Freitag, 30. Juni 2017

Die Besser-Toten

Einen großen häuslichen Trost
fand ich in ausgehöhlten Knochen, wie ein Tempel
aufgebaut auf Stock und Stein,
welche das Gebein weiterhin zerbrechen.
Oder wir leben den Friedhof,
den wir geschaffen;
Kannst du das Klopfen an den
Grabsteinen hören?
Das Schaufeln ändert uns nichts,
es ist die Absicht.
Selbstzerstörerisch und stets
einem Ende zugewandt.
Dem klappernden Zähnen als Zeichen
haben wir nichts zu beweisen.
Das Wasser unter der Duschen
färbt sich rot;
und das macht es wahrhaft schwierig,
seine Fehler zu verbergen.

Lange Nächte und unbeabsichtigte Worte
feilen uns nieder
zu fast-Nichts,
doch irgendwo gibt es
vielleicht
immer ein zu Hause.
Ich fand eines in der Anerkennung
von Schmerzen in fremden Augen.
In denen, die es (noch) nicht schaffen,
alles zu verbergen und vergraben,
was sie fühlen und gerne gefühlt hätten.
Lügen und Vergebungen,
ein gebrochenes Herz jagt das nächste:
Es ist absonderlich beruhigend
zu wissen,
man ist nicht der einzige Mensch,
der in Scherben liegt.
(Allerdings macht es das Leben oft
erträglich gar leichter,
wenn man sich zu denen hingezogen fühlt,
die es nicht sind.)
Und
Manchmal
Manchmal erwischten wir uns dabei,
uns regelrecht danach zu sehnen,
das kaputteste Individuum im Raum zu sein.
Denn das würde bedeuten,
wir hätten ein Anrecht darauf,
mit den Nicht-Gebrochenen verbunden zu sein.
Als würde niemand mehr Fragen stellen müssen,
die sowieso keiner beantwortet haben möchte.
Wenn das überhaupt Sinn ergibt,
wahrscheinlich eher nicht.

Wer uns unsere Recht verliest,
kann uns auch bestrafen.

Montag, 19. Juni 2017

Ein Hund mit drei Köpfen

Alle Straßen riechen nach Kerosin;
und du,
du bist ohnehin dein schlimmster Feind.
Symbolisch, in gebrochenen Fenstern
und brennenden Reifen.
Atmest schwarzen Rauch,
die auch Wolken aus menschlichen Gesichtern
widerspiegeln.
Verweilend.

Ein elektronisches Wispern unterdrückt
die Gewalt zu einem tiefen Surren.
Doch du kannst ja nichts sehen.
Diese definierenden Momente
hängen an rostigen Nägeln und
einem erschütterndem Beben.
Schleichend.

Verlorene Hoffnung gefunden,
die Urformen der Imagination
eingewickelt in Akzeptanz:
Genau hier liegt der Platz
zwischen den Klichees.

Irgendwann,
daran solltest du so fest glauben
wie ich,
vielleicht noch mehr,
wirst du gerettet werden.

Dienstag, 6. Juni 2017

Etwas Persönlicher

Wenn man missbraucht wird/wurde - ganz gleich welcher Form , fühlst du dich immer wie ein Einzelfall. Abgeschnitten und abgeschottet, nicht Teil des großen Ganzen.
Bitte - und dies sage ich aus meiner alleinigen, persönlichen (!) Ansicht - bitte nennt mich nicht einen Überlebenen. Immerhin befand ich mich nicht auf Mission. Nichts ist mutig daran, mit einem Messer unter dem Kopfkissen ein zu schlafen. Nichts ist wohl weniger heldenhaft als mit der Schlinge um den Hals, besoffen auf angesägten Stühlen zu stehen. Zu sagen, ich wäre stark, ist nicht nur grenzenlose Übertreibung, sondern isoliert mich in dem Gedanken, anders sein zu müssen, aufgrund von Taten, die ich zum damalien Zeitpunkt nicht in der Hand hatte.
"Ich bin auch nur eines dieser Kinder, welches missbraucht und vernachlässigt wurde", sage ich mir stetig. Ohne Reue und Wehmit in der Stimme, denn ich könnte auch nicht besser schlafen, würde ich Lügen erzählen. In diesem Sinne: Alpträume plagen mich.

Es liegt in der Neugier eines jeden Menschen, Details in Erfahrung bringen zu wollen. Auch sie wollen das große Ganze im Überblick. Nur frage ich mich oft, warum Unbeteiligte nach Genauigkeiten fragen, die ich nicht gewillt bin, zu teilen. Verschon mich bitte. Verschont auch bitte euch selbst. Wollt ihr ein Bewertungssystem erstellen und dann Trauma nach "grauenhaft", "gewöhnlich" und "beiß' einfach die Zähne zusammen" einteilen?
Eines kann ich dazu reines Gewissens sagen: Ungewollt macht ihr mich zum Verbrecher. Ich fühle mich gedrängt dazu, darauf zu bestehen, nicht "wie die" zu sein, darüber hinweg zu sein, nichts mehr mit all dem zu tun zu haben. Es geht niemanden etwas an und ich lasse es mich nicht definieren. (Ok, hier liegt tatsächlich etwas Lüge.)
Sicherlich reagiere ich anders als andere "Überlebene". Doch auch das liegt in der Natur des Menschens.

Heute früh wachte ich auf und mir liefen Tränen über die Wangen. Nicht ein Flashback oder schlechter Traum waren die Ursache, sondern die Realisation, dass ich so viele Jahre mit großen und kleinen Monstern verbracht habe, sondern auch in einer Kultur und Gemeinschaft gelebt habe, die es absichtlich übersehen, erlaubt und akzeptiert hat. (Erwachsene Menschen, wohlbemerkt.)
Ich fühle mich widerlich. Es fühlt sich an als wäre ich widerlich, möglicherweise bin ich das auch. Denn diese Erinnerungen und Gedanken besudeln den Rest Menschlichkeit in mir. Ohne Eigenidentität unterdrücke ich die Standbilder des Lebens, die hätten mit Lachen gefüllt sein müssen. In mir lebt Schande. Verdrängen, verdrängen, verdrängen - das ist die Devise, um nich von Ekel und mangelndem Lebenssinn überschwämmt zu werden.

(Da sind mehr Gedanken in meinen verworrenen Gehirngängen, doch fühle ich mich leer. Vom geschriebenen Wort verlassen, vom gesprochenem sowieso. Es ist einsam, irgendwie, nur nicht auf die Art wie man es vermuten würde. Wo sind die Zeiten hin, in denen ich ausdrücken konnte, was mich bewegt? Egal, wie dunkel und sinister diese Gedanken auch waren... Vielleicht kann es trotzdem jemand verstehen....)