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Dienstag, 3. März 2015

"Sie können sich glücklich schätzen."

Das könnte ich auch, zumindest summt dies eine Stimme inmitten meines verkorksten Gehirns.
Es ist einschüchternd deprimierend; immerhin ist es keine Neuigkeit, dass ich unendlich traurig bin. Eröffnend erscheint nun jedoch der Sprung, der nach dem letzten Eintrag folgte. Ins Dunkel, doch nicht tief genug - oder es war der Aufprall in falscher Position. Macht prinzipiell keinen Unterschied. Denn hier sollte nun eigentlich das erleichterte Aufatmen in Kraft treten: Meinen Knien wurde der schmerzhafteste Schrecken ihres Lebens eingehaucht. Sonst atmet es sich schlichtweg weiter. Einfach so dahin gestellt, ob ich dies positiv bewerte oder auch nicht. Ich schätze mich nicht glücklich in dem Sinne, dass ich ein anderes Ziel im Blickfeld hatte. Für keine größeren Folgen meiner unbedachten Verhaltensmuster bin ich jedoch durchaus dankbar.
An den Abend selbst erinnere ich mich kaum. Viele Stimmen, Flashbacks und - wie eh und je - die Angst mit diesem Ziehen in der Brust. Unter Umständen ist etwas gestorben. Nein, mit Sicherheit ist etwas gestorben. Menschlichkeit, vielleicht, der Atemzug, den man macht bevor eine Änderung eintritt. Oder handelt es sich hierbei lediglich um Luft anhalten? Das Warten, dass eine Änderung eintritt, die man nicht erhofft, weil man sich nicht zu kontrollieren weiß? Mir fällt es schwer, einen Gedanken zu fassen. Weiß nicht, was richtig oder falsch, vorne und hinten, Erinnerung oder Einbildung ist; weiß nicht, warum die Zeit vergeht und nichts ändert und gleichzeitig alles nimmt und plötzlich stehen bleibt – vor Allem weiß ich nicht, was die ganze Fragerei zu bedeuten hat. Sollte es doch besser wissen. Sollte es besser einschätzen können. Sollte nun das Licht am Ende des Tunnels sehen können. Sollte, sollte, sollte – nicht wahr?  
In aller Namen möchte ich mich bei euch entschuldigen. Keine Abschiedsworte zu hinterlassen war eine Vorgehensweise, die ich nicht beabsichtigte - zumal ich darauf bestehe, dass dieser Blog für mich mitunter den Zweck erfüllt, den Druck auslassen zu können. Ansatzweise, im geringstem Maße. Doch die Mischung aus Panikzuständen und Dissoziationen machte es mir nicht möglich, vernünftige, voraussehbare Entscheidungen zu treffen. Oder doch? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Eigentlich weiß ich gar nichts mehr so wirklich. Bitte verzeiht, noch haben die Gedanken in meinem Kopf keine Ordnung.
Nachdem ich nach 3,5 Tagen aus der orthopädischen Abteilung des hiesigen Krankenhauses entlassen wurde, kam ich auf schnellstmöglichem, direktem Wege auf die psychiatrische Überwachungsstation einer Klinik, die ich nicht sonderlich begrüße. Aufgrund von Erfahrungen und Selbsterleben, nicht von Vorurteilen.
Langwierige Tage folgten. Schlafen, Arztgespräch, Medikamente, Essen, die Wand anstarren, Medikamente, die Wand anstarren, Essen, Nickerchen, die Wand anstarren, Medikamente, Essen und hoffen, dass man bald vom erneuten Schlaf eingeholt wird. Dieses auf Wiederholung - für 8 Tage. Von dort aus ging es weiter in das "Depressions-Haus". Viel fesselnder war es dort offen gestanden auch nicht, jedoch konnte man die geringere Anforderung gegenüber dem Personal deutlich spüren. Kurz könnte man es als „lockerer“ beschreiben. Außerdem kam nun ein erfreulicherweise hinzu, dass ich semi-freien Ausgang erhielt, da ich aufgrund meiner Krücken ohnehin nicht weglaufen konnte. Oder von irgendwas herunter springen, was wohl das Wichtigere war.
Zwar wurde Internet zur Verfügung gestellt, aber zu Preisen, die ich mir nicht zumuten konnte. Immerhin kommen die Krankenhauskosten (zur vollstationären Unterbringung, 10 Euro pro Tag, nicht mehr als 28 Tage – bei mir also 280 Euro) hinzu, die ich noch nicht zu bezahlen in der Lage bin. Letztes Jahr füllten mein Psychiater und ich zwar einen Antrag auf Erlass der Zuzahlung für die gesetzlichen Zusatzbreiträge aus, eine Bestätigung auf Seiten der Krankenkasse erfolgte jedoch nie.
Den Durchblick habe ich verloren, wenn ich ihn je hatte. Kann nicht sagen, warum ich mich für den Sprung entschied, nichts war besser oder schlechter an genau jenem Tag. Die Ärzte fragen mich, worüber ich denn dann reden wollte und ich habe keine Worte mehr. Kann nicht sprechen. Kaum noch schreiben. Was ist geschehen? Immerhin war Stift, Papier und Tastatur meine Welt.

