Dienstag, 6. Juni 2017

Etwas Persönlicher

Wenn man missbraucht wird/wurde - ganz gleich welcher Form , fühlst du dich immer wie ein Einzelfall. Abgeschnitten und abgeschottet, nicht Teil des großen Ganzen.
Bitte - und dies sage ich aus meiner alleinigen, persönlichen (!) Ansicht - bitte nennt mich nicht einen Überlebenen. Immerhin befand ich mich nicht auf Mission. Nichts ist mutig daran, mit einem Messer unter dem Kopfkissen ein zu schlafen. Nichts ist wohl weniger heldenhaft als mit der Schlinge um den Hals, besoffen auf angesägten Stühlen zu stehen. Zu sagen, ich wäre stark, ist nicht nur grenzenlose Übertreibung, sondern isoliert mich in dem Gedanken, anders sein zu müssen, aufgrund von Taten, die ich zum damalien Zeitpunkt nicht in der Hand hatte.
"Ich bin auch nur eines dieser Kinder, welches missbraucht und vernachlässigt wurde", sage ich mir stetig. Ohne Reue und Wehmit in der Stimme, denn ich könnte auch nicht besser schlafen, würde ich Lügen erzählen. In diesem Sinne: Alpträume plagen mich.

Es liegt in der Neugier eines jeden Menschen, Details in Erfahrung bringen zu wollen. Auch sie wollen das große Ganze im Überblick. Nur frage ich mich oft, warum Unbeteiligte nach Genauigkeiten fragen, die ich nicht gewillt bin, zu teilen. Verschon mich bitte. Verschont auch bitte euch selbst. Wollt ihr ein Bewertungssystem erstellen und dann Trauma nach "grauenhaft", "gewöhnlich" und "beiß' einfach die Zähne zusammen" einteilen?
Eines kann ich dazu reines Gewissens sagen: Ungewollt macht ihr mich zum Verbrecher. Ich fühle mich gedrängt dazu, darauf zu bestehen, nicht "wie die" zu sein, darüber hinweg zu sein, nichts mehr mit all dem zu tun zu haben. Es geht niemanden etwas an und ich lasse es mich nicht definieren. (Ok, hier liegt tatsächlich etwas Lüge.)
Sicherlich reagiere ich anders als andere "Überlebene". Doch auch das liegt in der Natur des Menschens.

Heute früh wachte ich auf und mir liefen Tränen über die Wangen. Nicht ein Flashback oder schlechter Traum waren die Ursache, sondern die Realisation, dass ich so viele Jahre mit großen und kleinen Monstern verbracht habe, sondern auch in einer Kultur und Gemeinschaft gelebt habe, die es absichtlich übersehen, erlaubt und akzeptiert hat. (Erwachsene Menschen, wohlbemerkt.)
Ich fühle mich widerlich. Es fühlt sich an als wäre ich widerlich, möglicherweise bin ich das auch. Denn diese Erinnerungen und Gedanken besudeln den Rest Menschlichkeit in mir. Ohne Eigenidentität unterdrücke ich die Standbilder des Lebens, die hätten mit Lachen gefüllt sein müssen. In mir lebt Schande. Verdrängen, verdrängen, verdrängen - das ist die Devise, um nich von Ekel und mangelndem Lebenssinn überschwämmt zu werden.

(Da sind mehr Gedanken in meinen verworrenen Gehirngängen, doch fühle ich mich leer. Vom geschriebenen Wort verlassen, vom gesprochenem sowieso. Es ist einsam, irgendwie, nur nicht auf die Art wie man es vermuten würde. Wo sind die Zeiten hin, in denen ich ausdrücken konnte, was mich bewegt? Egal, wie dunkel und sinister diese Gedanken auch waren... Vielleicht kann es trotzdem jemand verstehen....)

Kommentare:

  1. fühle dich umarmt, in der hoffnung, es nimmt dir ein wenig deiner leere und einsamkeit
    - alles liebe ♥

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  2. Liebe Emaschi,
    du schreibst richtig, die Neugier liegt in der Natur des Menschen. Und manchmal ist Neugier gar nicht so verkehrt.
    Wie sollen die Menschen sonst erfahren, was da wohl in der Nachbarschaft abgeht, manchmal sogar ganz nah neben einem. woher sollen sie Details erfahren, um evtl. sogar eingreifen zu können, wenn sie gar nicht wissen, wo man anzusetzen hat, auf was man vielleicht achten, beachten sollte. Dies ist die gesunde Neugier, die auch beantwortet werden darf, ja sogar sollte.

    Ich finde es bewundernswert wie weit du dich hier schon geöffnet hast. Dazu gehören Mut und Selbstdisziplin.

    Gesunde Neugier also zu beantworten, kann vielleicht anderen Kindern helfen, wenn man weiß, welches Augenmerk das gute ist.

    Eine feine Zeit dir, genieße die Sonnentage
    wünscht dir mit herzlicher Umarmung
    Edith

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