Mittwoch, 22. Juli 2020

Den Mund voll Asche

(Vorsichtige Triggerwarnung für Essstörungen)

Nackte Augen treffen nackte Haut auf nacktem Spiegel: "Jetzt nur nicht zu genau hinschauen... Einfach wegsehen", flüstere ich mir selber zu. Im Würgegriff der Selbstabscheu: Die Blicke fallen stets nach unten. Wie der letzte Rest des Selbstwerts. Ich fühle mich von mir selbst angewidert. 


[Unschuldige Kindertage:
Die Anzahl der Kilos ist unbedeutend bis das erste Mal fremde, kleine Hände in den Hüftspeck kneifen. Es folgen verletzende Worte, die ich damals noch gar nicht zu interpretieren wusste. Doch Vergleiche ziehen - ja, das konnte ich selbst zu diesen Tagen. Und diese Mädchen sahen so viel hübscher aus! Und sie passten auch in diese Hosen ohne das man eine Wampe über den Bund hervor quellen sah! Mit dem Einziehen des Bauches  kommt man nun einmal nicht weit. Wem wollte ich auch etwas vormachen? Spätestens beim Sportunterricht erkannte man jeden einzeln Muss-Noch-Weg-Kilo...
So lebt es sich auch durch diese miserablen Jahre. Vergleiche, Demütigung und Bauchmuskeln anspannen. Sich mit dem Gesicht zur Wand umziehen und Kommentare so gut es geht wegpacken.]


Über 20°C herrschen draußen, doch ich friere. Es ist diese Knochen-schüttelnde Kälte, die keine Tee und keine Decke wärmt. Nur wenn unnütze Zahlen so stolz und überragend über Selbstachtung stehen, fällt Verzicht nicht allzu schwer. Mit einem eingehenden Flüstern über Schlüsselbeine und leeren Mägen beginnt mein Zerfall. Stets steht der Anfang im Kopf. Letztendlich macht das aber auch keinen Unterschied.


[Mutter ist schon Ewigkeiten auf Diät. Auf der Küchentheke befanden sich zu jeder Zeit diverse Pillen und Anleitungen; Apfelessig, Kalorienverbrenner, Intervallfasten für Anfänger, Abführmittel - oft genug schlägt sie vor,  zusammen abzunehmen. Da ihre letzte Schwangerschaft (mit mir) ja ihre Figur ruiniert hätte, würde ich ihr das auch schulden. Selbstverständlich fügte sie ein kurzes Lachen an ihre Aussage. Allerdings wissen wir Beide, dass sie humorlos sowie manipulativ ist.
Als junger Teenager wuchs der Appetit (nach Aufmerksamkeit). Ohne Selbstbeherrschung, doch mit Pickel im Gesicht entscheidet man sich leicht für Fehlgriffe, die man später bereut. Zu dem Zeitpunkt versuchte es meine Mutter mit Rückhand-Erspressung: "Wenn du ein paar Kilo abnimmst, kaufe ich dir eine schickes, teures Kleid."
Doch ich war gegenteilig. Sollte eins, machte das andere und letztendlich wollte ich einfach nur essen. Es war mir egal, in welcher Form und Konsistenz es kam. An die hübschen, doch gemeinen Mädchen würde ich sowieso nie heran kommen. Ich wurde geboren, um das fette Kind zu sein, über das man sich lustig macht.
Es war auch gleichgültig, ob ich daneben saß während sie ihre Witze und Gehässigkeiten auf mich nieder regnen ließen. Ich habe ja sowieso nichts gesagt. Unwürdig, hässlich, unbrauchbar.]


Man weiß ja, was sie sagen über das Fressen von Gefühlen... keine Zeit zum Kauen, einfach runter mit dem Dreck. Es vergräbt die Leere in Kalorien, die an sich ja nicht diejenigen sind, die verurteilen. Die Schande verbirgt sich hinter einem um Sekunden zu lang gehalten Blick, der über die Beulen in der Kleidung gleitet. Einem betrügerisch-verheimlichenden Kommentar, der diverse Typ-geeignete Muster und Schnitte umwirbt.
Ich traue mich nicht mehr auf die Waage.


[Mit 16 hatten Jungs keinerlei Interesse an mir. Außer sie konnten im Englisch Unterricht von meinen Zetteln abschreiben. An sich war dies auch nicht meine Priorität. Nur hätte ich gerne gewusst, wie sich eine Hand in meiner anfühlt. Ein wenig Verstärkung für einen Weg, der sich wie das Aufbrechen der Erde anfühlte.
Mein Weg führte mich jedoch meist zum Kühlschrank, allein und tränenleer. Monat um Monat vergingen in diesem Trott. Wenn ich traurig war, aß ich. Wenn ich wütend war, aß ich. Wenn ich ängstlich war, aß ich. Genau, prinzipiell habe ich immer dann gegessen, wenn Zeit dafür war. (Und wenn keine Zeit vorhanden war, habe ich sie mir genommen.) Damals dachte ich, dass ich nicht ertrinken könne, wenn ich bereits am Ersticken bin. Was selbstverständlich eine fehlerhafte Logik war und nur im Nachhinein mit jugendlicher Unerfahrenheit vereinbar ist.]


