Montag, 29. Mai 2017

Weine und sei dankbar

I.
Wurdest mit verdrehten Füßen geboren ,
mit einem Krater auf deiner Brust.
Die arme Mutter ist schweißgebadet;
es fällt ihr schwer zu atmen -
doch dankt Gott, dass es vorüber ist.

Sie wiegt dich in ihren Armen,
küsst deine Sitrn mit sanften Lippen.
Auch dein Vater greift nach dir,
doch die Mutter lässt dich nicht frei,
lässt dich nicht fort.

Sogar die Familie schaut vorbei.
Ein Staunen und Säufzen am laufenden Band,
ein Lob und ein Lachen -
und in diesem Moment blickt vielleicht schon
deine Kinderseele umher,
schaut nach jemanden, die sie verantwortlich
machen kann.


II.
Wenn du das Schreiben erlernst,
benutzt du immer die falschen Buchstaben.
Deine Lehrerin ermahnte dich,
als du sagtest, dir würden die übrig
geblieben leid tun.
Sowas wie X und Z.

Du trägst Kleidung,
die nicht zusammen passt,
denn dir missfällt die Idee,
dass alles zusammen passen muss.

Das erste Mal, dass du von jemanden
ins Gesicht geschlagen wurdest,
war von einem Mädchen mit Pferdeschwanz
und Zahnspange.
Du hast auf einer Schaukel gesessen,
die Zehen im Sand vergraben
als sie mit erhobener Stimme deine
Merkwürdigkeit verkündete.
Deine Antwort war kindlich leicht:
"Nicht so komisch wie du".
Der rote Fleck zierte für knapp
vier Tage deine Wange.

Deine erste Liebe trafst du auch
auf einer Schaukel.
Er ist unsportlich und vergrub
seine Nase in ein altes Buch.
Ansprechen konntest du ihn nicht,
darum starrtest du ihn heimlich an -
nicht ein einziges Mal blickte er zurück.
Wiederholung.
Wiederholung.


III.
Mit Dreizehn erwischtest du ein
fremdes Mädchen beim
Ritzen auf einer öffentlichen Toiletten.
Wie auch immer sie vergessen haben kann,
wie man eine Tür verschließt,
bleibt ein Geheimnis.
Ein anderes Geheimnis gibt sie frei
nachdem du fragtest
"Kann ich's versuchen?",
und dich neben ihr nieder ließt.

Kurze Zeit später musste
dein Mutter die Küchenmesser
verräumen und einsperren.
Es machte dich krank.
So sehr, dass du dich in den Nächten
ausschließlich erbrochen hast.
Dein Kopf war krank,
der Körper ruhelos und zerfetzt -
nicht einmal die Haut konnte heilen,
denn Nägel kratzten sie stets wieder auf.

Zu der Scheidung deiner Eltern sagtest
du nichts.
Immerhin waren sie erwachsen
und du willst ja nur, dass sie
glücklich werden.
Schmerzhaft war's, dass sie nicht
nach deiner Meinung fragten.
Deine Mutter traf Entscheidungen für dich.
Bier traf sie für deinen Vater.

Am Tag, an dem er ging,
fandest du eine Nachricht:
"Ich liebe dich. Auf Wiedersehen."
Du denkst, sie war an dich gerichtet,
denn er unterschrieb mit "Papa".

Oft wartetest du an der Straße
auf seine Wiederkehr.
Obwohl es dich selbst enttäuschte,
später lediglich am Briefkasten
zu warten,
auf einen Brief,
ein paar Zeilen,
ein wenig durchdachteres Auf Wiedersehen.


IV.
Deine zweite große Lieben war älter als du.
Lediglich deine Mutter besorgte das.
Er rauchte, trank und spielte.
Er trug auch im Winter niemals dicke Jacken.
Er fluchte oft.
Einmal erzähltest du ihm von deinem Vater.
Eine wirkliche Antwort gab es dir darauf nicht.
Er sagte dir nur, dass du ein wunderbares
Leben hättest, kein Grund zum Jammern,
und führte seinen Standpunkt
mit Anekdoten aus dem Gefängnis aus.

Mit ihm war es an dem Tag zu Ende
als du nackt,
er nackt,
menschliche Gelüste erfüllen wolltet
und deine Mutter so laut schrie und gegen
die Wand schlug,
dass das einzige Foto von
deinem Vater und dir
zu Boden fiel.
Sie verließ aufgebracht die Wohnung.
Er kurz darauf auch,
wortlos, ohne einen Blick zurück.

In der Nacht kam deine Mutter zurück.
Du hattest dich auf dem Boden
zu einem Ball gerollt
und gehofft,
sie würde dich für tot halten.
Allerdings flossen Tränen aus deinen Augen:
Tote Körper weinen nicht.


V.
Als du alt genug warst,
warst du schneller aus dem Haus
als du bereit genug warst.
Du konntest nirgendwo hin,
und das Auffangen der Flaschen
hinterlässt einen kalt und
regungslos.
Niemand konnte dich fangen,
geschweigen denn halten.
Wenn es keinen gibt, der
dir zusieht zu fallen,
gibt es auch keinen,
der sieht wie du aufstehst.

VI.
Eindeutig zu viel Zeit verbringst
du auf den Knien,
im Namen der Säuberung,
über der Kloschüssel.
Nur hier konntest du
Vermissen,
vergessen.
Nur hier waren die Gedanken nicht
gefüllt von
Einsamkeit, Lieben, Vätern und
Kleidung, die nicht zusammen passt.


VII.
Du beginnst zu weinen.
Eigentlich solltest du dankbarer sein,
denn das bedeutet,
dass du nicht tot bist.

Kommentare:

  1. Liebes,
    Ich kann meine Gedanken zu deinem Post nicht ordnen. Ich möchte aber Worte da lassen. Für gute und nicht gute Zeiten.

    Ich mag deine Art - irgendwie. Und ich hoffe, du kommst gut durch die Nacht.

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  2. ich bin dankbar dafür, dass du nicht tot bist. dafür, dass wir nicht tot sind.
    du schreibst wunderschön. über so trauriges. aber auf so eine wunderschöne art und weise. herzschmerzend.
    alles liebe, alles liebe

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