Po zu zwicken - ohne offene Wunden, natürlich! - und hat sich damit abgefunden. Ging relativ schnell. Schon am gleichen Abend haben sie zusammen gefressen. Musste nicht einmal getrennte Schälchen anbieten:

Nom Nom Nom
Erdbeeren lassen schnell den Stress des Tages in Vergessenheit geraten
Was hast du da?
 Schon bald habe ich über meinen damaligen Praktikumsplatz in der hiesigen Tierarztpraxis eine nette junge Familie gefunden, die für ein wunderschönes Außengehege Kaninchen suchten. 
Sie lebt heute noch und manchmal gehe ich an dem Haus vorbei, in dem die Adoptivfamilie wohnt. Leider kann ich sie vom Zaun aus nicht sehen. 

Wieder verging eine Weile in trauter Flauschball-Zweisamkeit. Snoopy und Spooky lebten gesund und munter. Sie waren zu der Zeit mein Standbein. Denn gestresst von Arbeit und den selbigen Symptomen wie heute, brauchte ich nur in ihre Äuglein zu schauen oder von ihnen mit dem gesamten Gesicht angestupst zu werden und der Schmerz wurde erleichtert. 

Manchmal reichte seine Energie nur zum Anheben eines Ohres.
Im Winter muss sich warm gekuschelt werden
"Niederer Wurm, reich' mir ein Leckerlie!"
Dann passierte etwas sehr Sonderbares: Eine andere Bekannte rief an und wollte wissen, ob ich zwei Kaninchen haben möchte, die wären quasi heimatlos und sie müsse sie sonst ins Tierheim bringen. Obwohl mir die Option schon leicht besser gefiel als sicherer Tod, fragte ich, wo die Beiden denn herkämen. Keine Information wurde ihr dazu gegeben. Angeblich hätte sie die Kaninchen gefunden. Im ersten Moment hatte ich recht trotzig reagiert, ob man mich denn für blöde halten würde. Denn sie wusste davon, dass ich damals von einer anderen Bekannten ein Kaninchen aufgenommen habe. Irgendwie hatte sie es aber geschafft, mich davon zu überzeugen, dass sie nicht lügen würde. Die Kaninchen seien neben der Mülltonne in einem Karton gefunden worden und sie hat sie mitgenommen. An sich hätte sie die Kaninchen behalten, aber sie hätte keine Ahnung von Kaninchen und mit ihrem Hund genug zu tun. 
Also gut. Ich mochte diese Bekannte recht gerne, das hat das Überzeugen wohl auch leichter gemacht. Außerdem muss man ja mal schauen, ob die Zwei nicht zu einem Tierarzt sollten. 
Mit dem Auto hat sie die Kaninchen im selben Karton zu mir gefahren. Obwohl sie ihnen nicht einmal Wasser anbot - und man muss kein Experte in Tierhaltung sein, um zu wissen, dass Wasser und Fressen immer wichtig sind -, waren sie in guter Verfassung. Nicht zu dehydriert, reagierten auf die Umgebung, fraßen das von mir angebotene Heu und hatten nachweisbare Darm- und Blasentätigkeit. Auch rochen sie nicht streng, hatten keine Parasiten und kahle Stellen. Zwei wunderschöne (!!!) Tiere. Wenn ein Tier vom Aussehen kindergeeignet wäre, wären es wohl diese Zwei gewesen! 
Hier kommt noch der Clue: Beim Nachschauen, welches Geschlecht sie haben, stellte sich heraus, dass das blauäugige Männchen bereits kastriert war. Welche geistesabwesende Mensch setzt ein junges, gesundes, perfekt aussehendes Kaninchenpaar aus und gibt davor noch zu dem Einkaufswert der Beiden geschätzt 60-80 Euro für eine Frühkastration des Rammlers aus? 