Freundschaften verbrauchen sich an mir wie eine Box Taschentücher. Witzig, denn ich habe das Bedürfnis nach ihnen verloren geglaubt. Es war nicht die Angst vor Einsamkeit, sondern die Angst vor überflüssiger Zeit, in der man überflüssige Entscheidungen trifft, überflüssige Handlungen vollzieht und überflüssige Emotionen durchlebt.
Verzweifelt versuche ich die Augen nicht zu lange auf meiner Haut weilen zu lassen; aus Angst aus irgendeiner Pore könnte die Wahrheit hervor kriechen. Als würde eine verstopfte Talgdrüse mich verärgert anschreien: "Kannst du dich erinnern? Kannst du noch sehen wie fett du warst? Weißt du noch, wie sie dich verachtet haben? Weißt du noch wie es sich angefühlt hat? Weißt du noch?"
(Die Antwort ist Ja.)


[Das Höchstgewicht erreichte ich am Ende meiner Ausbildung. 68,6 Kilogramm. BMI 27.
Der Auslöser einer später beginnenden Diät war wohl die Ansammlung vieler kleinerer Explosionen.
Untätigkeit in Aktion. Ich hasste nicht nur meinen Körper, mein Aussehen; ich bemitleidete selbst den Boden, der mich tragen musste - und mein Geldbeutel hatte diese Fressorgien sowieso nicht verkraften können. 
Ein Schalter hat sich in meinem Schädel umgelegt. Aus dem sachten Flirten mit Selbstverletzung wuchs ein Todesmarsch. Das Ziel war überraschenderweise gar nicht so dünn zu sein wie die hübschen Mädchen, sondern das zu Widerspiegeln, was ich glaubte zu sein: Übersehbar, durchsichtig, verkommend... so dünn, dass man mich hätte ausradieren können.
Mein Vater meinte mal zu mir, dass man nichts beim Namen nennen sollte, was man nicht willig ist, zu behalten. Damals dachte ich, er wolle darauf hinweisen, dass die leeren Bier- und Schnapsflaschen nicht auf Alkoholismus hinweisen, sondern auf kulturelle Gepflogenheiten. 
Aber bekanntlich lebt man ja, was man lernt - und ich habe kein Wort darüber verloren. Habe nicht ausgesprochen, was ich wusste.]


Selbst das Wasser schmeckt hungrig, deshalb kann ich auch nicht richtig essen. Ehrlich - ich kenne mindestens einhundert Ausreden, warum mir schwindelig sein kann oder ich mich kraftlos fühle. Aber Störungen machen Menschen zu Lügnern, darum werde ich mir nicht zu schade sein, neue zu finden.
Leichter konnte diese Schwere wohl nie werden. Wochen verstrichen: Der kreischende Magen übertönte den Schmerz der Gelenke kaum. Ich kotzte mir die Kehle blutig, schluckte Tabletten und Abführmittel - alles, um mein Ziel zu erreichen. Schnell machte ich es mir zur Gewohnheit, meinen Selbstwert in Hände zu legen, die deren Nutzen nicht zu schätzen wussten.
Unbeschreiblich war der Moment, an dem die erste Kollegin erstaunt äußerte: "Wow. Hast du abgenommen? Du siehst wirklich gut aus!"
Bloß gut aussehen wollte ich nicht. Ich wollte verschwinden.


["Es schaut aus als würde die Hose dich tragen, nicht andersherum", scherzt mein damaliger Chef. Zaghaft lächle ich. Doch kann mich auf nichts konzentrieren, was nicht mit Essen zu tun hat. Ganzheitlich eingenommen von meinem Prozess der Verfalls triumphierte ich mit jedem porös-werdenden Knochen. All der Verzicht und vor allem all die Verschwendung (Salz, Lebenszeit, Nerven, Schlaf, Blut,..) muss doch eine Wendung bringen; muss einen einschneidenden Nutzen gehabt haben. 
Es gibt kein Halten. Kein Ende. Keine Erleichterung. Aus dem unscheinbaren Mädchen ohne Sauerstoffberechtigung wurde die, die nicht einmal mehr gewollt werden will.
Tiefstgewicht: 39 Kilogramm. BMI 15.
Noch immer fühlte es sich so an als hätte ich es verdient. Obwohl ich mich nicht detailgetreu an die Zeit mit der Sonde in der Nase erinnern kann, war diese Todesnähe zeitgleich die lose Verknotung zum Leben, die mir in den vergeudeten Jahren zuvor gefehlt hatte. 

Kein Wort und keine Geste konnten das ändern. Es tut mir leid. Wer am Tod herum kaut, schmeckt Asche. Genau so würde ich mein Konzept des Daseins beschreiben.]


Nackte Augen treffen nackte Haut auf nacktem Spiegel: 49,3 Kilogramm. BMI 19,5.
Das ist gesund, richtig? Zumindest mein Therapeut, dass ich nicht unter 48 Kilogramm kommen darf und ich sage mir, es dürfen keine 50 Kilogramm sein. Begründungen und Affinitäten verstreuen sich im Wind. Meine Narben liegen offen.
Diese Seelen-zerreibenden Stimmen sind immer noch da. Ab und an etwas leiser, aber allgemein präsent. Bisher habe ich mir nicht verziehen. Doch wenn es keine Schönheit in Menschlichkeit zu geben scheint, dann wenigstens in ihren Fehlern, richtig?


[Ich kann nicht versprechen, zu leben. Aber wenn ich das letzte Satzzeichen gesetzt habe, werde ich etwas essen.]

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