Was ist geschehen?
Ich sollte mich glücklich schätzen.
Was ist geschehen?
Es gibt keine Aussichten, keine Besserung von etwas, das ich nicht benennen kann.
Was ist geschehen?
Da draußen wartet eine Welt, vor der ich stets wegrenne.
Die Angst ist da, neben dem Schwein.
Was ist geschehen?
Es tut mir leid. Für eure Sorge.
Es tut mir leid, dass ich nichts zu geben weiß, was einen anerkannten Unterschied erzwingen könnte.

Kommentare:

  1. Du bist wieder da! :) weist du dass ich gerade echt erleichtert bin? Auch wenn es sich nicht schön liest, was du berichtest. Aber ich hab des Öfteren an dich denken müssen und mich gefragt, wie es dir wohl ergeht und was bei dir los ist.

    Ich denke an dich und wünsche dir viel Kraft <3
    Ich bin froh, dass du wieder/ noch hier bist!!

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  2. Liebe Emaschi, ich bin unheimlich erleichtert und sehr froh, dass es dich noch gibt - und ich wünschte, ich könnte dir etwas davon abgeben. Du bist wertvoll. Auch wenn du es nicht fühlen kannst - wir können es. Du hast hier gefehlt. Bitte gib das Schreiben nicht auf, bitte halt dich daran fest, so gut du kannst. Es ist egal, worüber du schreibst, aber ich habe Angst, dass das Nicht-Schreiben dich letztlich umbringt.
    Ich denke an dich. Sehr.

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  3. Liebes <3
    Ich machte mir Sorgen um dich und so wie ich lese zurecht.
    Ich habe gerade echt tränen in den Augen,ich spüre deine Verzweiflung in deinen Zeilen und kann das so gut nachvollziehen.
    Ich kann das schwer erklären doch fühle ich mich im moment ganz ähnlich wie du,kann es aber nicht niederschreiben..
    Ich würde dir gerne etwas aufbauendes hier lassen aber das käme mir geheuchelt vor...
    Ich schicke dir ganz viel Kraft und eine ganz ganz feste Umarmung!

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  4. Du bist wieder da. Du bist zum Glück immer noch da. Habe seit deinem letzten Eintrag täglich hier vorbei geschaut und bin gerade so erleichtert und dankbar.
    Fühl dich gedrück, liebes <3

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    1. Danke für deine Unterstützung. Hoffentlich ist es in Ordnung, wenn ich dir hier antworte. Ich bin auch sehr dankbar - und zwar für dich und deine Worte.
      Bitte bleibe stark.

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  5. Ich bin auch froh - und zugleich sehr erschreckt. In deinen Zeilen liest sich Konfusität und das ist wohl nur stimmig.
    Wer wollte dein Leben beenden - du oder das Schwein?
    Bist du jetzt wieder zuhause?
    Ich schenke dir einen wolldeckenwarmen Abend. Mit ruhigem Kopf.

    Alles Liebe, Anima

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  6. Ich bin so froh, dass du noch da bist. Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich manchmal an deine Weihnachtskarte und erinnere mich daran, dass es doch auch etwas Gutes hier auf dieser Welt gibt.

    Liebe Grüße
    K.

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  7. Es ist schön, wieder von Dir zu lesen. Ich wünsche Dir Kraft, Ruhe und irgendwann, wenn Du gar nicht damit rechnest und auch wenn Dir diese Vorstellung vielleicht gerade seltsam vorkommt, einen überraschenden, hellen Funken Freude.

    Liebe Grüße, Pirandîl

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  8. liebste emaschi,
    nichts muss dir leid tun.
    ich bin einfach froh, dass du am leben bist und wieder von dir hören zu können
    in gedanken schicke ich dir zuneigung und positive energie

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  9. Tut mir Leid, wenns jetzt etwas blöd klingt, aber mit sowas hab ich gerechnet- jedoch mit einem anderen Ausgang. Auch wenn du völlig verwirrt bist, kannst du eins mit Sicherheit wissen: ich bin froh, dass dir "nichts" passiert ist.
    Ist doch ganz egal, was du solltest, sei einfach. Oder schwer. Manchmal ist sein gar nicht so easy.
    Aryadne hat so Recht mit dem, was er/ sie schreibt. Weißt du, für- in deinem Falle- einen Poeten ist es (emotionaler) Suizid, wenn er das Schreiben und Dichten aufgibt. Vielleicht bist du ja auch wie Alice. Das Schreiben ist dein Wunderland.

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  10. Liebe Emaschi,
    ich bin wie all die anderen hier froh, etwas von dir zu hören, dass du noch da bist. Nach Lesen dieses Postes finde ich, du hast deine Worte wiedergefunden. Ich hoffe du siehst das genauso und gibst das Schreiben zumindest nicht ganz auf. Du kannst mit Worten so gut umgehen und ich möchte deine Texte nicht missen.
    Ich schicke dir eine ganze Menge Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen. ♥

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  11. Liebe Emaschi,

    du schreibst, du hast nichts zu geben.
    Ich widerspreche dir. Merkst du, wie wichtig du einigen Lesern hier bist? Dass sie sich gesorgt haben und sich nun freuen, von dir zu lesen?
    Du gibst Einblicke in dein Leben. Du gibst Worte und mit diesen Worten teilst du einen Teil deiner Seele.
    Ich meine, es gibt kaum etwas Wertvolleres.
    Was du gibst, ist wichtig und du bist es auch.
    Ich wünsche dir, dass dir dieser oder ein ähnlicher Gedanke Kraft schenkt, am Leben zu bleiben, auch, wenn dies gerade sehr schwierig erscheint.

    Alles Liebe,
    Feli

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