Donnerstag, 2. August 2018

Vergewaltiger haben Namen

Und wenn du denkst, es gibt kein diesbezüglich wichtiges Thema mehr, welches du nicht längst durchgekaut hättest, präsentiert dein Gehirn Fragen, die es gar nicht wert sind beantwortet zu werden.
Zumal Antworten immer dazu aufrufen, sich im Kreise zu drehen, richtig?

+ ~ +

Ist Fremdsein manchmal die bessere Option als den Peiniger beim Namen nennen zu können?
Das unbekannte Abartige, das Monster aus der Tiefe anstelle von Mutter, Großvater, Tobias, Anna....
Die Fragen nach dem Warum und Weshalb werden auf beiden Seiten selten beantwortet. Und wenn, beruhigt dieses Wissen nicht das Schamgefühl.
Auf der anderen Seite löst Gesichtslosigkeit möglicherweise eine Paranoia aus, die aus "der/die Böse" "das Böse" macht.

Es macht keinen Sinn sich damit auseinander zu setzen, sage ich mir.

Mein Vergewaltiger hat einen Namen. Er hat ein Gesicht, einen Geruch, eine familiäre Nähe.
Ich hasse alles daran.
Ich hasse, dass ich ohne Begleitung die Wohnung nicht verlassen kann, weil mich irgendeine Gangart, eine Gestik, eine Brille, ein Deo,... an ihn, den ich mit Namen nennen kann, erinnert.
Ich hasse, dass sich die Angst, die sich seit meiner Kindheit in meinen Kopf manifestiert hat, mich daran abhält, ein Leben zu führen, welches mich nicht an den Klang seiner Stimme erinnert.
Ich hasse, dass ich mir selbst wie ein Lügner vorkomme, weil ich - gute Miene zum bösen Spiel -, nicht aussprechen kann, was mich quält, weil weitere Namen nie sehen oder gar verstehen wollten. Alles war für sie nur Drama, der Ruf nach Aufmerksamkeit, alles war für sie Schauspiel - wo soll Vertrauen herkommen?

Vor ein paar Tagen habe ich auf der Brücke gestanden, von der ich mich vor sechs Jahren stürzen wollte. Es sollte nicht so sein. Wahrscheinlich schlug mein Herz nur schwer vom Gewicht der unsichtbaren Beweise. Denn auf eine poetische Art und Weise habe ich mich getötet; schon vorher, damals mit den Tabletten, die mir gerade mal Magenschmerzen bereitet haben. Der Rest geschieht in meinem Kopf. Hier kann ich mir vorstellen, dass ich mit einem Ziegelstein auf ihm einschlage, so laut "NEIN! NEIN! NEIN" schreie, dass unsere Köpfe zu zerspringen drohen. In der Vorstellungskraft kann ich beißen und kratzen und schubsen und wütend sein, mich wehren. Manchmal kann ich sogar weinen, denn hier kann ich spüren, dass es auch andere Wege für und um Sex gibt.
Es ist nämlich schmerzlich furchtbar, dass ich diesen lieben Mann mich nicht anfassen lassen kann ohne mich zu schämen. Dass ich ihn mich nicht anschauen lassen kann ohne zu vergleichen. Dass ich kaum in dieser bestimmten Position sein kann ohne daran erinnert zu werden, dass dies die Position war, in der ich lernen musste, dass Er (den ich bei Namen nennen könnte, aber nicht kann) ein Vergewaltiger ist. Der Schmerz ist wieder real und nah, greifbar förmlich, obwohl da gar kein Schmerz sein sollte.

Es macht wirklich keinen Sinn, sich damit auseinander zu setzen.

Vergewaltiger haben Namen.
Für die andere Seite ist es belanglos, ob man ihn kennt oder nicht.
Oder doch nicht?
Ich bin mir nicht sicher. Kann nur gestehen, dass ich einen Namen für sein Gesicht habe, aber nicht weiß, was ich bin. Betiteln fällt leicht - so schnell ist ein Etikett gefunden für jeden Umstand, den man sich ausdenken kann.
Aber was bin ich, wenn seine Hände im Schlaf durch meine Haare fahren, während seine Brust sich gegen meine drückt und der Boden unter mit offen liegt?

1 Kommentar:

  1. Liebe Emaschi, ich wünsche Dir sehr, dass Du es irgendwann schaffst, seinen Namen zu nennen, dass Du die Wut von der Brücke mit nehmen und Du Dich überall und jederzeit wehren kannst. Ich wünsche es Dir. Liebe Grüße, Pirandîl

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