Einfach wunderschön. Mir blieb ja fast der Atem stehen als ich sie sah. Die wollte ich nicht mehr hergeben. Das habe ich meinem Bruder klar gemalt als ich sie gesehen habe. Ein blauäugiges Kaninchen scheint mehr sogar ein Rassestandard zu sein. Im Handel würde man wohl gut 30 Euro für ihn zahlen, wenn nicht sogar mehr, wenn er vom Züchter direkt ist. Und er war kastriert! Und dieses Mädchen! Schaut sie euch an mit dieser gerad-linigen Markierung über dem Gesicht! (Im Vergleich kann man hier auch sehen, dass es tatsächlich Zwerge sind wegen den kürzeren Ohren und den Minipfötchen.)
Zu Snoopy und Spooky habe ich sie trotzdem noch nicht gesetzt. Am Montag nahm ich sie mit zur Arbeit und habe sie vom Tierarzt durchschauen lassen. Eigentlich war dies er Geflügelspezialist, aber "das Grundstudium ist das Gleiche wie bein den Kleintieren", laut seiner Aussage. Sie waren gesund und hatten keine Parasiten, was die Kotuntersuchung ergeben hatte, 
Da machte ich mir nur noch Sorgen um Snoopy. Immerhin war dieses Mal ein männlicher Mitstreiter dabei. Würde dies gut gehen? Er war gerade mal ein Drittel so groß und eben recht "zart". Wie das Weibchen auch. 
Jedoch lange Rede, kurzer Sinn: Letztendlich bliebt mir ohnehin nichts anderes übrig als die Vier zusammen zu führen. Dieses Mal nicht in ihrem eigenen Gehege, dem Balkon, sondern im Bad. Damit wollte ich bezwecken, dass Snoopy keinen Terretorialanspruch an dem kleinen Männchen auslebt. Bewaffnet mit dicken Schutzhandschuhen, falls man doch dazwischen gehen müsste, setzte ich die so zeitgleich wie möglich in das abgesicherte Bad.
Auch hier hat mich das freundliche Grundwesen von Snoopy und Spooky nicht enttäuscht. Wie gewohnt wurde gezwickt und umher gejagt, und Snoopy hat tatsächlich den Kleinen etwas länger "berammelt" als er es bei anderen Weibchen je getan hat. Das machen Kaninchen, und auch andere Tiere, um ihre Dominanz zu demonstrieren, nicht um ihren Sexualtrieb aus zu leben. Für zwei Tage wurde man also beim Toilettengang von vier Augenpaaren beobachtet, aber sonst klappte alles wie erhofft.
Auch der Umzug auf den Balkon klappte problemlos. Getauft wurden sie von meinem Bruder auf Bonnie und Clyde.

Bonnie und Clyde beim Fressen
Jemand hätte Bonnie das Prinzip von "Futter aus der Schale nehmen" erklären sollen
Sie kämpft. XD
Ab hier hätte alles perfekt sein können. Es hätte keinen Platz für Notfälle mehr gegeben, alle haben sich vertragen, die Herren waren kastriert und für Pflege und Versorgung war stets gesorgt. Wenn man alles richtig mit einem Schutznetz versehrt, sturzsicher und tierfreundlich macht, kann der Balkon ein schönes zu Hause für Flauschbälle bieten.

Ein Brief sollte die Stimmung der damaligen Gesamtsituation um 180° kippen: Der Vermieter teilte mir mit, dass ein Nachbar sich über Geruchsbelästigung beschwerte. Man wolle mir aber nicht sagen, welcher. Immerhin hätte man ja über gewisse Probleme reden können. 
Ich habe zwei Wochen Zeit, dies in den Griff zu bekommen. Nur reinigte ich ihre Schalen bereits einmal täglich und in fünf Jahren hatte sich keiner beschwert. Mir kam der leise Verdacht, dass es sich um den neuen Nachbarn handeln könnte, welches schräg über mir eingezogen war. Später stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um diesen Verdächtigten handelte, aber das spielt prinzipiell keine größere Rolle. 
Zusätzlich zur Reinigung verwendete ich nun ein "Anti-Geruchs-Spray" und ein "Anti-Geruchs-Pelletstreu". Geändert hatte dies nichts. Der zweite Brief kam und brach mir absolut das Herz: Vom Balkon müssen die Kaninchen verschwinden. Die Vermietung könnte die grundsätzliche Haltung von Kaninchen nicht verbieten, doch liegen Beschwerden vor, könne man sie von der Balkonhaltung verbannen. Es war schlichtweg ein Alptraum. Verzweifelt rief ich bei der Vermietung an, ob man sich nicht von der tatsächlichen Situation vergewissern wolle, denn hier stinkt gar nichts. Die letzten fünf Jahre hatte mein Obermieter nicht einmal gewusst, dass dort Kaninchen lebten. "Wenn Ihnen die Kaninchen nicht selbst zur Geruchsbelästigung werden, halten Sie sie doch in der Wohnung. Das dürfen Sie selbstverständlich weiterhin." 
Wie ihr wisst, wohne ich in bescheidenen Umständen, teile mein Zimmer mit meinem Bruder und haben noch einen Mitbewohner. In dieser Wohnung konnte ich sie nicht unterbringen. Es gab keinen Platz - weder für Vier, noch für Zwei. 
Über die Pinnwand der Tierärztin habe ich zwei herzensgute Familien finden können, die jewels Snoopy und Spooky und Bonnie und Clyde zu sich genommen haben. Besonders süß war die kleine Tochter der ersten Familie. Die Mutter machte sie Sorgen darum, dass Snoopy zu groß wäre und genau in diesem Moment hüpfte der Große auf sie zu, machte Männchen und setzte seine Pfoten auf ihren Schulterbereich. Das Mädchen fing lauthals an zu lachen und umarmte seinen gesamten Körper. Damit war der Deal wohl beschlossen. Snoopy geht so mit allen Menschen um. Spooky war auch interessiert und solange man ein Leckerlie bei sich trug, konnte man sie sogar hoch heben.  Ich habe dem Mädchen noch ein paar Tipps zum Tragen, zur Fütterung und Handhabung von Kaninchen mitgegeben und damit gewartet, in Tränen aus zu brechen bis sie mitsamt Transportbox von dannen spaziert sind.
Bonnie und Clyde fanden schneller Nachfrager: Wahrscheinlich durch ihr liebenswertes Aussehen und dem Alter. Vater und Sohn erstanden das Pärchen. Der Sohn war ein wenig schüchterner, doch genau so aufgeweckt und liebevoll im Umgang mit den Tieren.
Beide Familien versprachen mir E-Mails mit Fotos und Neuigkeiten der Flauschbälle zu schicken. Doch... nun ja... es kam weder von den einen, noch von den anderen welche an. 

Umgefallen
Lasst mich noch dazwischen!



Ich vermisse sie so sehr. Noch immer kann ich nicht auf den Balkon treten ohne sehnsüchtig an sie zu denken. 
Nachdem sie fort waren, wurde es komplett still und leer. Ich fing an zu hungern.Zugegebenermaßen nicht ausschließlich und nicht hauptsächlich wegen der Kanninchen. Der Rest ist wohl meine Blockgeschichte.

Manchmal ist es fast schon lächerlich. Denn man sagt mir oft: "Mensch, Emaschi, das ist doch jetzt auch wieder vier Jahre her." 
Ja, richtig, es ist schon wieder so lange her und es tut noch immer weh. Oft genug werde ich noch daran erinnert. Allein schon wenn ich diesen Obermieter sehe... Daraufhin folgen Aussagen wie "Kauf' dir doch einfach neue" - aber ist ihnen bewusst, dass ich noch immer in und unter den selben Umständen lebe wie 2011? Außerdem... ich möchte sie... und keine anderen Kaninchen mehr. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich kein Haustier mehr halten würde, wären die Umstände gegeben. Doch ich vermisse meine Schätze zu sehr, dass diese Sehnsucht gefüllt werden könnte. Und ein Tier ist kein Platzhalter für irgendwas. Ich vermisse sie.

Bonnie ist noch immer zu klein für den Napf
Snoopy und Spooky beschweren sich nicht
Gwend erkundet die Umgebung.
Spookys Schokoladenseite
9kg Lebensgewicht müssen sich ausruhen
So früh erwacht und erstmal im Heu gewälzt
Angsthäschen Clyde. Man sieht keinen Hals, nur ein Flauschball mit Ohren.
So klein hat man es schwer zur Möhre zu kommen!